Bei Ute Dixon an der Lünener Straße zeigt sich die Kehrseite des LKW-Verkehrs und des Logistikstandorts für die Anwohner innerörtlicher Straßen. Wie wird das Leben hier erträglich?

Kamen

, 19.06.2019, 17:02 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ute Dixon wohnt in einem 114 Jahre alten Haus an der Lünener Straße. Als ihr Urgroßvater es baute, klapperten draußen noch Pferdekutschen vorbei. Heute rollen täglich Zehntausende Autos und LKW über die Lünener Straße – in einem Ausmaß, das von Anwohnern zunehmend als belastend empfunden wird. Nun wenden sich Dixon und weitere Nachbarn mit einem Appell an die Öffentlichkeit.

Anwohner fordern fünf Maßnahmen

Es donnert mal wieder ein LKW durch ein Schlagloch, als Ute Dixon am Mittwochmorgen auf den Bürgersteig tritt und zeigt, wie dicht die Lastwagen an ihrem Haus vorbeifahren. Die 58-Jährige nimmt einen Zeitungsbericht über den sogenannten Lärmaktionsplan der Stadt Kamen zum Anlass, um Verbesserungsmaßnahmen zum Schutz der Anwohner vor Verkehrslärm und Abgasen zu fordern. Es sei zwar bemerkenswert, was die Stadt Kamen im Lärmaktionsplan vorschlage, doch die Vorschläge gingen teilweise „an den Realitäten vorbei“, sagt Dixon. Der Lehrerin und drei weiteren Nachbarn, Gudrun Externbrink, Sabine und Siegfried Dahlke, sind fünf Punkte wichtig:

  • ein weitgehendes LKW-Fahrverbot auf der Lünener Straße
  • eine Sanierung der Fahrbahn mit lärmdämpfender Wirkung
  • sichere Radwege statt Radschutzstreifen
  • polizeiliche Kontrollen des nächtlichen Tempo-30-Limits
  • und Messungen zur Feststellung der Luftqualität.

Der Fluch des LKW-Verkehrs in Kamen: „Wir sind am Limit“

Ute Dixon zeigt auf den kaputten Asphalt auf der Lünener Straße. Es stört, wenn LKW darüber rumpeln. © Borys Sarad

Dixon arbeitet als Lehrerin in Dortmund, doch am vorigen Freitag lag sie krank zu Haus im Bett. Da sei ihr der Lärmaktionsplan in den Sinn gekommen, von dem sie in der Zeitung las. „Ich hörte schon von meinen Nachbarn, dass bei ihnen nachmittags die Häuser wackeln und auch ich habe das das eine oder andere Mal erlebt“, erzählt sie. „Aber da ich normalerweise nachmittags nicht im Bett liege, war mir das Ausmaß nicht wirklich bewusst. Im Abstand von wenigen Minuten donnerten LKW an unserem Haus vorbei und die Wände wackelten wie bei einem kleinen Erdbeben. Ich frage mich, wie lange das ein Haus ohne Schäden aushält. Dazu kam die Lautstärke, trotz doppelt verglasten Fenstern war sie unerträglich.“

Anwohner fordern Behörden zum Handeln auf

Die Anwohner richten einen dramatisch klingenden, dringenden Appell an die Öffentlichkeit. „Lärmbelästigung, Luftverschmutzung, gehäuft schwere Unfälle rufen zum Handeln auf“, sagt Dixon auch in Anspielung auf einen tödlichen Fahrradunfall Anfang des Jahres auf der Lünener Straße. „Hier geht es nicht nur um Lebensqualität, sondern um Menschenleben. Wir hier sind am Limit.“ Es müsse zeitnah ein Gesamtkonzept für die Lünener Straße her, das die Belange aller Beteiligten berücksichtige.

Der Fluch des LKW-Verkehrs in Kamen: „Wir sind am Limit“

Siegfried Dahlke hört von seinem Schlafzimmer aus die vorbeifahrenden LKW. © Borys Sarad

LKW-Nachtfahrverbot ginge Anwohnern nicht weit genug

Verkehrslärm und Abgase schaden der Gesundheit. Deshalb sind Behörden verpflichtet, bei Überschreitung von Grenzwerten Maßnahmen zu ergreifen. Die Lünener Straße bekam im Rahmen der sogenannten Lärmaktionsplanung beispielsweise ein nächtliches Tempo-30-Limit und die sogenannten Radschutzstreifen. Ein nächtliches LKW-Fahrverbot, das die Stadt nun erneut vorgeschlagen hat, war vor einigen Jahren an den Landesbehörden gescheitert. Ute Dixon geht ein LKW-Nachtfahrverbot nicht weit genug. „Also, in der Nacht fahren hier nicht viele LKW her“, sagt Dixon, „der Vorschlag geht knapp an der Realität vorbei.“

Nach Meinung der Anwohner könnte die Lünener Straße für den LKW-Durchgangsverkehr gesperrt werden. Im Fall einer Sperrung der Autobahnen wären Ausnahmen möglich. Die Anlieger fordern ein weitgehendes LKW-Durchfahrtverbot. Dixon sagt sarkastisch: „Mit dem Vorschlag des Nachtfahrverbots für Lkws hätte man dann gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Man hätte gezeigt, dass man die Bürgerbelange ernst nimmt und gleichzeitig nichts vorgeschlagen, was beim Land großen Unbill hervorrufen würde oder überhaupt großen Effekt hätte. Ein paar Schilder hinstellen – fertig. Ist auch recht kostengünstig.“

Der Fluch des LKW-Verkehrs in Kamen: „Wir sind am Limit“

LKW-Verkehr auf der Lünener Straße. © Borys Sarad

Sichere Radwege für Lünener Straße

Der oberste Kamener Stadtplaner Dr. Uwe Liedtke hatte auch davon gesprochen, dass die Fahrbahn eingeengt werden könnte. Davon könnten Radfahrer profitieren. „Die Verantwortlichen sollen sich mal aufs Rad setzen und zur Hauptverkehrszeit den Radweg nutzen“, meint Dixon. „Schon jetzt fahren die dicken LKW ganz dicht am Fahrradweg vorbei und der Luftzug ist echt ein Erlebnis. Wenn man sich mal ausmalt, was passiert, wenn man von diesen Fahrzeugen erwischt wird, wird einem angst und bange. Das ist jetzt schon ein großes Problem vor allem für Kinder und ältere Menschen. Was soll eine Fahrbahnverengung eigentlich bewirken?“

Fahrbahn sanieren und Lärmquellen beseitigen

Einiges bewirken könnte kurzfristig eine Reparatur der Fahrbahn. „Die Verantwortlichen sollten mal einen Blick auf den Straßenbelag werfen, dann sehen sie dort schon tiefe Spurrillen und gebrochene Oberflächen“, so Dixon. Die immer schlechtere Fahrbahn sei vermutlich auch ein Grund, warum die Lärmbelästigung gestiegen sei.

Luftqualität messen

Die Anwohner fordern auch eine Überprüfung der Luftqualität, die bei Überschreitung von Grenzwerten zur Einrichtung einer Umweltzone führen könnte. Die Stadt hatte 2014 die Ergebnisse von fünf temporären Messpunkten entlang der Lünener Straße und des Rings bekannt gegeben: An einem Punkt wurde der Grenzwert für Stickstoffdioxid erreicht, an zwei Punkten über- und an zwei Punkten unterschritten. Einer der Unterschreitungspunkte lag in der Nähe von Dixons Wohnhaus.

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