Die heikelste Kanalbaustelle der Stadt ruht seit über einem Jahr

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Für den Kanalbau-Stopp an der denkmalgeschützten Margaretenkirche ist bislang kein Ende in Sicht. Ein Abschluss der Bauarbeiten an heikler Stelle noch 2018 wird immer unwahrscheinlicher.

Kamen

, 11.09.2018, 12:50 Uhr / Lesedauer: 3 min

Zu früh gefreut: Ein Ratsherr aus Methler will an der Margaretenkirche neu aufgestellte Baucontainer, neues Baugerät und Absperrungen gesehen haben – als Vorboten für eine Wiederaufnahme der anspruchsvollen Kanalbau-Arbeiten an der denkmalgeschützten Margaretenkirche.

Doch Bernd-Josef Neuhaus, Chef der Stadtentwässerung Kamen, dementiert. Dass es unmittelbar weitergeht mit den Arbeiten, die seit über einem Jahr ruhen, kann er nicht bestätigen. Derzeit würden noch Feinabstimmungen auf Seiten der Baufirma Wittfeld laufen. Statische Prüfungen, von denen er vor der politischen Sommerpause im Betriebsausschuss des Stadtrats berichtet hatte, seien inzwischen abgeschlossen. Wann geht es weiter? Das kann er derzeit nicht sagen.

Die Kanalbauer sind an der Margaretenkirche bekanntlich in heikler Mission unterwegs, weil Schäden am Baudenkmal bei der Verlegung der Rohre ausgeschlossen werden müssen (siehe unten). Der Stadtentwässerungsbetrieb begann 2016 mit Kanalbauarbeiten im alten Dorf Methler. Zwischen Gantenbach und Otto-Prein-Straße wird auf einer Baulänge von insgesamt 190 Metern ein öffentlicher Mischwasserkanal erneuern. Mittendrin liegt der Lutherplatz mit der Margaretenkirche. An dem Gotteshaus ruht die Baustelle, während andere Teile schon fertiggestellt sind. Das 1,3-Millionen-Euro-Projekt umfasst mit allen Verzweigungen insgesamt 380 Meter Baulänge.

Wegen des ungewissen Baufortschritts hat die Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde inzwischen Bürgermeisterin Elke Kappen (SPD) um eine Klärung gebeten. Am 20. September soll es ein Gespräch zwischen der Gemeinde und der Verwaltung geben. Nun schon im zweiten Jahr muss die Gemeinde mit einer ruhenden Baustelle leben – und mit der Sorge, dass die Kirche die Bauarbeiten nicht unbeschadet übersteht. Ursprünglich sollten die Bauarbeiten im Sommer 2018 beendet sein.

Die heikelste Kanalbaustelle der Stadt ruht seit über einem Jahr

Die Kanalbaustelle an der Margaretenkirche ruht © Stefan Milk

Warum ist der Kanalbau neben der Margaretenkirche so heikel?

Die Kanalrohre, die erneuert werden sollen, verlaufen in ungefähr vier Meter Abstand unmittelbar neben der denkmalgeschützten Margaretenkirche. Die spätromanische Hallenkirche mit dem zweitältesten Turmhelm in Westfalen wurde im 13. Jahrhundert auf einem älteren Fundament errichtet, das aus der Zeit um das Jahr 1000 stammen soll. Das Fundament besteht nicht aus einer durchgehenden Bodenplatte, sondern die Mauern stehen auf einem Ring aus Feldsteinen. Es besteht die Gefahr, dass das Fundament durch den Kanalbau erschüttert wird und dass es Setzbewegungen nach dem Verfüllen von Baugruben gibt.

Wie gehen die Kanalbauer vor, um das Baudenkmal nicht zu gefährden?

Kanäle können prinzipiell in offenen Gräben verlegt werden oder in unterirdischen Bauverfahren. An der Margaretenkirche wollen die Kanalbauer aus Sicherheitsgründen kein herkömmliches Verfahren verwenden. Die Begriffe „Pressbox-Verfahren“ und „Pressverfahren“ werden dabei oft genannt.

Warum ruht die Baustelle seit mehr als einem Jahr?

Kurz vor dem Start der Bauarbeiten im Mai 2017 wurde der Plan, die Kanalrohre mithilfe einer sogenannten Pressbox zu verlegen, wieder verworfen. Das Spezialverfahren barg laut Gutachter ein Restrisiko. Demnach ist nicht der eigentliche Pressvorgang kritisch, bei dem Spundwände in die Erde gedrückt werden, sondern das spätere Verfüllen der Baugrube, wenn Flüssigmaterial eingespült wird. Es sei nicht ausgeschlossen, dass sich bei Anwendung des Verfahrens später Risse im Mauerwerk bilden könnten.

Welches Bauverfahren ist der Favorit der Kanalbauer?

Zunächst entschieden sich die Kanalbauer für das Pressbox-Verfahren, auch Dielenpressverbau genannt. Nachdem dieses wegen eines Restrisikos zunächst verworfen wurde, favorisierten sie ein anderes Bauverfahren, bei dem der neue Kanal im sogenannten Pressverfahren gelegt werden sollte. Aus einer Doppelpressgrube, die etwa zehn Meter in die Tiefe reicht, sollten dabei zwei Zielpressgruben erreicht werden. Mit großem Druck eines Stempels werden dabei die Rohre ins Erdreich gepresst. Inzwischen sind die Verantwortlichen aber wieder auf das ursprüngliche Pressbox-Verfahren zurückgekommen.

Warum gab es ein Hin und Her bei der Auswahlwahl des Bauverfahrens?

Erst Pressbox-Verfahren, dann Pressverfahren, nun wieder Pressbox-Verfahren: Der Hintergrund wurde im April 2018 vom Beigeordneten Uwe Liedtke im Betriebsausschuss des Stadtrats so erklärt: Es werde erwartet, dass es bei dem geplanten und ausgeschriebenen Verfahren im Dielenpressverbau („Pressbox“) bleibe. Kalkulatorische Gründe des ausführenden Bauunternehmens könnten für den Vorschlag, wieder das ursprünglich diskutierte Pressbox-Verfahren zu wählen, ursächlich gewesen sein. Das Bauverfahren werde wahrscheinlich nach drei bis vier Monaten im Herbst abgeschlossen werden, so Liedtke. Im Juni berichtete Stadtentwässerungs-Technikchef Bernd-Josef Neuhaus, dass man auf die Rückmeldung der bauausführenden Firma Wittfeld warte, welche die ihr vorgelegte Statik prüfe. Die Fertigstellung der Baumaßnahme sei für den Herbst 2018 geplant.

Wie funktioniert das Pressbox-Verfahren?

Die Pressbox ist eine rund 60 Tonnen schwere Maschine. Sie bildet eine abgeschirmte Baugrube von etwa sieben Metern Länge. Pressbox heißt sie deswegen, weil sie mit ihrem Gewicht die Spundwände langsam in den Boden presst. Normalerweise gibt es Vibrationen, wenn man diese Wände in den Boden treibt. Bei dieser Maschine werden Erschütterungen vermieden. Die Maschine presst die Wände nur solange in die Tiefe, wie es der Boden zulässt. Dann wird ausgeschachtet, damit ein weiterer Pressvorgang starten kann – bis die gewünschte Tiefe erreicht ist. In Methler soll eine Tiefe von fünf Metern erreicht werden, um die Kanalrohre, die einen Durchmesser von 80 Zentimetern haben, zu verlegen. Im Fachjargon bezeichnet man die Rohre aus Stahlbeton als DN800. Während beim herkömmlichen Kanalbau die Spundwände aus der Erde gezogen werden, wobei der Hohlraum in sich zusammen fällt, wird bei der Pressbox-Technik ständig Verdichtmaterial zugeführt. So sollen keine Hohlräume, die Setzungen begünstigen, entstehen.

Gibt es Überraschungen auf der Baustelle?

Aus Sicht der Kanalbauer soll die Verlegung der Rohre an der Margaretenkirche keine Horrorstory mit wackelnden Kirchenmauern werden. Die einzige Überraschung war bislang der Fund von Gebeinen. Die menschlichen Knochen stammen vermutlich aus der Zeit vor über 170 Jahren, als die Toten noch auf dem Kirchhof bestattet wurden. Bis dato galt die Annahme, dass nördlich der Kirche keine Bestattungen vorgenommen wurden. Die Gebeine werden bis zur Beisetzung auf dem Friedhof in der Friedhofskapelle aufbewahrt.

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