Dass sie das einmal erleben werden: Forellen in der Seseke!

Der Fluss lebt

Seit der Renaturierung tummeln sich wieder zahlreiche Fischarten in der Seseke. Auch der Abwasserunfall vor drei Jahren kann die Natur nicht aufhalten. Jetzt sind sogar Forellen da!

Kamen

, 23.04.2019 / Lesedauer: 4 min
Dass sie das einmal erleben werden: Forellen in der Seseke!

Michael Prill mit dem Elektrokescher, der Impulse zwischen 135 und 600 Volt aussendet. „Mir reichen hier 135 Volt“, so Prill, der sogleich begutachtet, was im Netz zappelt. Sekunden später sind die Fische wieder im Wasser. © Stefan Milk

Forellen in der Seseke. Dass sie das einmal erleben würden, das hätten Michael Prill (50) und Ralf Bräunig (51) einst in ihren kühnsten Träumen nicht erwartet. Seit ihrer Jugend sind sie Mitglied im Angelsportverein Kamen. Zu dieser Zeit war die Seseke noch eine trübe Kloake, ein totes Gewässer, in der das Abwasser offen geführt wurde. Als dann irgendwann zum ersten Mal der Begriff „Renaturierung“ aufkam, wurde alles anders. „Doch als wir das zum ersten Mal hörten und jemand sagte, hier würden irgendwann wieder Fische schwimmen, haben alle gelacht“, erinnert sich Bräunig, jetzt Vorsitzender des ASV Kamen.

Dass sie das einmal erleben werden: Forellen in der Seseke!

Nicht tot, nur kurz betäubt. Die Fische liegen nur für kurze Augenblicke im Kescher, dann landen sie wieder im Wasser. © Stefan Milk

Bis zu den Hüften im Wasser

Jetzt steht er in Heeren-Werve auf der kleinen Sesekebrücke in Höhe der Miniaturhäuser, die als Kunstobjekt im Kulturhauptstadtjahr 2010 errichtet wurden und blickt hinab auf den Fluss, der dort quirlig strömt. Mittendrin ist dort sein Freund Michael Prill, der nicht nur Gewässerwart im ASV ist, sondern auch Fischereiberater des Kreises Unna. Bis zu den Hüften steht er im Wasser und führt einen großen Kescherring, der an einer leuchtend gelben Stange befestigt ist. Es handelt sich aber nicht um einen normalen Kescher, sondern um einen Elektrokescher, der Strom ins Wasser abgibt. Auf Prills Brust liegt ein viereckiger Schaltkasten, ein Generator, der den Strom für das sogenannte Elektrofischen erzeugt. Durch den Stromstoß werden die Fische in den Kescher gelockt, leicht betäubt und nicht getötet. Eine als sanft geltende Art des Fischfangs, die vor allem zur Bestandserhebung und zur Analyse von Fischartenvorkommen genutzt wird.

Dass sie das einmal erleben werden: Forellen in der Seseke!

Auf der Suche nach der Bachforelle mit dem Angelsportclub, v.l. Peter Zimmer, Werner Röhrig, Ralf Bräunig, Michael Prill, Stefan Dettlaff und Hans-Jörg Klaer. © Stefan Milk

Drei Forellen landen im Netz

Wie jetzt am Ostermontag, als er den Kescher anhebt und ruft: „Vier Schmerlen bis zehn! Ein Gründling bis fünfzehn! Drei Blaubandbärblinge bis fünf!“ In den wenigen Worten steckt alles drin, was sein Vereinskamerad Hans-Jörg Klaer wissen muss, um seine Liste, auf der die Daten verzeichnet werden, fortzuführen. Fischart, Anzahl und Länge in Zentimetern. Die Strichliste auf dem Kartierungsbogen wird immer länger.

Dass sie das einmal erleben werden: Forellen in der Seseke!

Hans-Jörg Klaer zeichnet auf, was Michael Prill in den Kescher gerät. Die Strichliste wächst von Standort zu Standort. An sechs Punkten kescherte der ASV an Ostermontag entlang der Seseke. © Stefan Milk

Quappen, Gründlinge und Zwergstichlinge

Vor allem die Schmerlenzahl hat schon mehrere hundert erreicht. Alle ca. 20 für die Seseke bekannten Fischarten sind bereits ins Keschernetz gegangen, bevor sie kurze Zeit wieder quicklebendig weiter schwimmen, darunter Schmerlen, Dreistachlige Stichlinge, Döbel, Blaubandbärblinge, Quappen, Gründlinge, Hasel, Ukel und Zwergstichlinge. Es gibt auch Hechte, Aale, Rotaugen, Barben, Bitterlinge und Groppen. Und Forellen. Aber der Ostervormittag ist nicht so ergiebig, wie die Fischfreunde das erwartet haben. Bisher nur drei Forellen, etwa 20 Zentimeter groß. Eigentlich sind Prill und Co auf der Suche nach etwas kleineren Forellen, die hier im vergangenen Jahr ausgesetzt wurden. Prill: „Doch die können sich gut verstecken. Es wäre fast ein Wunder gewesen, die heute zu finden.“

Dass sie das einmal erleben werden: Forellen in der Seseke!

Michael Prill in der Seseke. Nach dem Abwasserunfall vor drei Jahren, als Abwasser in das saubere Flusswasser gelang, hat sich der Fischbestand gut erholt. © Stefan Milk

Freiheit für 4500 Forellen

Zwei solcher Befischungen gibt es im Jahr an der Seseke und ihren Nebenläufen wie Mühlbach und Körne. Dass die Bachforelle wieder da ist, ist kein Zufall. Prill hat sie in den vergangenen Jahren in zwei Aktionen ausgesetzt, damit sie hier wieder heimisch werden kann. Jetzt am Mittwoch folgt die letzte Besatzaktion, wenn ca. 4500 Forellen, nicht größer als zwei Zentimeter, an Lippe und Seseke eimerweise ausgesetzt werden. Dass jetzt nur drei gefunden wurden, beunruhigt den Fischfreund nicht. „Wir kriegen auch zusätzliche Rückmeldungen von unseren Mitgliedern. Die Forellen sind oft dort, wo wir mit dem Kescher nicht hinkommen.“

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

Elektrofischen 2019

22.04.2019
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Michael Prill und seine Mitstreiter kontrollieren den Fischbestand in der Seseke. Mit 135 Volt werden die Fische kurz betäubt.© Stefan Milk
Der Kescher wird vorsichtig durch das Wasser geführt.© Stefan Milk
Es gibt auch tiefere Abschnitte, dort, wo sich Fische gut verstecken können.© Stefan Milk
Die Fische bleiben nur kurz an der frischen Luft, bevor wie wieder ins Wasser geworfen werden.© Stefan Milk
Fließgeschwindigkeit und Temperatur werden festgehalten.© Stefan Milk
Manchmal sammeln sich ganz schön viele Fische im Netz. Vor allem Schmerlen finden die Fischer häufig.© Stefan Milk
Michael Prill braucht nicht lange, um die Fischart zu bestimmen.© Stefan Milk
Hier fließt der Mühlbach in die Seseke. © Stefan Milk

Peter Zimmer
, Werner Röhrig
, Ralf Bräunig,
Michael Prill,
Stefan Dettlaff und
Hans-Jörg Klaer sind an Ostermontag aktiv.© Stefan Milk
Auch diese Fische landen wieder im Wasser.© Stefan Milk
Mit einer Strichliste wird nachgehalten, wie viele Fische gefunden wurden.© Stefan Milk
Ein Bitterling, untypisch für die heimischen Flüsse.© Stefan Milk

Forellen stehen noch unter Schutz

Die Forellen stehen im Übrigen noch unter Schutz. Falls sie an der Angel sind, müssen sie wieder zurück ins Wasser geworfen werden. Etwa 30 Angelkarten hat der Verein an seine Mitglieder ausgegeben, nachdem sich der Fischbestand so gut entwickelte - niemand sonst darf hier angeln. Selbst 50 Zentimeter große Bachforellen haben die ASV-Fischer gesichtet, Forellen, die sich über Rhein und Lippe in die Seseke bewegten. „Jetzt ist wieder richtig Leben im Fluss“, freut sich Prill, als er ruft „Neun Schmerlen bis zehn, ein Stichling bis fünf!“

Dass sie das einmal erleben werden: Forellen in der Seseke!

Ein Bitterling, gefunden am Bachlauf an der Fröndenberger Landstraße. Besonderheit: Der Bitterling benötigt Muscheln, um ablaichen zu können. © Stefan Milk

Für die heimischen Fische

Das Kieslückensystem

  • Um der heimischen Fischwelt mehr Schutz zu geben, hat der ASV Kamen in Zusammenarbeit mit dem Lippeverband an manchen Stellen im Fluss ein sogenanntes Kieslückensystem aufgebaut.
  • 50 Tonnen kleine und große Kieselsteine sind 2017 in die Seseke gerutscht.
  • Durch die Lücken, die in dem Kiesbett entstehen, bilden sich mehr Möglichkeiten für die Fische, sich anzusiedeln. Sie können dort nicht nur besser ablaichen, sondern finden dort auch mehr Nahrung, weil auch der Anteil an Kleinstlebewesen steigt, sogenannte Makrozoobenthos.
  • Schmerlen, Groppen und Barben gelten als klassische Kieslaicher. Auch der Döbel findet Schutz.
  • Die Kies-Mischung besteht zu 25 Prozent aus Steinen, die zwischen 8 und 16 Millimeter groß sind. 50 Prozent bilden Steine zwischen 16 und 32 Millimetern und weitere 25 Prozent sind 32 bis 64 Millimeter groß.
  • Dazu werden punktuell kleine Findlinge aus Sandstein gesetzt, um strömungsruhige Stellen zu schaffen.
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