Dieter Scheck, Jugend- und Ausbildungsreferent beim Amateurfunkverein Kamen. Er zeigt die Polizeiakte mit den Bilder vom Lichtschacht, der bei der Sicherstellung der Geräte geöffnet wurde. © Carsten Janecke
Kriminalstück in Kamen

„Das grenzt an Rufmord“: Verein fühlt sich nach schlimmen Vorwürfen geächtet

Kamens Amateurfunker sehen ihren Ruf zerstört. Bei Ermittlungen um illegal betriebene Bitcoin-Rechner geraten sie unter Verdacht. Obwohl keine Schuld nachgewiesen wird, fühlen sie sich abgestempelt.

Als Stromdiebe abgestempelt. Die Vereinsräume durchsucht. Von der Kite ausgeschlossen. Die Jugendabteilung aufgelöst, weil der Rauswurf folgte. Und von städtischen Projekten ausgegrenzt. Der Deutsche Amateur-Radio-Club Kamen/Unna (DARC) ist in den vergangenen zwei Jahren tief gefallen.

Verdacht fällt sofort auf technikversierte Funker

Im Bitcoin-Fall der Stadt Kamen, bei denen unbekannte Stromdiebe der Stadt einen Schaden von ca. 2500 Euro zufügten, fiel der Verdacht sofort auf die technikversierten Funker, die ihren Sitz in Heeren haben.

Ein nach ihren Angaben unberechtigter Verdacht, der sie nach zwei Jahren immer noch belastet.

Obwohl die Polizei keinen Täter ermittelte und die Staatsanwaltschaft schon Ende 2019 das Verfahren einstellte, wie aus der umfangreichen Polizeiakte, 103 DIN-A4-Seiten stark, hervorgeht. Das Schriftwerk liegt dem Verein nach Abschluss des Verfahrens vor und liefert viele Details.

„Der ganze Vorgang grenzt an Rufmord. Wir sind richtig sauer“, sagt Dieter Scheck, Jugend- und Ausbildungsreferent, der seit 43 Jahren im Club in verschiedenen Funktionen tätig ist.

Walter Christoph, Kassierer der Kamener Funkamateure, auf dem Lichtschacht, der von außen leicht zu öffnen sein soll.
Walter Christoph, Kassierer der Kamener Funkamateure, auf dem Lichtschacht, der von außen leicht zu öffnen sein soll. „Das Gitter ist erkennbar verbogen, Zange und Schraubendreher reichen”, sagt er. © Carsten Janecke © Carsten Janecke

Funkamateure: Werden von Behörden geschnitten

Der 72-jährige Funker, der 25 Jahre lang Funktechnik bei der VHS unterrichtete, war sich lange nicht sicher, ob er an die Öffentlichkeit gehen sollte.

Als unsere Redaktion über die Versteigerung der Bitcoin-Rechner der Generalzolldirektion berichtete, gaben sich er und seine Vereinskameraden einen Ruck; nachdem sie ihrer Ansicht nach von den Behörden – sowohl der Stadt Kamen als auch dem Kreis Unna – immer noch geschnitten werden.

„Man ist offenbar immer noch der Ansicht, dass wir schuldig sind“, sagt Walter Christoph (58), seit sieben Jahren Kassierer des Vereins. Und Jugendgruppenleiter Wolfgang Jäkel (72), seit 1984 im Verein, sagt: „Wir wurden sofort verdächtigt – und das hält sich immer noch.“ Auf Anfrage unserer Redaktion kündigte die Stadt am Mittwoch eine Stellungnahme zu einem späteren Zeitpunkt an.

Die 103 Seiten starke Polizeiakte mit Bildern von der Durchsuchung der Räume des Kamener Amateurfunkvereins (DARC). Die Polizei stellte dort verdächtige Technik sicher.
Die 103 Seiten starke Polizeiakte mit Bildern von der Durchsuchung der Räume des Kamener Amateurfunkvereins (DARC). Die Polizei stellte dort verdächtige Technik sicher. © Carsten Janecke © Carsten Janecke

Mit einem Polizeieinsatz beginnt das Vereins-Drama

Von Anfang an: Mit einem Polizeieinsatz am 17. Mai 2019 beginnt das Drama für den Amateurfunkverein. Der damalige Vorsitzende, der nach dem belastenden Vorgang ungenannt bleiben möchte, wird ohne Angaben von Gründen telefonisch zum Jugendheim bestellt, so heißt es in der Schilderung der DARC-Mitglieder.

Im Kriechkeller des Neubaus, direkt neben den Räumen des DARC, läuft gerade die Sicherstellung der sogenannte Antminer, sieben an der Zahl.

Geräte, die zur Bitcoin-Herstellung genutzt werden und illegal angeschlossen waren an das Stromnetz der Stadt Kamen. „Als er ankam, lief ein Beamter auf ihn zu und sagte sinngemäß: Geben Sie es zu, Sie waren es“, stellt Walter Christoph die Situation dar. „Dabei wusste er gar nicht, worum es geht.“

Wolfgang Jäkel, Walter Christoph und Dieter Scheck (v.l.) von den Funkamateuren vor dem Jugendheim Heeren. Sie nutzten das Gebäude als Vereinsheim, bis sie es Ende des vergangenen Jahres räumen mussten.
Wolfgang Jäkel, Walter Christoph und Dieter Scheck (v.l.) von den Funkamateuren vor dem Jugendheim Heeren. Sie nutzten das Gebäude als Vereinsheim, bis sie es Ende des vergangenen Jahres räumen mussten. © Carsten Janecke © Carsten Janecke

Verdächtiges Funker-Material entpuppt sich als harmlos

Der Verdacht der Beamten erhärtet sich, als der Vorsitzende mit Blick auf die sichergestellten Geräte, die schon in einem Bulli der Polizei liegen, leichtfertig sagt. „Ja, das sind wohl Bitcoin-Rechner.“

Eine Aussage, die ihn zum Hauptverdächtigen macht – zu dem Zeitpunkt aus Sicht der Polizei wohl auch nachvollziehbar. „Er kennt sich als Funker aus mit Technik. Deswegen diese Äußerung, die – in Nachhinein gesehen – wohl unbedacht war“, sagt Christoph im Rückblick.

Es folgt die Durchsuchung der Vereinsräume, die Sicherstellung von PC-Lüftern und Kabeln – mit den Worten, die vor Ort gefallen sein sollen: „Ah, da haben wir ja noch Reste der Installation der Bitcoin-Rechner.“ Später stellt sich heraus: Mit den illegal angeschlossenen Geräten haben diese Dinge nichts zu tun. Es handelt sich lediglich um Funker-Zubehör.

Verein ohne Equipment bleibt der Kite fern

Von dem Zeitpunkt der Durchsuchung beginnt für den DARC, der bekannt ist für Nachwuchsförderung und ehrenamtliche Beteiligung an vielen Aktionen der Stadt, eine neue Zeitrechnung. Die Kite, auf die man sich fürs folgende Wochenende vorbereitet hatte: Für den Verein gestrichen, nachdem die Stadt das Schloss zu den Vereinsräumen auswechselte. „Wir kamen nicht an unsere Geräte. Anderthalb Jahre lang konnten wir dann unser Equipment nicht nutzen“, schildert Dieter Scheck. Die Jugendabteilung löste sich auf.

Als der Verein im August 2020 eine Dienstaufsichtsbeschwerde an den Kreis Unna schrieb und die aus seiner Sicht gravierenden Ungereimtheiten bei den Ermittlungen benannte, sei es ganz schnell gegangen. „Wir erhielten von der Stadt binnen weniger Tage den Schlüssel zurück“, so Christoph. Danach habe man allerdings die Kündigung erhalten. Ohne Begründung. Die Stadt plant dort, die Pflegeschule des Hellmig-Krankenhauses anzusiedeln.

Durch rasche Festlegung andere Spuren nicht verfolgt?

Die Vereinsmitglieder sind sich sicher, dass durch die rasche Festlegung auf den Verein als Schuldigen andere Spuren nicht konsequent verfolgt wurden. Als Beispiel nennen sie das Gitter des Lichtschachts, das oberhalb des Kriechkellers liegt. An einer Stelle ist das Gitter soweit aufgebogen, dass es von außen zu öffnen ist. „An den Rostspuren kann man sehen, dass es in der Vergangenheit mehrfach geöffnet wurde.“

Über den Autor
Redaktion Kamen
Jahrgang 1968, aufgewachsen in mehreren Heimaten in der Spannbreite zwischen Nettelkamp (290 Einwohner) und Berlin (3,5 Mio. Einwohner). Mit 15 Jahren erste Texte für den Lokalsport, noch vor dem Führerschein-Alter ab 1985 als freier Mitarbeiter radelnd unterwegs für Holzwickede, Fröndenberg und Unna. Ab 1990 Volontariat, dann Redakteur der Mantelredaktion und nebenbei Studium der Journalistik in Dortmund. Seit 2001 in Kamen. Immer im Such- und Erzählmodus für spannende Geschichten.
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Carsten Janecke
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