Der Holzwurm im Kirchturm: Kampf gegen den Schädling im Schiefen Turm

dzKamens Wahrzeichen

Der Holzwurm nagt an Kamens Wahrzeichen, dem Schiefen Turm. Damit er keine weiteren Schäden anrichten kann, wird er nun gestoppt. Dabei wird der 800 Jahre alte Turm auf bis zu 70 Grad erhitzt.

Kamen

, 25.02.2020, 12:43 Uhr / Lesedauer: 2 min

Schädlingsbefall im Schiefen Turm der Pauluskirche: An Kamens über 800 Jahre altem Wahrzeichen nagt der Holzwurm. Mit einer thermischen Behandlung soll jenem Schädling zu Leibe gerückt werden, der eigentlich eine Art des „Gemeinen Nagekäfers“ ist. Wegen der schädlichen Aktivität seiner Larven wird er umgangssprachlich als Holzwurm bezeichnet.

Eine Fachfirma, so informiert Pfarrer Dietrich von der Ev. Kirchengemeinde Kamen auf Anfrage, hat bereits die Arbeit aufgenommen. Zu erkennen ist das an zwei geknickten Rohren, die an der dicken Sandsteinwand des 60 Meter hohen Bauwerks wie falsch angebrachte Regenrinnen wirken.

Doch alles ist richtig: Aus den Rohren strömt überschüssige Luft der Wärmebehandlung.

Zwei Abluftrohre ragen aus der Steinwand des Schiefen Turms in Kamen.

Zwei Abluftrohre ragen aus der Steinwand des Schiefen Turms. Die Abluft der thermischen Behandlung strömt dort heraus. Im Turm soll es dem sogenannten Holzwurm an den Kragen gehen. © Marcel Drawe

Natürliche Bekämpfungsmethode, die ohne Chemie auskommt

„Wir haben in jüngster Zeit einen vermehrten Schädlingsbefall im Gebälk festgestellt“, berichtet Dietrich. Es handele sich dabei um keinen schweren Schaden, wie er betont. „Es wird uns nichts zusammenbrechen.“

Allerdings sei der Befall so stark, dass man nicht mehr jedes Loch einzeln behandeln könne. Nachdem man sich über unterschiedliche Bekämpfungsverfahren informiert habe, fiel die Entscheidung auf eine thermische Behandlung: „Das ist eine relativ natürliche Methode, bei der keine Chemie eingesetzt wird. Damit verhindern wir auch Folgeschäden.“

Der Schiefe Turm ist Kamens Wahrzeichen und etwa im Jahr 1150 gebaut worden. Der Turmhelm mit seiner Blei-Eindeckung ist 32 Tonnen schwer.

Der Schiefe Turm ist Kamens Wahrzeichen und etwa im Jahr 1150 gebaut worden. Der Turmhelm mit seiner Blei-Eindeckung ist 32 Tonnen schwer. © Stefan Milk

Gebälk aus Eichenholz, Turmhelm aus Blei

Der Schiefe Turm, das Wahrzeichen Kamens, besteht aus zwei Bauteilen: Aus dem 30 Meter hohen Turm aus Anröchter Sandstein mit etwa zwei Meter dicken Mauern. Und aus dem 32 Tonnen schweren Turmhelm aus Blei, der von einem Gebälk aus Eichenholz getragen wird.

Die Steinstufen der engen Treppenaufgänge, die in den Turmhelm führen, liegen inmitten des mächtigen Mauerwerks. Schon dort gibt es die ersten Holzeinbauten, die geschädigt sind. „Ab der zweiten Etage bis nach oben haben wir Befall festgestellt“, so Dietrich.

Sensoren auf jeder Etage zur Überwachung

In der Marienkirche in Methler sind ebenso Schäden durch den Holzwurm registriert worden. Winzige Löcher sind in wertvollen Holzfiguren, der Pieta und dem Heiligen Josef, gesichtet worden. Auch dort steht eine Anti-Holzwurm-Behandlung an.

In Kamen ist diese bereits vor einigen Tagen im Schiefen Turm angelaufen.

Die Spezialisten haben Heizlüfter im Turm installiert, die über ihr Gebläse die Luft gleichmäßig verteilen. Dabei wird eine Temperatur zwischen 60 und 70 Grad erreicht, damit sich die Balken entsprechend erhitzen können.

„Bei 42 Grad gerinnt Eiweiß, demnach sterben dann die Holzwürmer ab“, erklärt Dietrich das Verfahren. In allen Etagen seien zur Überwachung Sensoren angebracht worden, damit die Temperatur jederzeit abgelesen werden kann.

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Daten zur baulichen Entwicklungsgeschichte

Der im Jahr 2015 verstorbene Chronist der Kirchengeschichte, Wilhelm Wieschhoff, hat zahlreiche Daten zur baulichen Entwicklungsgeschichte der Pauluskirche festgehalten, eine Geschichte, die hier nur auszugsweise wiedergegeben wird.

Der Schiefe Turm wurde demnach erbaut im 12. Jahrhundert und gehörte zu einer einschiffigen romanischen Kirche, deren Schiff etwa 1375 abgebrochen wurde. Anstelle dieses Kirchenschiffes wurde in den Jahren 1375 bis 1380 an den Turm eine dreischiffige gotische Hallenkirche gebaut, die wie ihre Vorgängerin dem heiligen Severin gewidmet und auch nach ihm benannt war. Erst sei dem 1. Mai 1920 trägt die Kirche ihren jetzigen Namen.

Bombenexplosionen zerstörten alle Fenster

Der Zweite Weltkrieg, so notierte Wieschhoff, hatte in seiner Endphase der Pauluskirche schwere Schäden zugefügt. Die Druckwellen einiger Bombenexplosionen zerstörten alle Fenster und rissen große Teile der Schieferdeckung auf der Westseite des Turmes auf.

Diese Schäden wurden im Jahr 1949 behoben. Vier Jahre lang rissen Stürme weitere Schieferteile herunter, während die feuchte Witterung dem frei liegenden Gebälk arg zusetzte. Sorgen um den Einsturz waren durchaus berechtigt, heißt es in der Chronik. So blieb der Erhalt des Turms in den Folgejahren eine Daueraufgabe.

Auch in den vergangenen Jahren wurden immer wieder Arbeiten an der Kirche ausgeführt. Dabei war der Sandstein des Turmes versiegelt, das Kirchenschiff verputzt und die Heizungs- und Beleuchtungsanlage erneuert worden.

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