„Das ist ein Lebenswerk!“ – Modehaus Kämpgen schließt

Verlust für den Innenstadt-Handel

Ein weiteres inhabergeführtes Traditionsgeschäft gibt auf. Nach 70 Jahren startet Kaufmann Ulrich Kämpgen schweren Herzens den Räumungsverkauf. Die Wucht des Online-Handels wurde zu groß.

Kamen

, 22.11.2018, 10:30 Uhr / Lesedauer: 3 min
„Das ist ein Lebenswerk!“ – Modehaus Kämpgen schließt

Ulrich Kämpgen schließt zum Jahreswechsel seine Geschäfte in Kamen und in Methler. Ein mittelständischer Betrieb könne im Textilbereich nicht mehr mit dem Online-Handel mithalten, begründet er. Das Geschäft ist vor 70 Jahren gegründet worden und hatte Filialen bis Castrop-Rauxel. © Stefan Milk

Das Modehaus Kämpgen schließt. Zum Jahreswechsel endet die Geschichte des Traditionsunternehmens, das 70 Jahre lang nicht nur Kamener eingekleidet hat. Es ist nicht das erste inhabergeführte Traditionsgeschäft, das in jüngster Zeit aufgegeben hat. Das Schuh- und Modehaus Wolter schloss nach 84 Handelsjahren die Türen im Mai. Das Einrichtungshaus Möcking beendete im Frühjahr vorigen Jahres die 105-jährige Firmengeschichte. Jetzt folgt Kämpgen.

„Das ist ein Lebenswerk!“ – Modehaus Kämpgen schließt

Das Ladenlokal am Alten Markt in Kamen. © Stefan Milk

„Ein Lebenswerk“

„Der Druck aus dem Internet ist zu groß geworden. Es ist einfach nicht mehr darstellbar“, sagt Inhaber Ulrich Kämpgen. Der 71-jährige Unternehmer, der die Kamener Handelsgeschichte geprägt hat, hat es sich nicht leicht gemacht, die Entscheidung zu treffen. „Das ist sehr schwer, das ist doch klar. Das ist ein Lebenswerk“, sagt er. Die Entwicklung im stationären Einzelhandel sei schon seit einigen Jahren nicht mehr gut gewesen: Durch den Trend zum Online-Handel. Und durch das Abwandern der Kunden in die Shopping-Malls der Metropolen. Nun startet er den Räumungsverkauf. „Ich habe versucht, für unser Personal möglichst lange durchzuhalten.“ Ein Trost: Seine zehn Mitarbeiter in Teilzeit, vier in Methler, sechs in Kamen, sind selbst im Rentenalter. „Sie kannten die Pläne seit einiger Zeit und sind alle versorgt.“

„Das ist ein Lebenswerk!“ – Modehaus Kämpgen schließt

Für das Stammhaus in Methler an der Robert-Koch-Straße wird ein Nachmieter gesucht. © Stefan Milk

Zeitweise expandiert

Die Schließung betrifft sowohl das Stammhaus an der Robert-Koch-Straße 44 in Methler als auch die Filiale am Markt 24 in der Kamener City. Kämpgen hat das ca. 1948 von seinem Vater Friedrich gegründete Unternehmen kontinuierlich ausgebaut, zwischenzeitlich gab es Filialen in Oberaden, Castrop-Rauxel, Unna-Massen und in der Unnaer Innenstadt, die bereits in den vergangenen Jahren nach und nach geschlossen wurden.

Der Wucht der Online-Konkurrenz könnte der stationäre Einzelhandel kaum noch etwas entgegensetzen, so Kämpgen. „Die Leute sind wie angestochen, wenn es dort Rabattschlachten gibt“, sagt er auch mit kritischem Blick auf den sogenannten „Black Friday“, einen Tag, an dem starke Nachlässe gewährt werden. „Amazon und Alibaba setzen binnen 24 Stunden Milliarden um.“

An dem Willen, das Geschäft fortzuführen, habe es nicht gelegen. „Ich habe noch reichlich Kraft und Power.“ Allerdings habe er keinen Nachfolger gefunden, die Söhne arbeiten in anderen Branchen. „Da muss man dann irgendwann einen Schlussstrich ziehen“, sagt er. Für das Stammhaus in Methler sucht er nun einen Nachmieter. Für das Ladenlokal in Kamen, das er gepachtet hat, hat er dem Eigentümer Unterstützung bei der Nachfolgesuche zugesagt. Es gebe bereits Interessenten.

Kämpgens Kundschaft zählt zum Mittelstand, „zum guten Mittelstand, darunter viele Rentner, die noch eine gute Rente haben“, illustriert er. Ein Kundenkreis, der naturgemäß immer kleiner geworden ist. Früher, so sagt er, habe er auch viele Kunden aus Bergkamen gehabt. „Aber das ist auch weggebrochen.“

Mehr Zeit für Enkel

Wie geht es weiter im Einzelhandel? „Jeder muss darauf seine eigene Antwort finden“, so der erfahrene Kaufmann. Die Zusammenlegung von Karstadt und Kaufhof sei ein Indiz, wie groß der Druck im Einzelhandel sei. Das künftige Stadtbild werde vermutlich allein geprägt von Spezialisten und Filialisten. „Und Lebensmittel gehen sowieso immer.“

Kämpgen wird künftig mehr Freizeit haben, worauf er sich nun auch freut. „Vor allem für die Enkel“, wie er sagt. Und das sei ein gutes Gefühl. „Andere gehen schließlich schon mit 58 in den Ruhestand.“

„Das ist ein Lebenswerk!“ – Modehaus Kämpgen schließt

Das Schuhhaus Wolter hat im Mai dieses Jahres geschlossen. © Stefan Milk

„Haltet eure Stadt am Leben“

Wie sollen Fachgeschäfte auf die teilweise gesunkene Nachfrage reagieren? Die Frage hatte sich Modehaus-Inhaber Ulrich Kämpgen bereits seit längerer Zeit gestellt. Anfang des Jahres hatte er reagiert und einen Teil seines Sortiments aufgegeben. Die Nachfrage zum Beispiel nach Bettwäsche und Oberbetten sei gesunken, berichtete er. Heimtextilien wie Bettwäsche sowie Baby- und Kindermode verschwanden aus dem Programm. „Wenn aber mehr Leute in Kamen einkaufen würden, müssten keine Abteilungen aufgegeben werden“, sagte er.

Das war auch eine Botschaft, die Katharina Großkraumbach, damalige Geschäftsführerin des Schuhhauses Wolter, bei der Aufgabe formuliert hatte. „Geht in eure Stadt, shoppt euch glücklich und erzählt allen davon. Haltet eure Stadt am Leben. Es wäre schade drum!“ Auch sie machte den Frequenzverlust als Begleiterscheinung des Online-Handels fest. „Er kann eine Chance sein, er kann aber auch das Genick brechen.“ In das große Ladenlokal in 1a-Lage ist bekanntlich „Ernsting’s Family“ eingezogen.

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