Aufregung an der Discounter-Kasse: Heidrun Grams will bezahlen, doch ihr Portemonnaie ist weg – vermutlich gestohlen von einem Trickdieb. Passieren solche Diebstähle wirklich andauernd?

Kamen

, 14.11.2018, 14:22 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wurst, Käse, Butter, Fisch – und was sie sonst noch so braucht: Heidrun Grams legt die Lebensmittel in den Einkaufswagen, als sie am Samstag, 3. November, bei Netto an der Bertolt-Brecht-Straße in Heeren-Werve einkauft. An der Kasse angekommen, will die Bönenerin ihre Geldbörse aus der Tasche holen, doch sie greift ins Leere. „Mindestens sechs bis zehn Mal wühlte ich die Handtasche durch, bis ich endlich begreifen musste: Sie wurde mir geklaut“, schildert die Kundin. Ihr Verdacht: Ein Trickdieb hat zugeschlagen, während sie einkaufte.

Der mutmaßliche Taschendiebstahl bei Netto ist kein Einzelfall – das glaubt Grams. Weil sie an der Kasse in der Aufregung laut gerufen hat, dass ihre Geldbörse geklaut wurde, sind andere Kunden auf sie aufmerksam geworden. Eine Dame habe gerufen: „Das passiert hier doch andauernd!“ Umstehende hätten zustimmend genickt. Ein Ehepaar habe ihr sogar noch einen Zettel mit einem Autokennzeichen gegeben, weil es auch schon einmal beklaut worden seiund einen Verdacht hegt.

Die Geschichte eines Taschendiebstahls – und passieren solche Taten wirklich andauernd?

Heidrun Grams und ihr als gestohlen gemeldetes Portemonnaie. © Privat

Hat es tatsächlich ein Trickdieb auf ahnungslose Supermarkt-Kunden in Heeren-Werve abgesehen? Während Grams sich entrüstet fragt, warum Netto nicht mit einem Schild vor aktiven Trickdieben warnt, kann die zuständige Kriminalpolizei keine auffällige Häufung von Taschendiebstählen an der Discounter-Adresse bestätigen. „Für den besagten Markt habe ich in unserem Bestand in diesem Jahr keinen angezeigten Fall gefunden“, sagt Thomas Röwekamp, Sprecher der Kreispolizeibehörde Unna. Allerdings würden Taschendiebstähle auch nicht statistisch nach Örtlichkeiten erfasst.

Die von Grams geschilderten Spekulationen der Kunden („Das passiert hier andauern“) lassen sich also mit den Angaben der Polizei weder bestätigen noch widerlegen. Theoretisch wäre es ja möglich, dass zwar mehrere Kunden bestohlen wurden, den Diebstahl aber nicht bei der Polizei anzeigten, zum Beispiel, weil sie an einen Verlust der Geldbörse glaubten.

Wird ein Taschendiebstahl angezeigt, ist es für die Polizei oft schwierig, den Fall aufzuklären. Wenn der Bestohlene den dreisten Zugriff erst mit zeitlichem Verzug bemerkt, sind die Täter über alle Berge. Die Ermittler wissen auch nicht, wo sie ansetzen können, wenn der Tatort und die Tatzeit unklar sind. Im Fall von Heidrun Grams, die an einem Samstag bestohlen wurde und am folgenden Montag zur Polizei ging, bietet sich immerhin der Ansatz, die Überwachungskameras des Netto-Markts auszuwerten. Der Discounter will zur Aufklärung beitragen.

Taschendiebstahl-Strafanzeigen seit drei Jahren rückläufig

Sofern sich die Wahrnehmung an der Discounter-Kasse, dass Taschendiebstähle „andauernd“ passieren, nicht bloß auf den Netto-Supermarkt an sich bezieht, ist sie durchaus zutreffend. Taschendiebstähle sind laut Statistik verbreitet, gleichwohl geht die Zahl der angezeigten Fälle in jüngster Zeit kontinuierlich zurück. Im Jahr 2016 erfasste die Kreispolizeibehörde Unna in ihrem Revier insgesamt 404 Fälle, im Jahr 2017 waren es 329 Fälle und im Jahr 2018 bis einschließlich September 218 Fälle. Die Entwicklung ist also alles andere als dramatisch.

Dass die Zahlen der angezeigten Taten seit drei Jahren rückläufig ist, kann außer sinkender Kriminalität auch andere Ursachen haben, zum Beispiel höhere Aufmerksamkeit der Kunden durch intensive Aufklärungsarbeit. Ehrenamtliche Seniorenberater sind mit Unterstützung der Polizei mit Infoständen und Vorträgen unterwegs und warnen beharrlich vor diversen Tricks der Diebe. Die Dauerpräsenz der Seniorenberater könnte aber auch einen psychologischen Täuschungseffekt auslösen: Wenn schon so oft gewarnt wird, liegt der Trugschluss nahe, dass es mit den Taschendiebstählen im Volksmund „immer schlimmer“ wird.

Ähnlich klingt es auch in den Worten von Heidrun Grams, die ihren Fall selbst öffentlich gemacht hat, weil sie andere Netto-Kunden vor einer vermeintlich gestiegenen Gefahr warnen will. „Abschließend muss ich auch noch sagen, dass sich die Sicherheit hier im Land zu einer schieren Katastrophe entwickelt hat. Früher hätte es sowas gar nicht gegeben! Jetzt wird man schon beim Einkaufen dreist beklaut!“, echauffiert sie sich.

Die Geschichte eines Taschendiebstahls – und passieren solche Taten wirklich andauernd?

Netto-Markt an der Bertolt-Brecht-Straße in Heeren-Werve. © Stefan Milk

In den Zahlen der Polizei zeichnet sich allerdings nicht nur revierweit, sondern auch in Kamen einen Rückgang der einschlägigen Strafanzeigen bei Taschendiebstahl ab. 2016 wurden 68 Taschendiebstähle in der Sesekestadt aktenkundig, 2017 war es 62 Fälle und 2018 waren es bis Ende September 31 Fälle. Zum Vergleich: In den Vorjahreszeiträumen waren es 46 Fälle bzw. 55 Fälle.

„Wenn die Zahlen von Taschendiebstählen sinken, ist dieses natürlich immer erfreulich aus polizeilicher Sicht“, sagt Polizeisprecher Röwekamp. Die Diebe schlagen aber weiter zu und die Polizei wird nicht müde, vor den Maschen der Ganoven zu warnen. „Daher kann man nicht häufig genug darauf aufmerksam machen, dass man seine Wertsachen immer im Auge haben soll. Immer wieder kommt es vor, dass Geldbörsen achtlos irgendwo hingelegt werden, auf Kassen in Supermärkten oder mal eben schnell auf den Rollator. Auch werden Handtaschen immer wieder nicht verschlossen getragen und ähnliches.“

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Heidrun Grams hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass ihre Geldbörse vielleicht irgendwo auftaucht. Denn bei dem Designerstück in rot-schwarzer Schlangenleder-Optik („Calvin Klein“) handelt es sich um ein Geschenk ihres Sohns aus den USA, an dem sie persönlich sehr hängt.

Wer Opfer eines Taschendiebstahls wird, kann davon einige abschreckende Geschichten im Bekanntenkreis erzählen. „In der Geldbörse waren natürlich Bargeld und alle möglichen Karten und Ausweise, Kundenkarten und Versicherungskarten, Führerschein. Die ganze Palette. Eine unglaubliche Rennerei, alles wiederzubeschaffen“, schildert Heidrun Grams. Die Bönenerin schreibt Romane und Kinderbücher unter dem Pseudonym Sarah Bellenstein und ist auch als Übersetzerin für amerikanische Literatur tätig. Ihr aufregendes Negativerlebnis hat sie sich erst einmal von der Seele geschrieben.

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