Der Kamener Walter Joseph: Ein trauriges Beispiel für den Rassenwahn der Nazis

dzStadtgeschichte

Die detaillierte Geschichte eines Kameners, der in Auschwitz durch Gas getötet wurde. Für Historiker ist Walter Joseph ein „trauriges Beispiel für den Rassenwahn der Nazis“.

Kamen

, 19.10.2019, 18:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der Kamener Stadthistoriker Klaus Goehrke hat aufgeschrieben, was Dietmar Joseph, Enkel des von den Nazis ermordeten Walter Joseph, interessiert: Die detaillierte Geschichte seines Großvaters, der in Auschwitz durch Gas getötet wurde. Für Goehrke ist Joseph ein „trauriges Beispiel für den Rassenwahn der Nazis“. Josephs Enkel Dietmar ist zurzeit auf Spurensuche in Kamen.

Tragisches Schicksal ereilte den Kamener vor 80 Jahren

Vor exakt 80 Jahren, so schreibt Goehrke, ereilte den Kamener Geschäftsmann Walter Joseph sein Schicksal: Am 13. Oktober 1939 wurde er aus heiterem Himmel darauf gestoßen, dass er jüdischer Herkunft war.

„Was bis dahin niemand wusste“, so Goehrke, der viele Details zusammen getragen hat: Geboren 1892 als Sohn des Tierarztes Salli Joseph im brandenburgischen Wriezen, war er evangelisch getauft und konfirmiert worden, hatte Joseph im Ersten Weltkrieg als Soldat gedient und das Ehrenkreuz für Frontkämpfer erhalten. Aus einer flüchtigen Liebschaft ging ein Sohn hervor. Arbeitssuchend ging Joseph 1920 nach Kamen und begann als Bergmann auf der Zeche Monopol, bis ihn seine Sehschwäche 1924 zur Aufgabe dieser Tätigkeit zwang. Er heiratete die Schneiderin Paula Heidemann und eröffnete mit ihr ein Wollwarengeschäft in seinem Wohnhaus an der Oststraße 19, das er 1932 an die Weststraße 1 verlegte. „Dort ist für ihn ein Stolperstein verlegt“, erinnert Goehrke. Dieser weise ihn als Auschwitz-Opfer aus. „Doch wie kam es dazu?“, fragt der ehemalige Gesamtschullehrer und Autor zahlreicher Veröffentlichungen zur Kamener Stadtgeschichte und beantwortet die Frage freilich selbst.

Der Kamener Walter Joseph: Ein trauriges Beispiel für den Rassenwahn der Nazis

Dietmar Joseph, hier mit dem Historiker Klaus Goehrke (r.) an der Gedenktafel im Haus der Stadtgeschichte. © Marcel Drawe

Im Schaufenster des Geschäfts Hakenkreuzfahne gezeigt

„Niemand ahnte bis dato etwas“, so Goehrke. Im Schaufenster des Geschäfts zeigte er die Hakenkreuzfahne, sein Sohn Klaus war Jungenschaftsführer im Jungvolk. 1939 nun suchte man in der sogenannten „Reichsstelle für Sippenforschung“ in Berlin nach dem Vater des unehelichen Sohns und stieß auf die Tatsache, dass die Familie jüdischer Herkunft war. Die Kamener Polizei wurde aufgefordert, Joseph zu verhaften, was am 20. Oktober geschah. Im Sommer 1940 wurde ihm in Dortmund der Prozess gemacht und er erhielt eine Gefängnisstrafe von einem Jahr und drei Monaten, da er in mehrfacher Hinsicht gegen die „Verordnung zur Bekämpfung des Judentums“ verstoßen habe. Er habe leugnen wollen, dass Judentum eine Rasse, keine Religion sei.

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Am 28. September 1944 nach Auschwitz gebracht

Nachdem er, so hat Goehrke recherchiert, die Strafe im Gerichtsgefängnis Bochum abgesessen hatte, kam er keineswegs frei, denn nach dem Rassenwahn der Nazis habe gegolten: Einmal Jude, immer Jude. So wurde er in das Zwangsarbeiterlager Schlosshofstraße in Bielefeld überwiesen. Von dort ging am 31. Juli 1942 ein Transport in das KZ Theresienstadt ab, das in der NS-Propaganda als „Altersghetto“ verklärt wurde, für Joseph aber keineswegs eine Überlebenschance bot. Schließlich wurde er am 28. September 1944 nach Auschwitz gebracht und dort durch Gas ermordet. Am Bielefelder Hauptbahnhof ist er auf dem Mahnmal für die Deportierten vermerkt. Sein Sohn Klaus, später Finanzrat in Bielefeld und selbst als 14-Jähriger in Theresienstadt, hat Kamen anlässlich eines Klassentreffens wieder besucht. Und auf diesen Spuren folgt nun Enkelsohn Dietmar Joseph, der in Kamen weilt, um sich seines Großvaters zu erinnern und sich sein schweres Schicksal zu vergegenwärtigen.

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