Das sagt ein Experte zu „Combat 18“ und Spuren nach Kamen

dzMilitantes Neonazi-Netzwerk

Wofür war das Geld bestimmt, das eine Kamener Unternehmerin an einen bekannten Rechtsextremisten überwiesen haben soll? Der Mann gilt als Schlüsselfigur des Netzwerks „Combat 18“. Wir haben einen Experten gefragt.

Kamen

, 06.06.2019 / Lesedauer: 3 min

„Combat 18“ heißt das militante Netzwerk, in dem ein Rechtsextremist aus Nordhessen als Schlüsselfigur gilt. Auf Kontoauszügen, die Nazigegner im Internet veröffentlicht haben, sind zahlreiche Geldbewegungen auf dem Konto des mutmaßlichen „Combat 18“-Kassenwarts einzusehen – darunter auch die Zahlung einer Kamener Unternehmerin über 100 Euro im Jahr 2014. Die Geschäftsführerin ließ schriftliche Fragen der Redaktion dazu unbeantwortet.

Combat 18 – ein militantes Netzwerk

Prof. Dr. Dierk Borstel ist Rechtsextremismus-Forscher an der FH Dortmund und sagt: „Viele denken ja, bei Nazis sitzt der Führer immer oben, befiehlt und andere gehorchen dann. Bei Combat 18 funktioniert das anders. Jeder, der sich berufen fühlt, ist aufgerufen zu Gewalt und Terror, wenn die Zeit gekommen scheint. Da ist keine Spinne im Netz, die ruft: Jetzt legt los. Jede Person soll selbst entscheiden. Niemand weiß genau: Wer fühlt sich wann berufen?“

Combat 18 besteht aus einem militanten Flügel, der aus Strukturen der in Deutschland verbotenen Blood & Honor-Bewegung hervorgegangen ist. „Das operierende Netzwerk setzt auch auf Konzerte und Musikproduktionen“, erklärt Borstel. Die Kamener Unternehmerin wurde auf einem Rechtsrock-Konzert in Thüringen 2017 im Kreis eines Dortmunder Neonazis gesichtet.

Das sagt ein Experte zu „Combat 18“ und Spuren nach Kamen

Kontoauszug mit 100-Euro-Zahlung auf den Namen einer Kamener Geschäftsfrau (persönliche Daten von der Redaktion geschwärzt). © Exif

Rechtsextremismus-Experte

„Lüge und Beklopptheit“

Prof. Dr. Dierk Borstel ist Rechtsextremismus-Forscher an der Fachhochschule Dortmund. Bekannt ist er als ein Hauptgutachter für das Bundesverfassungsgerichts in einem früheren NPD-Verbotsverfahren. Zum Thema Rechtsextremismus forscht er seit 1997. Borstel hat auch schon mit Aussteigern gearbeitet und sagt: „Es steigt niemand aus, der nicht einen inneren Zweifel hat daran, was er tut. Die Motive sind mehrere. In den Altersklassen Mitte 20: Es geht nicht voran. Sie verbocken ihr Leben. Das haben wir häufig im Knast. Ist das dein Leben, das du weiterführen willst? Bei vielen ist es die Differenz zwischen Theorie und Tat, zwischen dem, was sie leben, und dem, was sie sich versprochen haben. Da ist zu viel Lüge und Beklopptheit. Sie predigen Wasser, trinken aber Wein. Ein dritter Grund sind neue Erfahrungen, neue Bekanntschaften und die Liebe. Sie lernen Menschen kennen und Alternativen.“

Zur Frage, wofür die rechtsextreme Szene Geld braucht, sagt der Forscher: „Generell braucht die Szene Geld für Veranstaltungen, Konzerte, für Unterkünfte, fürs normale Leben, Mieten, Telefone, Autos, Computer, und so weiter.“ Doch nimmt derjenige, der Geld an einen mutmaßlichen „Combat 18“-Kassenwart überweist, damit in Kauf, dass mit dem Geld Straftaten finanziert werden? „Grundsätzlich kann das natürlich bei niemanden ausgeschlossen werden“, meint Borstel. „Wenn ich dem Klempner von nebenan seine Rechnung bezahle, kann ich ja auch nicht sagen, was der mit dem Geld dann macht. Ich kenne Spenden an Rechtsextremisten für die politische Bewegung, aber auch welche, die sich auf das Privatleben beziehen.“

Es geht um das, was im Kopf ist

Wenn eine Kamener Unternehmerin Geld an einen Rechtsextremisten überweist, führt das zu der Frage: Wie aktuell ist das Bild von Neonazis mit Glatze, Tätowierungen und dunklen Kutten noch? Professor Borstel sagt: „Zu der Unternehmerin kann ich nichts sagen, ich kenne sie und ihre Einstellungen nicht. Generell gilt: Sie erkennen Rechtsextremisten nicht mehr durchs Äußere. Es geht um das, was im Kopf ist. Einstellungen spiegeln sich immer weniger in der Ästhetik wider. Wenn jemand ein Hakenkreuz tätowiert hat, ist die Wahrscheinlichkeit groß. Aber in der Masse erkennt man sie nicht.“

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