Die ersten „grünen Roten“ feiern Geburtstag

dz50 Jahre Naturfreunde Kamen

Herbert Jurasik hält vier verlassene Vogelnester aus dem Heerener Wald in den Händen. „So ordentlich sollten Schulaufgaben sein“, scherzt er und zeigt auf das ordentlich gefertigte Gewölle. Das Vorstandsmitglied der Naturfreunde Kamen nutzt die Vogelnester als Anschauungsmaterial für Kinder.

Kamen

, 26.07.2018, 12:59 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Natur erklären und erleben – das ist den Natur- und Wanderfreunden ein Herzensanliegen, seit der Ortsverband Kamen vor 50 Jahren von einer Gruppe um den Gewerkschafter Fritz Sieberg gegründet wurde. Die Gründung fiel nicht zufällig in die Zeit der kommunalen Neuordnung 1968, als Heeren-Werve ein Kamener Stadtteil wurde.

„Die Gründer, die zum großen Teil schon der Ortsgruppe Altenbögge-Bönen angehörten, waren der Überzeugung, dass in der neuen, größeren Stadt Kamen eine Ortsgruppe der Naturfreunde mit ihrem breit gefächerten Aufgabenkatalog eine Daseinsberechtigung hatte“, erklärt der Heerener Ortsheimatpfleger Karl-Heinz Stoltefuß in der Jubiläumsfestschrift, die bei der 50-Jahr-Feier am kommenden Samstag vorgelegt wird.

Günter Sprenger und Herbert Tschersich von den Naturfreunden Bönen halfen beim Aufbau der Kamener Gruppe, die zunächst im damaligen Jugendheim an der Heerener Straße beheimatet war. Kommunalpolitisch Aktive wie Fritz Sieberg, Otto Schilling, Walter Schott, Maria Reich, Ortsvorsteher Heinz-Georg Weber, der spätere Bürgermeister Werner Berg und Alfred Supper waren an der Gründung beteiligt.

Die ersten „grünen Roten“ feiern Geburtstag

Naturfreunde Herbert Jurasik (l.) und Horst Schwerte: Aufklärungsarbeit über die heimische Pflanzen- und Tierwelt. © Marcel Drawe

Aus der Arbeiterbewegung hervorgegangen

Natur- und Umweltschutz, Wandersport, Radwandern, Tourismusförderung, Kultur: Die Naturfreunde sind ähnlichen Zielen verbunden wie der ebenfalls Ende des 19. Jahrhunderts gegründete Sauerländische Gebirgsverein (SGV), steht aber in der Tradition der Arbeiterbewegung, die schwer arbeitenden Menschen aus grauen Städten einen Zugang zur Natur erschließen wollte und politische Ziele verfolgte. „Die Naturfreunde, das sind die ersten grünen Roten“, formuliert SPD-Bundestagsabgeordneter Oliver Kaczmarek in der Festschrift.

Der Volksschullehrer Georg Schmiedel, der Sensenschmied Alois Rohrauer sowie der spätere österreichischen Kanzler Karl Renner gründeten die Naturfreunde 1895. Die Nationalsozialisten verboten den sozialistischen Wanderverein, während der bürgerliche SGV gefördert wurde. Nach dem Krieg konnten die Naturfreunde ihre Arbeit wieder aufnehmen, sie setzten sich beispielsweise für den Erhalt von Naturdenkmälern und Lebensräumen ein. Durch ihre Beteiligung an der Friedensbewegung zeigte sich ihr politischer Anspruch.

Ernst Schulze-Bramey seit 38 Jahren Vorsitzender

Die seit 38 Jahren von Ernst Schulze-Bramey geleitete Kamener Ortsgruppe hat rund 20 Mitglieder, die meisten im Rentenalter. Wenn sie nicht gerade wandern oder mit dem Fahrrad unterwegs sind, Tagesfahrten und längere Reisen unternehmen, Nistkästen aufhängen oder Kindern die heimischen Tier- und Pflanzenwelt erklären, dann treffen sie sich zum Klönen im Vereinsheim, das seit 1982 im Keller der Pausenhalle der Astrid-Lindgren-Schule (früher Brüder-Grimm-Schule) an der Westfälischen Straße liegt.

Die Vorstandsmitglieder Herbert Jurasik und Horst Schwerte streben einen engen Kontakt mit Schulen und Kindergärten an, auch mit Blick darauf, dass die Jugendarbeit einst ein Stolz der Ortsgruppe war. „Wir suchen die Begegnung mit der Natur“, sagt Horst Schwerte. Herbert Jurasik findet, dass im Zeitalter des Smartphones und der Playstation immer schwieriger wird, jüngere Menschen für die Naturfreunde zu begeistern.

Der Vorsitzende Schulze-Bramey könnte zum Jubiläum eine Rede hervorholen, die er schon vor 20 Jahren hielt, denn sie klingt hochaktuell. Die Naturfreunde seien nicht unpolitisch, schon gar nicht in einer Zeit, die gekennzeichnet sei von Nationalismus, Sozialabbau und politscher Dummheit, erklärte er bei einer in der Festschrift dokumentierten Ehrungsfeier im Jahr 1997. „Die über 100-jährige Geschichte der Naturfreunde ist geprägt von den Ideen der sozialen Gerechtigkeit, Demokratie, Freiheit und Menschenwürde.“

  • 1968. (20. November). Gründung der Ortsgruppe Naturfreunde Kamen unter Vorsitz von Fritz Sieberg; der Mittelpunkt der Vereinsaktivitäten ist bis 1977 das Jugendheim an der Heerener Straße.
  • 1977. Erste eigene Räumlichkeiten in der Käthe-Kollwitz-Schule an der Bergstraße. Die Ortsgruppe zählt 167 Mitglieder.
  • 1979 Helmuth Lungenhausen als Nachfolger von Karl-Heinz Stoltefuß zum Vorsitzenden gewählt.
  • 1980. Ernst Schulze-Bramey zum Vorsitzenden gewählt.
  • 1982. Neues Vereinsheim mit zwei Räumen und Teeküche in der Brüder-Grimm-Schule (heute Astrid-Lindgren-Schule) bezogen.
  • 1987. Erste Nistkästen gebaut und im Wald am Pröbstingsholz aufgehängt.
  • 1990. Sanierung des Vereinsheims
  • 1992. Die Naturfreunde reisen nach Berlin und in Kamens Partnerstadt Beeskow
  • 2001. Das Ausbleiben junger Mitglieder wird beklagt.
  • 2018. Bei einem Empfang am Samstag, 28. Juli, 11 Uhr, im Vereinsheim wird das 50-jährige Bestehen der Ortsgruppe gefeiert.
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