Während die Stadt Kamen die Verhandlungen um das denkmalgeschützte VHS-Haus vorantreibt, versuchen Ortsheimatpfleger, den Immobiliendeal zu verhindern. Sie fordern eine öffentliche Debatte.

Kamen

, 25.10.2018, 15:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Kamener Ortsheimatpfleger unternehmen einen Vorstoß, um das städtische VHS-Haus am Geist 1 vor dem Verkauf zu bewahren. Sie haben einen offenen Brief verfasst, der nicht nur an das Rathaus, sondern auch an die Fraktionen des Stadtrats und die Denkmalbehörde in Münster gegangen ist.

Die Heimatpfleger sind der Meinung, dass die Stadt derlei kulturhistorisches Gut nicht verkaufen darf. Wie berichtet, hatten sie sich überrascht gezeigt, dass der Immobilendeal schon kurz vor dem Abschluss steht. Der Vorgang hatte eine rege öffentliche Diskussion ausgelöst. Für Empörung hatte die Aussage des ehemaligen SPD-Ratsherren Heiko Klanke gesorgt, der in einem Leserbrief die Kritiker als „Hobbyhistoriker“ und „Schreihälse“ bezeichnet hatte. Ein Niveau, so heißt es aus Kreisen der Ortsheimatpfleger, auf das man sich nicht einlassen wolle. Man fordere aber eine sachliche Diskussion.

Auf die Kritik, die Stadt Kamen habe die Verkaufsabsichten nicht ausreichend öffentlich gemacht, nimmt Wirtschaftsförderin Ingelore Peppmeier im Gespräch mit der Redaktion Stellung. „Es war seit etwa zwei Jahren klar, dass das Gebäude nicht weiter genutzt werden soll. Dabei ist mehrfach auch der geplante Verkauf thematisiert worden“, äußert sie. Seitdem habe man Gespräche mit möglichen Nachnutzern geführt.

Der offene Brief der Heimatpfleger

Die Volkshochschule zieht kommendes Jahr nach Heeren. Das dortige Gebäude wird zurzeit saniert. © Marcel Drawe

Gespräche mit der VKU

Unter anderem mit der Verkehrsgesellschaft im Kreis Unna (VKU), die auf der Suche nach einem innerstädtischen Standort war. „Die VKU hat das Gebäude besichtigt, sich dann aber für die frühere Geschäftsstelle der AOK entschieden“, berichtet sie. Dort hat das Unternehmen bekanntlich bereits eröffnet. Auch habe man, so Peppmeier, mit anderen Interessenten gesprochen, bis sich nun ein konkreter Bewerber ergeben habe. Man sei bei derlei Verhandlungen nicht in der Pflicht, das Immobilienangebot auf eine öffentliche Verkaufsplattform zu stellen. Das sei nur vorgeschrieben, wenn sich Wohnungsbaugesellschaften um das Haus beworben hätten. „Dann hätten wir ein Bieterverfahren aufrufen müssen.“

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Ein Verkauf des Hauses, so heißt es in dem offenen Brief der Heimatpfleger, sei „keine sinnvolle Option. Eine gründliche Renovierung und Modernisierung unter Beachtung der Bestimmungen des Denkmalschutzgesetzes würde das Haus fit machen, wenn nicht für eine Verwaltungsnutzung, dann aber für private Wohn- und Büronutzungen. Von der VHS wurden diese Räume ähnlich genutzt.“ Das Haus, so der Vorschlag der Heimatpfleger, könnte vermietet werden.

Wert nicht öffentlich

Die Stadt Kamen argumentiert, dass sie das Gebäude in Zeiten der Haushaltssicherung nicht halten könnte und verweist auf Sanierungsaufwand und Folgekosten. Der künftige Inhaber, dessen Name noch nicht genannt ist, sei dafür bekannt, denkmalschutzrechtlich sehr genau zu sein. Er soll bereits ein Händchen bewiesen haben, andere Objekte zu entwickeln. Ein solcher Investor, der Häuser an der Bahnhofstraße (Kümpers) und Weststraße gekauft und saniert hat, ist Rolf Kamps. Die Stadtverwaltung wollte diese Vermutung allerdings nicht bestätigen oder dementieren.

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Vor den Gesprächen mit möglichen Investoren hat die Stadt ein Wertgutachten erstellt, das Verhandlungsgrundlage war. Ein Preis wird öffentlich nicht genannt. Peppmeier: „Jeder, der Interesse an dem Objekt gehabt hat, hätte uns darauf ansprechen können.“

  • Das VHS-Haus ist ein zweigeschossiger, fünfachsiger Backsteinbau. Er wurde 1886 im Stil der französischen Neorenaissance errichtet. Die Fassade ist durch rote Ziegelflächen und Putzgesimse gegliedert: Auf der linken Seite ein vorspringender Turm mit einer Aussichtsplattform mit Gitter; rechts ein breiter übergiebelter Vorsprung mit Fenstern (Utlucht).
  • Die Giebelspitze wurde 1925 entfernt. Dazwischen gibt es einen dreiachsigen Fassadenteil mit mittiger Haustür. Die Ecken der Risalite (vorspringendes Gebäudeteil) seien in Diamantenschnittquader ausgeführt. Auf der rückwärtigen Seite befindet sich zwischen zwei hervorspringenden Gebäudeteilen eine zweigeschossige Veranda.
  • Der Turmhelm und das gaubenbesetzte Mansarddach sind schiefergedeckt. Das Mansarddach wurde 1925 verändert. Das Innere des Gebäudes zeigt auch in seiner Grunddisposition ein repräsentatives Wohn- und Geschäftshaus, das speziell für die Bedürfnisse einer Apotheke entwickelt wurde. Die erhaltene Offizin der Apotheke ist denkmalgeschützt.

Eines vorab. Menschen als Schreihälse oder despektierlich als Hobbyhistoriker zu bezeichnen, die sich ehrenamtlich engagieren, dass die Stadt lebenswert bleibt, ist respektlos und ungehörig. Zurecht lösen diese Worte Kritik aus.

Der Begriff „Heimat“, wenn er nicht für krude Vorstellungen rechtsextremer Kräfte instrumentalisiert wird, ist ein starker. Das VHS-Haus ist ein solches Stück Heimat. Und so überrascht es nicht, dass der geplante Verkauf Emotionen auslöst.

Dass sich die Stadt in der Haushaltssicherung befindet und für jeden Cent dankbar ist, der in die Stadtkasse fließt, ist bekannt. Auch, dass es geplant war, einmal das Haus zu veräußern. Dass das so plötzlich geschieht und so wenig öffentlich gemacht wurde, ist allerdings zu kritisieren. Für ein Haus, in das Generationen von VHS-Schülern ein- und ausgegangen sind, wäre eine breiter angelegte Diskussion notwendig gewesen. Dabei steht nicht in Abrede, dass auch ein privater Investor das Haus gut erhalten kann – die Denkmalschutzgesetze gelten für ihn gleichermaßen.

Und nicht zuletzt: Vielleicht wäre auch ein ganz anderer Preis erzielt worden, wenn andere die Chance gehabt hätten, in dem Verfahren mitzubieten. Auch wenn nicht gegen Vorschriften verstoßen wurde, hat man den Eindruck, dass bisher im viel zitierten stillen Kämmerlein verhandelt wurde. Die Heimatpfleger, die von dem Vorgang überrascht wurden, waren gar nicht involviert.

„In die Diskussion um die Zukunft des Baudenkmals „Alte Apotheke“ weisen die Ortsheimatpfleger in der Stadt Kamen darauf hin, dass für die Stadt als Denkmaleigentümer die Vorschriften des Denkmalschutzgesetzes (DSchG.NW.) aus dem Jahr 1980 genauso gelten, wie für alle privaten Eigentümer. Dieses Gesetz ist im Übrigen von einer SPD-Mehrheit im Landtag verabschiedet worden. „Denkmäler sind zu schützen, zu pflegen und sinnvoll zu nutzen“, das stellen die Ortsheimatpfleger, die im Westfälischen Heimatbund organisiert sind, unter Hinweis auf § 1 DSchG. fest.

Die Stadt Kamen ist im Besitz folgender Denkmäler: Josefschule, Altes Rathaus, Haus der Stadtgeschichte, Villa am Rathausplatz und Villa Bahnhofstraße 44. Diese Denkmäler sind im vorbildlichen Zustand und werden alle für öffentliche Zwecke genutzt. Die anfallenden Kosten werden unter „Verwaltungsausgaben“ verbucht. Wenn diese Denkmäler nicht zur Verfügung stehen würden, müssten andere Gebäude angemietet oder errichtet werden. Durch diese fünf Denkmäler wird die Stadt nicht über Gebühr belastet.

Nach Auszug der VHS aus dem Haus Am Geist, bleibt die Stadt Eigentümer eines Denkmals, dessen Nutzung noch diskutiert werden muss. Ein Verkauf ist, wie unsere folgenden Ausführungen zeigen, keine sinnvolle Option. Eine gründliche Renovierung und Modernisierung unter Beachtung der Bestimmungen des DSchG. würde das Haus fit machen, wenn nicht für eine Verwaltungsnutzung, dann aber für private Wohn- oder Büronutzungen. Vor der VHS wurden diese Räume ähnlich genutzt. Das Haus könnte vermietet werden.

Eine Renovierung des Hauses könnte auch als eine handwerklich-pädagogische Fortbildungsmaßnahme in Zusammenarbeit mit der Handwerkerschaft und der Berufsschule durchgeführt werden. Die Wiederherstellung der Einrichtungsstrukturen aus der Zeit um 1890 wie Treppen, Türen, Böden, Holzverkleidungen, Deckenund Fenster würde das Objekt aufwerten und öffentliches Interesse gewinnen. Es geht der Stadt um Geld. Das ist grundsätzlich kein Makel. Aber hierbei sollte man denkmalrechtliche Möglichkeiten ausschöpfen. Wir verweisen auf ein Denkmalförderprogramm, das die in Kamen wohnende Ministerin für Heimat und Kommunales, Ina Scharrenbach, zum Denkmalschutz aufgestellt hat. Es steht auch den Städten und Gemeinden, über 2019 hinaus, für größere Investitionen in Baudenkmälern zur Verfügung. Den Wortlaut fügen wir bei.

Die Einrichtung der Alten Apotheke würde, evtl. als Objekt des Stadtmuseum, als wertvolles Kulturgut erhalten und würde der Bevölkerung offen stehen. Damit hätte die Stadt nicht mehr getan, als die über 100 weiteren Denkmaleigentümer in der Stadt, die entsprechende Anordnungen und Auflagen, die sie von der Stadt als Untere Denkmalbehörde erhalten, erfüllen müssen.

Ein Beispiel: In Kamen-Methler steht auf einem Hofgelände ein Backhaus mit einem seltenen Steinbackofen. Es ist das letzte seiner Art in der Stadt Kamen und ist von der Stadt als wertvolles Kulturgut eingestuft worden. Das Objekt war, als es der jetzige Eigentümer mit der Hofanlage gekauft hat, in einem erbärmlichen Zustand. Er durfte den Trümmerhaufen auf Anweisung der Unteren Denkmalbehörde der Stadt Kamen nicht beseitigen. Jetzt ist er dabei, das historische Gebäude Schritt für Schritt, unter hohem finanziellem Aufwand (nach vorläufiger Schätzung ca. 50.000 €) und kontrolliert von der Stadt Kamen, zu restaurieren. Dabei weiß er, dass er das Backhaus, wenn die Renovierung abgeschlossen ist, weder selbst sinnvoll nutzen und auch nicht vermieten kann.

Wie wichtig die Rolle der Kommunen im Denkmalschutz ist, zeigt § 31 DSchG.NW., wonach die Gemeinde verpflichtet ist, ein Denkmal zu übernehmen, wenn der Eigentümer Forderungen der Denkmalbehörden aus wirtschaftlicher Sicht nicht erfüllen kann. In Kamen ist ein solcher Fall noch nicht eingetreten, weil alle Eigentümer, meistens unter großen finanziellen Anstrengungen, ihr Denkmal pflegen. Kommunen, die in der Haushaltssicherung sind, können von der Aufsichtsbehörde nicht gezwungen werden, ein städtisches Baudenkmal zur Verbesserung ihrer Haushaltsituation zu veräußern. Auch das dokumentiert den hohen Rang des Denkmalschutzes für die Kommunen.

Aus dem bisher Gesagtem ergeben sich einige Fragen: Warum kann die Stadt Kamen als Denkmaleigentümerin ein ihr anvertrautes Baudenkmal von hohem kulturellem und historischem Rang nicht in eigener Regie schützen und pflegen? Sollte sie nicht auf diesem Gebiet, auch weil sie als Untere Denkmalbehörde in der Stadt über 100 Denkmaleigentümer berät, ermahnt und manchmal auch sanktioniert, mit gutem Beispiel voran gehen? Würde sie dadurch nicht das Vertrauen der Denkmaleigentümer und der Bevölkerung gewinnen und Verständnis für anstehende ungelöste Denkmalprobleme bekommen? Zum Beispiel für die noch ausstehenden Entscheidungen bei privaten Denkmälern Am Geist, Am Markt und in der Kirchstraße?

Die Art, wie die Verwaltung der Öffentlichkeit den Verkauf des Hauses präsentiert hat, ist nicht ausreichend. Denkmalschützer bekommen keine detaillierten Informationen über die weitere Nutzung des Objektes. „Wir haben überraschend schnell einen Käufer gefunden!“ reicht nicht. In einer Stadt mit einer fast 900 Jahre alten historischen Baugeschichte sollte der Denkmalschutz eine wichtige Rolle spielen.

In der augenblicklichen, öffentlich geführten Diskussion, ist es für die Denkmalschützer wichtig, konkretes über die beabsichtigte Nutzung des Hauses und auch über das Schicksal der wertvollen und einmaligen Offizin der Apotheke zu erfahren.

Die Ortsheimatpfleger wollen auch in Erfahrung bringen, ob eine Restaurierung des kompletten Inneren des Hauses durch eine mit Denkmalfördermitteln durchgeführte Maßnahme möglich ist.

Wir bitten alle Entscheidungsträger, die Denkmalangelegenheit „Verkauf der Alten Apotheke“ fair und öffentlich zu diskutieren, um eine sinnvolle Lösung zu finden.“

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