Die evangelischen Kirchengemeinden in Kamen müssen ihr Leben derzeit von Woche zu Woche praktisch erfinden. Dabei gibt es viele Mut machende Lösungsansätze – die vielleicht sogar Corona überdauern.

von Werner Wiggermann

Kamen

, 09.09.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ganz allmählich und mit durchaus unterschiedlichen Konzepten gewinnen die evangelischen Kirchengemeinden in Kamen ihr Gemeindeleben zurück. Taktgeber bleiben die Corona-Richtlinien – neue Normalität, neue Formen des Miteinander entfalten sich aber auch durch Einsatz und Ideenreichtum vor Ort.

Jetzt lesen

Zum Beispiel, wenn eine Seniorenbeauftragte wie Gisela Schröter in Heeren-Werve nach gesundheitlicher Zwangspause wieder in die Arbeit eintaucht. „Das ist einfach klasse, was sie daraus macht“, schwärmt Pfarrerin Andrea Mensing. Hausbesuche, natürlich mit dem gebotenen Abstand, gehören dazu auch wieder. Ein Segen für die Besuchten, die so lange sozial isoliert waren, ein erfüllter Herzenswunsch aber auch für die Besucherin.

Gemeindegruppen entscheiden selbst

Noch nicht wieder aktiv sind einige Angebote, bei denen die zur Verfügung stehenden Räume einfach nicht zu den Corona-Regeln passen: Männerdienst, Frauenhilfe und auch die Seniorenarbeit bleiben in Heeren-Werve in der Zwangspause. Die geforderten Abstände einzuhalten hieße hier einfach für einige, dass man sich akustisch nicht versteht, erläutert Andrea Mensing. Und weil es hier sehr stark um individuelle Voraussetzungen geht, entscheiden in Kamen-Mitte die Gruppen selbst, wann und wie sie wieder in den „Normalbetrieb“ durchstarten.

Kaffee und Kuchen dürfen derzeit ohnehin nicht serviert werden. Deshalb ist das Café im Alten Pfarrhaus Heeren-Werve noch bis auf Weiteres geschlossen.

Kaffee und Kuchen dürfen derzeit ohnehin nicht serviert werden. Deshalb ist das Café im Alten Pfarrhaus Heeren-Werve noch bis auf Weiteres geschlossen. © Stefan Milk

„Die Gruppenleitungen werden jetzt angerufen“, erklärt Andreas Dietrich, zurzeit Vorsitzender des Kamener Presbyteriums. Auf jeden Fall gebe es eine große Sehnsucht, sich endlich in der Gruppe wiederzusehen. Die Frauenhilfe hat schon ein Treffen hinter sich. Ein Treffen mit Abständen, aber auch der Möglichkeit, ein wenig näher zusammenzurücken. Dann müsse jeweils die Sitzordnung notiert werden, um mögliche Ansteckungen nachverfolgen zu können. „Generell gestalten wir die Gruppentreffen noch etwas vorsichtig“, versichert Pfarrer Dietrich. Ähnliche Vorzeichen gelten natürlich auch in Methler, erklärt Pfarrer Jochen Voigt. Fast alle Gruppen treffen sich schon wieder.

Musik-Gruppen üben in getrennten Stimmlagen

Schwierig sei die Situation allerdings immer noch bei den Musik-Gruppen der Gemeinde. Bisher mussten die in Kleingruppen und deshalb nach Stimmlagen getrennt üben.

Die Musik-Ensembles der Ev-lutherischen Kirchengemeinde in Kamen haben und hatten noch mit besonderen Einschränkungen zu kämpfen. Die Auflagen verändern sich laufend.

Die Musik-Ensembles der Ev-lutherischen Kirchengemeinde haben und hatten noch mit besonderen Einschränkungen zu kämpfen. Die Auflagen verändern sich laufend. © Privat

Seitdem die geforderten Abstände der Musikanten aber von 3 bzw. 4 Metern auf 2 Meter in jeder Richtung verkürzt wurden, ist etwa im großen Saal des Bodelschwingh-Hauses jetzt schon wieder Platz für mehr Mehrstimmigkeit. Wiedergesehen haben sich inzwischen bereits die Teilnehmer des Diakonischen Mittagstisches, bei denen die Teilnehmerzahl von früher bis zu 40 jetzt aber noch auf 10 begrenzt ist. Ein rollierendes System ist die logische Folge. „Insgesamt ist bei den Gruppen alles im Fluss“, bilanziert Jochen Voigt. Ideenreich und verantwortlich erfindet sich das Gemeindeleben gerade an vielen Stellen immer wieder neu.

Methler: Wiedereinstieg in den Samstagsgottesdienst

Was letztlich auch für die Gottesdienste gilt. „Da haben wir ein echtes Luxusproblem“, erklärt Pfarrer Voigt. Es besteht darin, dass gerade der überdurchschnittlich gute Besuch zum Handeln zwang. Für die Margaretenkirche war eine Obergrenze von 55 Personen festgelegt worden – und tatsächlich musste man schon einmal ein paar Leute nach Hause schicken, weil die Grenze erreicht war. Die große Nachfrage an den Sonntagen erkläre sich vielleicht auch damit, dass die Samstags-Gottesdienste coronabedingt ausgefallen sind. Am 12. September um 18.30 Uhr soll jetzt der Wiedereinstieg gefeiert werden.

Solisten singen für die Gemeinde

Zurückhaltung muss bis auf Weiteres jedoch beim Gesang geübt werden. Statt der ganzen Gemeinde intonieren Solisten oder kleine Chorgruppen die Kirchenlieder. Wie in Methler gilt das auch in den anderen evangelischen Gemeinden. In Heeren etwa gilt die Ansage, den Text leise mitzusprechen oder sich ein wenig zur Musik zu bewegen. Immerhin konnte die Zahl der zugelassenen Gottesdienstbesucher in Heeren jetzt auf 100 heraufgesetzt werden.

Jetzt lesen

In der Kamener Pauluskirche gilt ein Kompromiss, der unterschiedlichen Einschätzungen der Besucher geschuldet ist: Wer besonders vorsichtig sein möchte, setzt sich in eine hintere Reihe und kann dort großen Abstand wahren; wer sich mehr Nähe zutraut, kann vorn „wie früher“ sitzen, erläutert Pfarrer Dietrich. Allerdings müsse dann auch dort die Sitzordnung notiert werden. Ein Modell, über das in Methler auch nachgedacht wird, wie Jochen Voigt mitteilt. Überhaupt lasse man sich gern von Erfahrungen und Lösungen aus den Nachbargemeinden in Kamen und Heeren-Werve inspirieren.

Vielleicht gilt das dann auch für die Abendmahlsfeiern, für die die Pfarrer in Kamen-Mitte jetzt neue Wege suchen. Zum Beispiel die Variante, dass der Pfarrer die Oblate in den Wein- bzw. Saft-Kelch eintaucht und so an den jeweiligen Gläubigen übergibt.

Taufgottesdienste abgetrennt

Neu in Heeren-Werve ist die Trennung zwischen normalen Sonntags- und Taufgottesdiensten. Das reduziert die Zahl der Besucher, lässt etwas mehr Nähe zu, stellt das Taufgeschehen besser in den Mittelpunkt und schafft Raum für schöne Experimente: Zum Beispiel, wenn der auch hier noch nicht zulässige Gruppengesang durch einen in rhythmische Bewegungen umgesetzten Psalm ersetzt wird.

Ein Beleg mehr für die Einschätzung, dass vieles im Fluss bleibt. Vielleicht eine Chance, den etwas größeren Herausforderungen optimistisch entgegen zu sehen: „Für einige Anlässe wie den Ewigkeitssonntag, Erntedank oder gar Heiligabend haben wir noch keine Lösungen“, räumt Pfarrer Jochen Voigt ein.

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Weniger Kontrollen
Tausende Parksünder in Kamen kommen ungestraft davon – nicht erst seit Corona
Hellweger Anzeiger Corona-Pandemie
Immer mehr Corona-Patienten in Krankenhäusern: Weiteres Krankenhaus nimmt Covid-Fälle auf