Wer wissen will, was sich in den vergangenen 40 Jahren an der Börse getan hat, der muss Joachim Kosmann fragen. Er hat 1979 einen Börsenclub gegründet, der noch immer aktiv ist.

Kamen

, 18.06.2019 / Lesedauer: 4 min

Joachim Kosmann hat noch Aktien von der Girmes AG. Der aufgedruckte Nenn-Wert beträgt 50 D-Mark, doch dieses Wertpapier ist nichts mehr Wert. Das Textilunternehmen von Niederrhein meldete 1989 Insolvenz an, die Aktionäre guckten in die Röhre: „Das war ein Totalverlust“, sagt Kosmann. Auch solche haben er und seine Vereinsfreunde vom „Effektenclub E.C. Börsling“ erlebt. Sie kennen das Auf und Ab an den Börsen.

Börsenclub-Mitglieder erleben seit 40 Jahren das Auf und Ab der Aktienkurse

Damit alles seine Ordnung hat, liegt dem Börsenclub-Leben eine Satzung zugrunde. Sie wurde in den vergangenen 40 Jahren mehrfach geändert. © Marcel Drawe


Gründung im Juni 1979

Im Juni 1979 haben sie sich zusammengetan, um gemeinschaftliche an der Börse zu spekulieren. In diesen Tagen feiert der Club dementsprechend sein 40-jähriges Bestehen. Joachim Kossmann ist immer noch an der Börse aktiv, gemeinsam mit Bernd Spieker, einem weiteren Gründungsmitglied, und vier anderen Aktieninteressierten - darunter auch Joachim Kosmanns Ehefrau Martina. Die Kosmanns, die seit 1986 verheiratet sind, haben sich einst bei der Volksbank Kamen (heute Volksbank Kamen-Werne) kennengelernt. Dort arbeitete der heute 64-jährige Joachim Kosmann auch schon 1979, als er den Börsenclub gründete. Volksbank-Kunden, sich für die Börse und Aktien interessierten, gab es damals kaum.

Börsenclub-Mitglieder erleben seit 40 Jahren das Auf und Ab der Aktienkurse

Heutzutage verfolgt Club-Geschäftsführer Joachim Kosmann die Entwicklung an der Börse am Computer. © Marcel Drawe


Aktien spielten im Voksbank-Alltag keine Rolle

Im Berufsalltag hatten Kosmann und Spieker auch nur wenig mit Wertpapieren zu tun. Aber genau das wollten sie ändern: Deshalb verfasste Kosmann einen Rundbrief mit einem Aufruf zur Börsenclub-Gründung an alle Kollegen. „Unsere Vorgesetzten haben den Plan unterstützt“, berichtet er. Und so fand sich ein Kreis von Wertpapier-Interssierten, die sich zunächst einmal auf einen Namen für den Club einigen mussten. Weil es sich am Anfang um kleines Projekt handelte, dass noch wachsen sollte, entschieden sie sich aus mehreren Vorschlägen für „Börsling“ als Verkleinerungsform der Börse. Um weil es um Geld ging, musste alles mit Recht und Ordnung zugehen. Die Club-Gründer schrieben eine Satzung, die den Vereinsaktivitäten noch immer zugrunde liegt, auch wenn sie im Lauf der vergangenen Jahrzehnte etliche Änderungen erfahren hat.

Börsenclub-Mitglieder erleben seit 40 Jahren das Auf und Ab der Aktienkurse

Damit alles seine Ordnung hat, liegt dem Börsenclub-Leben eine Satzung zugrunde. Sie wurde in den vergangenen 40 Jahren mehrfach geändert. © Marcel Drawe


Die ersten Aktien kamen von VW und Hitachi

Bei jeder Versammlung der Aktionäre wurde penibel Buch geführt – anfangs noch mit Stift und Papier, später dann am Computer. Die Protokolle bewahrt Kosmann, der seit 1979 als „Börsling“-Geschäftsführer fungiert, bei sich zu Hause in Wasserkurl auf. Und kann deshalb genau sagen, welches die ersten Aktien waren, die der Club kaufte: Anteilsscheine von Volkswagen, des japanischen Konzern Hitachi und der „Industriewerke Karlsruhe und Augsburg“, die heute als Maschinenbauunternehmen Kuka firmieren und sich im chinesischen Mehrheitsbesitz befinden. „In Hochzeiten hatten wir zwölft Mitglieder“, sagt Kossmann. Heute noch sind noch sechs übrig, die den langfristigen Anstieg des Börsenindex erlebt haben. „Als wir anfingen, stand der Dax ungefähr bei 1000“, erinnert sich Kosmann. Aktuell liegt er deutlich über der 12.000er-Marke. Spieker weiß auch noch, wie in den späten 90er Jahren das Börsenfieber in Deutschland ausbrach: „Das fing mit der Telekom-Aktie und der Werbung mit Manfred Krug an.“ Damals verloren viele Anleger Geld. Die Börsling-Mitglieder nicht: „Telekom haben wir nie gekauft“, sagt Kosmann.

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Rekordverlust im Jahr 2002

Im Aktien-Boom-Jahr 1999 stieg der Wert des „Börsling“-Depots um den Rekordwert von 48 Prozent. Aber natürlich blieben Kosmann und Co. nicht von den diversen Börsen-Crashs und den damit verbundenen Verlusten verschont. 2002, als der Neue Markt zusammenbrach, stand zum Beispiel am Jahresende ein Minus von 46 Prozent. „2003 haben wir aber schon wieder ein Plus von 40 Prozent gemacht“, sagt Kosmann. Auch die jüngste Finanzkrise hat „Börsling“ glimpflich überstanden. „2008 ist der Wert unserer Aktien um 20 Prozent gesunken“, erinnert sich Kosmann. Aber 2008 ging es schon wieder um 10 Prozent nach oben. Und nach 40 Jahren stehen unter dem Strich deutlich schwarze Zahlen, versichern Kosmann und Spieker. Wer ihren Erzählungen aus 40 Jahren „Börsling“ lauscht, der kommt allerdings zu dem Schluss, dass Gewinnstreben allein keineswegs das wichtiges Motiv des Börsenclubs ist: „Man freut sich, wenn die Kurse steigen“, sagt Spieker. „Aber reich wird man damit nicht.“

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