Keine Verbesserung am Pröbstingholz, das weiter als Freiluft-Toilette benutzt wird. Ein Lkw-Fahrer berichtet dort über die Nöte seiner Zunft. Und die Naturfreunde klagen: Es passiert nichts!

Kamen

, 04.09.2019, 12:31 Uhr / Lesedauer: 3 min

Man muss den Kopf weit in den Nacken legen, um zu Reinhard Kuhbach aufzublicken. Der 62-jährige Lastwagenfahrer aus Ettlingen, eine Stadt südlich von Karlsruhe, sitzt hoch oben auf der Pritsche seines durchzugskräftigen DAF-Brummis und blickt freundlich herunter.

Er hat die über 400 PS mitten in der Nacht nach Kamen gesteuert. Tonnenweise Obst und Gemüse, gekühlte Frischware. Seit 1.10 Uhr steht er nun auf der Einfädelspur vis-à-vis zum Pröbstingholz, die längst zum Dauerparkplatz geworden ist.

„Da mach ich mir lieber in die Hose!“ Ein Lkw-Fahrer berichtet: So läuft`s auf der Autobahn

Heribert Jurasik von den Naturfreunden auf Spurensuche im Wald. „Es hat sich nichts verbessert“, kritisiert er, als er auf Toilettenpapier und zweckentfremdete Zeitungen blickt. © Marcel Drawe

Verdreckte Toiletten sind keine Alternative

Kuhbach, der für „Kühltransporte Bachmann“ aus Karlsruhe fährt, steht auf der anderen Seite des kleinen Kamener Waldes, wo in den vergangenen Monaten die Notdurft-Problematik in den Fokus geraten ist. Er kennt das Problem, wenn die Not groß ist und das sanitäre Angebot klein. „Ehrlich gesagt. Da mache ich mir lieber in die Hose, bevor ich auf die verdreckten Toiletten gehe“, sagt er schwäbelnd mit Blick auf Örtlichkeiten an den Autobahnen.

Das macht er natürlich nicht. Und jetzt hat er das Problem auch nicht. Denn er kann tagsüber die sanitären Anlagen des großen DHL-Lagers nutzen. Um 13 Uhr hat er seinen Ladetermin. Dann geht es mit Paketen zurück nach Karlsruhe. Nach etwas mehr als elf Stunden Ruhezeit. Vorschriftsmäßig.

„Da mach ich mir lieber in die Hose!“ Ein Lkw-Fahrer berichtet: So läuft`s auf der Autobahn

Dan Tolbaru (gelbe Jacke) und Tica Rem stammen aus Rumänien, arbeiten für eine Spedition und sind in ganz Europa mit ihrem Sattelzug unterwegs. Nachdem sie ihre Lieferung bei DHL abgeladen haben, bereiten sie auf der leeren Ladefläche ihr Abendessen zu, bevor sie am nächsten Tag neue Ladung nach Österreich bringen. © Stefan Milk

Naturfreunde im Kampf gegen die Unart

Kuhbach weiß, dass nicht alle Fahrer Zugang zu den sanitären Anlagen haben. Das bestätigt er auch Heribert Jurasik, der gerade auch den Kopf in den Nacken nimmt. Jurasik von den Naturfreunden Kamen kämpft gegen die unappetitliche Situation am Pröbstingholz. Er will wissen, wie es sein kann, dass man seine Notdurft selbst auf den Wegen und direkt an der Straße verrichtet. „Und sogar direkt auf der Straße.“ Auch Kuhbach schüttelt den Kopf. „Das macht man nicht, das ist eine Frechheit“, sagt er empört. „Da geht man dann etwas tiefer in den Wald. Wir sind doch alle erwachsene Leute.“ Aber selbst in den Wald zu gehen - das kommt am Pröbstingholz nicht gut an. Jurasik hat den Kampf gegen die Unart aufgenommen. Seitdem er die Initiative der Naturfreunde anführt, gibt es Reaktionen der Behörden. Die Wirtschaftsförderungsgesellschaft im Kreis Unna hat einen Vier-Punkte-Plan angekündigt. Doch Jurasik hat noch keine Verbesserung festgestellt. „Es hat sich schlichtweg nichts getan!“

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Überrollt von der wachsenden Logistik?

Die WFG hat angekündigt, die Lkw-Fahrer zu befragen, woher sie kommen und wohin sie fahren. Sie wollen die sogenannten Ziel- und Quellverkehre ermitteln, um Konzepte zu entwickeln, um von der weiter wachsenden Logistik nicht komplett überrollt zu werden. Zudem suchen Lastkraftfahrer auch in den örtlichen Gewerbegebieten nach Übernachtungsmöglichkeiten. Kuhbach ist deswegen skeptisch, dass sich die Situation überhaupt verbessern wird. „Deutschland ist rückständig“, sagt er. Kuhbach, der in Europa fast alle Autobahnen kennt, hat den Vergleich, denn er ist viele Jahre international gefahren. Er lobt die Franzosen, die an den Autobahnen weitläufige Anlagen für Lastwagenfahrer vorhalten, finanziert durch die Autobahn-Maut. „Da gibt es Parkplätze für 600 Lastwagen - du kannst kommen, wann du willst und findest einen Platz. Unschlagbar!“

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„Dann sucht man sich im Wald ein ruhiges Eckchen“

In Deutschland nicht. Robert Kroiß ist Vorsitzender des Deutschen Berufskraftfahrer-Verbands, der seinen Sitz im bayrischen Ort Regen hat. Er kennt die Probleme seiner Kollegen, die tausende Kilometer auf der Straße verbringen und dann vor verschlossenen Toren der Firmen stehen. „Wo soll der Fahrer hin?“, fragt er. Diese würden oftmals von einem Parkplatz zum nächsten fahren - „und zum nächsten und wieder zum nächsten.“ Wenn sie dann einen Platz fänden, seien die sanitären Anlagen oftmals so verschmutzt, dass sie nicht nutzbar wären. „Wenn das Klo verstopft ist, dann sucht man sich im Wald ein ruhiges Eckchen.“ Das gilt auch in Gewerbegebieten. Eben wie am Pröbstingholz.

Auf 160 Kilometern keinen Rastplatz gefunden

Für bessere Lkw-Infrastruktur

Der Vier-Punkte-Plan der WFG

Punkt 1: Kern bildet eine Umfrage unter den Lastwagenfahrern, die eine Grundlage für weitergehende Gespräche mit den großen Logistik-Unternehmen bilden soll. Studenten, die die jeweiligen Sprachen der Fahrer beherrschen – Rumänisch, Bulgarisch, Polnisch, Russisch und mehr – sollen zunächst in die Gewerbegebiete in Unna und Bönen ziehen, um die Fahrer zu interviewen. Ziel ist, zu ermitteln, woher die Fahrer kommen und wohin sie wollen. Steuern sie tatsächlich die Logistikbetriebe an oder machen sie nur einen Abstecher von der Autobahn, um eine Ruhepause einzulegen? Punkt 2: Gespräche mit den Firmen aus den Gewerbegebieten im Kreis Unna. Geschehen bereits mit Rhenus Logistics an der Formerstraße in Unna und mit DHL am Pröbstingholz in Kamen. Weitere Gespräche mit den Großlogistikern sollen folgen. Punkt 3: Schulterschluss der Bürgermeister aus Kamen, Unna, Bergkamen und Bönen. Elke Kappen (SPD/Kamen), Werner Kolter (SPD/Unna), Roland Schäfer (SPD/Bergkamen) und Stephan Rotering (parteilos/Bönen) haben über das Thema beraten. Sie wollen für die notwendige Unterstützung aus ihren Fachbereichen sorgen. Dabei geht es vor allem darum, die jeweiligen Ordnungsämter so aufzustellen, dass stärkere Kontrollen an den Lkw-Brennpunkten durchgeführt werden können. Punkt 4: Fachlicher Rat von der Verkehrsplanungsgesellschaft Deges. Sie will ab diesem Jahr neue Stellplätze für Lkw bauen: An der A1-Autobahn-Raststätte Lichtendorf-Süd sollen statt bisher 57 künftig 170 Stellflächen für Lastwagen zur Verfügung stehen. Konkret ist auch die Planung, an der A1, Fahrtrichtung Süd, zusätzliche Plätze auf einer Fläche in Unna-Afferde zu schaffen. Dort könnte eine sogenannte PWC-Anlage entstehen, also ein Parkplatz mit WC. Die Anlage soll über eine Kapazität von mindestens 60 Lkw-Stellplätzen verfügen. Der Baubeginn erfolgt wohl nicht vor 2022.

Kuhbach hat oft schon vergeblich einen Parkplatz gesucht. Jüngst auf der Strecke zwischen Nürnberg und Regensburg. „Über 160 Kilometer Fahrstrecke - nichts zu machen“, sagt er. Die täglich Praxis sei: Bis spätestens 16 Uhr einen Parkplatz ansteuern. „Danach geht nichts mehr, dann sind alle Plätze zugestellt.“ Jeder kennt das Bild: Die Lastwagen reihen sich dann wie eine Perlenkette von der Parkplatz-Abfahrt bis fast auf die Auffahrt.

Das deckt sich mit Zahlen, die die Verkehrsplanungsgesellschaft Deges ermittelt hat: Allein im Autobahnabschnitt zwischen dem Autobahnkreuz Kamen und dem Autobahnkreuz Westhofen fehlen 201 Lkw-Stellplätze. Mittlerweile dürften es noch mehr sein. Kuhbach ist skeptisch, dass sich seine Situation jemals verbessern wird. „Denn der Verkehr wird ja immer mehr. Und mal ehrlich: Wer will das bezahlen?“

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