Die letzte Werkstatt „um die Ecke“ in der Kamener Altstadt schließt

dzDirk van gen Hassend

Abschied von einem Stück Kamener Automobilgeschichte: Dirk van gen Hassend, 59, ist der Chef der einzigen Autowerkstatt in der Kamener Altstadt. Nun ist Schluss mit dem Traditionsbetrieb.

Kamen

, 20.11.2019, 18:39 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ein BMW mit Unfallschaden steht auf der Hebebühne in der Autowerkstatt von Dirk van gen Hassend an der Klosterstraße. Es ist einer der letzten Aufträge, die der Meister erledigen wird. „Ich habe mich entschlossen aufzuhören“, sagt der Inhaber der einzigen Autowerkstatt in der Kamener Altstadt.

Wieder gibt es einen Betrieb weniger, wo der Meister noch persönlich mit ölverschmierten Händen den Kundenauftrag per Handschlag besiegelt. Kein Showroom mit glänzenden Fliesenböden, keine Serviceberater mit iPhones zur Auftragsannahme – bei Dirk van gen Hassend läuft das Geschäft noch nach alter Schule.

Fachmann, der was drauf hat

Den Verzicht auf Bürokratie und die Erfahrung des gelernten Karosseriebauers schätzen die Kunden, und so war der Schock groß, als van gen Hassend in den vergangenen Tagen seinen Abschied ankündigte. Am Mittwoch war der letzte Öffnungstag. „Im nächsten Jahr hätten große Investitionen angestanden“, sagt der 59-Jährige. Das sei aber nur einer der Gründe fürs Aufhören. „Es ist schwierig, Fachpersonal zu finden, die was drauf haben“, sagt er. Drei Jahre lang habe er ergebnislos einen Nachfolger gesucht und dabei auch manche persönliche Enttäuschung erlebt.

Die letzte Werkstatt „um die Ecke“ in der Kamener Altstadt schließt

Die Autowerkstatt, die Dirk van gen Hassend 1999 neu startete, wurde 1961 von seinem Vater Gerhard gegründet. © Stefan Milk

Auf dem Hof steht wie ein Symbol für die Geschichte des Traditionsbetriebs ein dunkelroter Hanomag 206D, Baujahr 1975. Als junger Mann war der Besitzer mit dem Wohnmobil in Griechenland, Süditalien und Schweden unterwegs. Damals führte noch sein Vater Gerhard van gen Hassend die offizielle Vertretung für Autos der französischen Marken Simca und Citroën. Der Senior hatte den Familienbetrieb mit Werkstatt, Autohandel und Tankstelle 1961 eröffnet. „Hier waren mal 14 Mann beschäftigt“, erzählt der Sohn.

Sein erstes Auto war ein Simca

Natürlich war ein Simca, Modell 1100, das erste Auto von Dirk van gen Hassend. Simca verschwand vom Markt, es folgte Talbot. Später waren die Hausmarken Toyota und Seat. 1994 kam das das vorläufige Aus für das Unternehmen, in dem der Junior bis dahin zehn Jahre gearbeitet hatte. Aus der Werkstatt wurde ein Getränkemarkt.

Zunächst arbeitete Dirk van gen Hassend als Außendienstmitarbeiter bei einer Werkstattkette. „Ich war zwischen Rendsburg und Rügen unterwegs“, erzählt der Bergkamener. 1999 machte er sich an dem alten Werkstatt-Standort als Meister selbstständig, mit zwei Mitarbeitern, zunächst unter dem Dach der Werkstattmarke „123 Autoservice“, dann „Autocheck“ und zuletzt „Autopro“. Nach 20 Jahren Selbstständigkeit ist nun Schluss. Bis zum Jahresende werden Werkstatt und Büro ausgeräumt und besenrein an den Eigentümer übergeben. Der Hanomag und ein ausgeschlachteter Mercedes werden verschrottet.

Die letzte Werkstatt „um die Ecke“ in der Kamener Altstadt schließt

Dieses Oldtimer-Projekt wartet auf Dirk van gen Hassend: Er will diesen VW Derby, Baujahr 1978, wieder flottmachen. © Stefan Milk

Oldtimerprojekt für die Rente

Früher wohnte die Familie in der Wohnung über der Werkstatt. An der jetzigen Adresse kurz hinter der Kamener Stadtgrenze in Overberge könnten die Park- und Garagenplätze nun knapp werden. Van gen Hassend will als Vorruheständler einen Oldtimer, VW Derby, Baujahr 1978, aufbereiten und muss ihn irgendwo unterstellen. Den Wagen hatte sein Vater einst bei einem Automarkt unter der Hochstraße verkauft. Nach dem Tod des Besitzers kam es wieder zurück zur Familie.

Der Werkstattbesitzer ist und bleibt ein Autonarr, der schraubt und schweißt. Sein Lieblingswagen ist ein Youngtimer mit bereitliegendem H-Kennzeichen: ein grauer Mercedes 300TE, Baujahr 1989. „Das ist Qualität!“, sagt van gen Hassend. Und dann gibt es noch ein nicht ganz so altes Mercedes-Wohnmobil, mit dem der scheidende Inhaber der letzten Autowerkstatt in der Kamener Altstadt nun gemeinsam mit seiner Frau Dagmar in einen neuen Lebensabschnitt fahren kann.

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Wirtschaft: Firma Vahle
Mit Fleiß zum Erfolg: Als Fachlagerist schickt Niclas Georg täglich Ware auf die Reise
Hellweger Anzeiger Ausbildung
Woanders wurden diese Azubis verkannt: Jetzt sind sie zwei der fünf besten Auszubildenden aus NRW
Hellweger Anzeiger Letzter Kamener Standort dicht
Aus für Kettler auch am Zollpost: Outlet des Kettcar-Herstellers geschlossen
Meistgelesen