Ein Kapellmeister, mit seinem riesigen Schnauzbart eine imposante Erscheinung. Und ein Oberst, der mit einer Trittleiter sein stämmiges Pferd „Hektor“ besteigt. Die Chronik ist reich an Anekdoten.

Kamen

, 25.01.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

200 Jahre Schützenverein Kamen – das ist ein Ereignis, das an diesem Sonntag, 26. Januar, mit einem Festakt, zu dem sich Heimatministerin Ina Scharrenbach angekündigt hat, gebührend gefeiert wird. Los geht es in der Schützenheide um 11 Uhr.

Dabei geht der Blick auch in die Geschichte. Wolfgang Freese, seit 1976 Mitglied im Schützenverein und seit 19 Jahren Pressewart, hat mit aufwendigen Recherchen eine Chronik des Schützenvereins zusammengetragen.

Diese beginnt bereits im Jahr 1820. In diesem Beitrag allerdings wirft er einen Blick auf die Zeitspanne von 1950 bis 1980, eine Blütezeit der Schützenvereine. Hier ist die Chronik in Auszügen. Wer die gesamte Chronik lesen möchte kann das auf der Website des Schützenvereins unter http://sport-und-tradition.de/geschichte-schuetzenverein-kamen.

Mitglieder kommen aus Kriegsgefangenschaft zurück

1950: Das Jahr des Neubeginns. Die alten Kompanien sammeln ihre Mitglieder, die überlebt haben und die aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrt sind. Ein erstes Treffen in der Gaststätte Ring beschließt unter Karl Ebbinghaus eine Versammlung zur Neugründung. Am 3. Juni findet im Gasthof Rieder die Gründungsversammlung statt, 44 Schützen sind anwesend. Eine Mitgliederversammlung wählt am 23. August einen neuen Vorstand für den Verein, der sich nun „Schützenverein Kamen 1950“ nennt.

Mit der Trittleiter auf das stämmige Pferd Hektor. Ereignisse aus 200 Jahren Schützenverein

1950 durfte sich der Verein neu aufstellen und 1951 ein Schützenfest feiern, bei dem dann Louis Kümper wieder als Regimentschef auf einem schweren Ackerpferd das Regiment anführen darf. Der Oberst mit gewichtiger Leibesfülle zeigt sich urwüchsig-volkstümlich und lässt sich zum Gaudi des Publikums auf dem Marktplatz einen Schemel bereitstellen, damit er sein Pferd besteigen kann. © Privat

Mit einer Trittleiter auf das stämmige Pferd Hektor

1951: Das Jahr beginnt verheißungsvoll. Der sogenannte Organisationsausschuss für gesperrte Vermögen in Celle teilt mit, dass die Rückübertragung des Vereinsvermögens in Kürze erfolgen wird, was dann auch geschieht. Der Vorstand beschließt, vom 29. Juni bis zum 1. Juli das erste Schützenfest nach dem Kriege zu feiern. Das Fest selbst wird ein riesiges Volksfest. Ganz Kamen ist auf den Beinen. Neuer König wird Paul Hagedorn, der Frieda Menne zur Königin erwählt. Das Königspaar präsentiert sich im Festzug der Kamener Bevölkerung, die den Marschweg in dichten Reihen säumt.

Vor der Parade ein Bild Kamener Urwüchsigkeit: Franz Beckhaus hilft dem schwergewichtigen Oberst Louis Kümper mit einer Trittleiter, sein stämmiges Pferd „Hektor“ zu besteigen. Die Festmusik führt die Bergkapelle Monopol aus unter dem Kapellmeister Franz Vogt, mit seinem riesigen Schnauzbart eine imposante Erscheinung. An der Polonaise auf dem Markt nehmen etwa 500 Paare teil. Ca. 8000 Menschen schauen dem Ereignis zu.

Mit der Trittleiter auf das stämmige Pferd Hektor. Ereignisse aus 200 Jahren Schützenverein

Bogenschießen bereichert das sportliche Angebot seit einigen Jahren. Dafür wurden eigene Anlagen eingerichtet. © Stefan Milk

Bergschäden an der Schützenheide

1952: Im Sommer findet ein Regimentsbiwak in der Schützenheide statt. Am 28. August stirbt der langjährige und letzte Vorsitzende des alten Bürgerschützenvereins, der Zeitungsverleger Wilhelm Felting. An seinem Grab singt der MGV Einigkeit.

1953: Anfang des Jahres wird die Renovierung des Schießstandes in der Schützenheide abgeschlossen. Das Jahr steht im Zeichen des Schützenfestes vom 3. bis 6. Juli. Vor dem Fest stehen auch ein Biwak und ein Kinderschützenfest auf dem Programm. 300 Kinder ziehen vom Schützenhof zur Schützenheide.

1954: Beim Kostümfest am Karnevalssamstag (27.02.) treten die Roten Funken aus Dortmund auf. Am 28. und 29. August finden wieder Biwak und Kinderschützenfest statt. An den Baulichkeiten in der Schützenheide treten Bergschäden auf.

1955: Vor dem Fest werden einheitliche Schützenröcke beschafft, zunächst nur für den Regimentsstab und die Fahnenabordnung. Schützenfest ist vom 8. bis 11. Juli unter dem Königspaar Xaver Quante und Auguste Henter. Die neue Königin stiftet die erste Königinnenschärpe.

Mit der Trittleiter auf das stämmige Pferd Hektor. Ereignisse aus 200 Jahren Schützenverein

Anpacken ist gefragt, wenn es darum geht, die Schützenheide auf Feste vorzubereiten. Dieses Bild stammt aus dem Jahr 2005. © Archiv

Der Schützenhof wird abgerissen

1956: Auftrieb des Schießsports. Der Verein stiftet den Julius-Pankok-Karl-Zumbansen-Pokal. Die Kompanien haben eigene Schießstände in den Gastwirtschaften Hoselmann, Tillmann, Hägerich und Biermann. Im November verschwindet ein Stück alter Kamener Tradition: Der Schützenhof wird abgerissen (heute Standort ehemaliges Schuhhaus Wolter).

1957: Erstmals gibt mit Hubert Beckmann wieder ein Kamener Bürgermeister den Ehrenschuss beim Vogelschießen ab. Der Königsschuss gelingt Theo Herrmann, seine Königin ist Christel Neff.

Eine außerordentliche Jahreshauptversammlung beschließt mit einer neuen Satzung auch die Umbenennung des Vereins. Von nun an heißt er „Schützenverein Kamen von 1820 e.V.“. In diesem Jahr dichten Franz Pusch und Heinrich Mertens das Regimentslied.

1958: Am 1. Januar zählt der Verein 223 Mitglieder. Höhepunkt des Jahres ist der Königsball.

1959: Das Königspaar des Jahres heißt Gustav Menne und Lina Hünerbein. Zum letzten Mal wird ein König mit der alten Königsschärpe dekoriert.

1960: Der Königsball ist Höhepunkt des Jahres. In der Zukunft wird er im schützenfestfreien Jahr stets das Hauptereignis sein.

Den Alten Markt schmücken erstmals städtische Fahnen

1961: Der Königsschuss gelingt August Wilhelm Hofmeister, genannt „Auwi“, der seine Frau Ruth zur Königin nimmt. Der neue König wird als erster mit einer Königskette proklamiert. Bei der Proklamation wird ein Königstrunk kredenzt, wozu der silberne Königspreislöffel des Jahres 1834 dient, der von der Familie Frieling dem Verein geschenkt wurde.

1962: 299 Mitglieder gehören dem Verein an.

1963: Glücklicher Königsschütze ist Gustav Ebbinghaus, seine Frau Marianne wird Königin. Das Festzelt steht auf dem Neumarkt (Schulhof der Falkschule), wo auch die Polonaise aufgeführt wird.

1964: Der Königsball in der Schützenheide am 19. September ist der Mittelpunkt des gesellschaftlichen Vereinslebens. Viele Gastkönigspaare nehmen teil. Besonders geehrt wird die Alterskönigin Charlotte Mertin.

1965: Am 1. Januar hat der Verein 310 Mitglieder. Auf dem Galaappell des Offizierskorps am 16. Juli stiftet König Gustav Ebbinghaus eine neue kleine Königskette, die alte schwere Kette soll nur noch bei hochoffiziellen Anlässen getragen werden müssen.

Vom schwedischen König Gustav VI. Adolf begrüßt

1966: Im Juli nehmen die Sportschützen an einem internationalen Wettbewerb in Ängelholm teil. Während ihres Aufenthaltes in Schweden werden sie vom schwedischen König Gustav VI. Adolf mit Handschlag begrüßt.

1967: Wieder ist Schützenfestjahr. Beim Gala-Offiziersappell vor dem Fest begrüßt die Vereinsspitze die Sport-Schützen des Schießklubs aus Kamens Partnerstadt Ängelholm in Schweden, an der Spitze ihr Präsident Åke Lindblom.

1968: Bangen um die Schützenheide. Doch Verkaufspläne müssen erfreulicherweise nicht realisiert werden.

1969: Ende September trifft sich das Regiment zu Biwak und Kinderschützenfest bei Düfelshöft in Südkamen.

Prachtvoll gestaltete Bürgermeisteramtskette übergeben

1970: Jubiläumsjahr mit 277 Mitgliedern zum 1. Januar. Das Festprogramm erstreckt sich über neun Tage. Die Festrede der Eröffnungsveranstaltung am 21. Juni in der Konzertaula hält Landrat Jürgen Girgensohn. Darin weist er dem Schützenverein für die Zukunft die gesellschaftspolitische Aufgabe zu, Neubürger der Stadt zu integrieren und eine Stätte moderner Freizeitgestaltung zu sein. Im Verlauf des Festaktes überreicht der Schützenverein, als ältester Heimatverein sich berufen fühlend, dem Schirmherrn des Jubiläumsfestes, Bürgermeister Friedhelm Ketteler, eine prachtvoll gestaltete Bürgermeisteramtskette.

1971: Das Feiern kommt auch in diesem Jahr nicht zu kurz: Karnevalsfest, Hofball bei König Bachmann, Biwak auf der Besitzung von Gerd Muermann (Ponderosa) in Overberge, Königsball bei Bergheim.

1972: Zu Jahresanfang 325 Mitglieder. Wieder wird ein Schützenfest nach alter Tradition gefeiert. Gustav Schmidt gelangt zu Königsehren, seine Frau Annemarie wird Königin. Beim Festzug gefällt dem Publikum besonders ein 70 Mann starkes Musikkorps der englischen Garnison in Werl.

Erstmals den „Kömschen Bleier“ verliehen

1973: Ein Festausschuss unter Heinz Bachmann führt erstmalig einen Rosenmontagsball durch. Besondere Attraktion ist die Stiftung des Vereinsordens „Kömscher Bleier“, der an Kamener Bürger verliehen werden soll, die sich um das gesellschaftliche Leben in der Stadt besonders verdient gemacht haben. Als 1. Träger wird Herbert Heitfeld, der Vorsitzende des Heimat- und Verkehrsvereins, dekoriert.

1974: 374 Mitglieder. Mit dem „Kömschen Bleier“ ehrt der Verein Hans Thiemann, den langjährigen Vorsitzenden des VfL Kamen. Beim Vogelschießen am 18. Mai gibt Bürgermeister Ketteler den Ehrenschuss ab. Den Königsadler erlegt Adolf Saarbeck, seine Frau Ingrid steht ihm als Königin zur Seite.

1975: Bürgermeister Friedhelm Ketteler wird dritter Träger des Ordens „Kömscher Bleier“. Die Schützen danken „Auwi“ Hofmeister mit der Verleihung des Titels „Ehrenoberst“.

1976: Der bekannte Kamener Rechtsanwalt und Mitglied der 3. Kompanie, Dr. Josef Weskamp, erhält als vierter Träger die Auszeichnung „Kömscher Bleier“.

Der Königsschuss des Festes gelingt dem begeisterten Schützen Theo Wilking, Gattin Hildegard wird Königin. Dieser Schuss macht Vereinsgeschichte, 1123 Schuss waren nötig, den stolzen Holzvogel zur Strecke zu bringen.

Vogel nach Schlager benannt: „Theo von Lodz“

1977: Den Rosenmontagsball in der Konzertaula verlässt Stadtdirektor Fritz Rethage als fünfter Träger des Ordens „Kömscher Bleier“.

1978: Vor dem Fest wird eine bereits schon früher übliche Zeremonie absolviert: es findet eine Vogeltaufe statt. Die noch amtierende Königin Hildegard Wilking tauft den Königsadler auf den Namen „Theo von Lodz“. Ein populärer Schlager dieses Jahres und Ehemann und König Theo sind die Paten.

1979: Zum sechsten Mal wird der Orden „Kömscher Bleier“ vergeben, neuer Träger ist der Pädagoge und bekannte Dirigent Karl Mank sen. . Das Jahr schließt mit einem Mitgliederstand von 344.

1980: Das neue Königspaar heißt Henner Pätzold und Hildegard Herkendell. Erstmals wird in diesem Jahr mit einer alten Tradition gebrochen. Statt in einem Festzelt findet das Fest in der Doppelturnhalle am Koppelteich statt. König Henner und Königin Hildegard nehmen eine ältere Tradition wieder auf und besuchen in der Weihnachtszeit das Seniorenzentrum.

Mehr über den Kamener Schützenverein gibt es unter der Webadresse „http://sport-und-tradition.de/geschichte-schuetzenverein-kamen/“.
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