„Die Politik kann ihnen den Buckel runter rutschen!“ Das hier ist kein gewöhnliches Konzert

dzFolk Tales in der Konzertaula

„Folk Tales“. Das ist eine musikalische Reise, die genauso klangvoll wie tragisch ist. Ein Konzept-Konzert als emotionale Achterbahnfahrt, das die Zuhörer regelrecht von den Sitzen reißt.

von Niklas Mallitzky

Kamen

, 25.11.2019, 16:58 Uhr / Lesedauer: 2 min

Hunderte Besucher, die von ihren Plätzen aufstehen, um lauthals mitzusingen und zu klatschen - ein eher ungewöhnlicher Anblick bei einem Chorkonzert. Aber das „Folk Tales ‚bout this ‘n that“ am Sonntagabend ist eben auch kein gewöhnliches Konzert. Auf der Bühne der Konzertaula vereint Komponist und Chorleiter Reinhard Fehling gemeinsam mit dem Chor „Die letzten Heuler“, Gastsolisten und der Band „Die Folktellers“, Wiener Lebensart und amerikanische Lebensfreude, tragische und heitere Momente.

„Die Politik kann ihnen den Buckel runter rutschen!“ Das hier ist kein gewöhnliches Konzert

Von Wien in die USA - eine musikalische Suche nach Heimat beim großartigen Stück in der Konzertaula: Schauspieler und Sänger Michael Kamp in Aktion. © Stefan Milk

Wiener Kneipengänger von der aufmüpfigen Art begeistert

Die Reise startet in den Wiener Heurigen, in der Zeit kurz nach dem ersten Weltkrieg. „I bin a stiller Zecher“ gehört zu den ersten, großen Erfolgen, mit denen der Wiener Komponist, Kabarettist und Klavierhumorist Hermann Leopoldi auf sich aufmerksam machte. Der kurzweilige Titel, am Sonntag gesungen von Michael Kamp, begeisterte die Wiener Kneipengänger mit seiner aufmüpfigen Art.

„Die Politik kann ihnen den Buckel runter rutschen!“ Das hier ist kein gewöhnliches Konzert

Julia Treinies in ihrer Solo-Passage in der Konzertaula, für die sie viel Applaus erhielt. © Stefan Milk

„Die Politik konnte ihnen den Buckel runter rutschen“

„So wollten sie sein, die Wiener“, kommentiert die Dortmunder Kammerschauspielerin Barbara Blümel in der Rolle als Eugenie Kraus, Leopoldis erster Ehefrau, die damalige Stimmung. „Die Politik konnte ihnen den Buckel runter rutschen.“

Während auch der Titel „32 Groschen“ von Leopoldi als ganz klassisches Wienerlied daherkommt, ist das Stück „An der Périphérie“ deutlich sozialkritischer. Der Text, verfasst von Peter Herz, setzt sich mit dem Leben am Stadtrand auseinander, erzählt von Riesengasometern und heulenden Fabriksirenen, von Vorstadtmädeln mit großen Träumen, die doch nur sang- und klanglos verblühen. Auch musikalisch ist der erste Einsatz des Chores eher untypisch und so gar nicht wienerisch, sondern stark jazz-lastig und ungewohnt verrucht.

„Die Politik kann ihnen den Buckel runter rutschen!“ Das hier ist kein gewöhnliches Konzert

Malte Hinz (M.) war für die rockigeren Solo-Einlagen zuständig. © Stefan Milk

Zuweilen nur vordergründig leicht und unbeschwingt

Der Titel „Die Novaks aus Prag“ ist nur vordergründig leicht und unbeschwingt. Das Lied stammt aus Leopoldis Zeit im amerikanischen Exil, in das er sich nach Aufenthalten in den Konzentrationslagern in Dachau und Buchenwald retten konnte. So träumen die Mitglieder der Familie Novak von einem Leben in der Fremde, bis sie das Aufkommen des Nationalsozialismus zwingt, tatsächlich in die Fremde zu flüchten. Bezeichnend lautet die letzte Zeile: „Die Novaks, die träumen, in gemieteten Räumen von einem Ort nur, sie träumen von Prag.“

„Die Politik kann ihnen den Buckel runter rutschen!“ Das hier ist kein gewöhnliches Konzert

Margita Oebbeke bei ihrem Solo-Auftritt. Das Publikum ist am Ende des Konzerts begeistert, auf den Sitzen hält es niemanden mehr. © Stefan Milk

Gastfreundschaft der neuen Heimat, die USA

Auch der zweite Teil des Konzept-Konzertes, an dem Fehling rund ein Jahr lang gefeilt hat, setzt sich ungeahnt facettenreich mit dem Leben der verwendeten Künstler und Komponisten auseinander. Dem Nationalsozialismus entkommen, besingt Leopoldi im dem von seiner späteren Lebenspartnerin Helly Möslein verfassten Titel „Sweet Land of Liberty“ die Schönheit und Gastfreundschaft der neuen Heimat, die USA. Anders erlebte es Hanns Eisler, dessen Titel „Sweet Liberty Land“ nur namentlich dem Lied Leopoldis ähnelt. Als Kommunist verschrien, musste Eisler auch in der neuen Heimat mit vielen Repressalien umgehen und kritisierte entsprechend offen den Leistungsdruck der kapitalistischen Gesellschaft.

„Die Politik kann ihnen den Buckel runter rutschen!“ Das hier ist kein gewöhnliches Konzert

Die Kammerschauspielerin Barbara Blümel führte mit klangvoller Stimme und viel Feingefühl durch das Programm. © Stefan Milk

„No roots“ von Alice Merton und auch die Blues Brothers

Ebenso vielschichtig endet das Konzert, mit aktuellen Titeln wie „No roots“ von Alice Merton und dem Klassiker „Sweet Home Chicago“, bekannt aus dem Film „Blues Brothers“. Das Publikum ist begeistert, auf den Sitzen hält es niemanden mehr. Christoph Engels hat gemeinsam mit Inge Fehling das Konzert verfolgt und findet lobende Worte: „Es hat mit sehr gut gefallen. Mir persönlich gefallen die Texte von Eisler, da sie im Gegensatz zu Leopoldi klar politisch Stellung beziehen.“ Inge Fehling hat besonders der musikalisch untermalte Prosatext von Rosa Luxemburg gefallen: „Das war sehr bewegend.“

„Die Politik kann ihnen den Buckel runter rutschen!“ Das hier ist kein gewöhnliches Konzert

Zum Schluss griff der „Meister“ Reinhard Fehling selbst in die Saiten, um gemeinsam mit allen Künstlern und dem Publikum Woody Guthries „This Land Is Your Land“ zu singen. © Stefan Milk

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