Corona-Krise: Stadthalle Kamen wird vor Pleite gerettet

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Die Kamener Veranstaltungsstätte Nummer 1 steckt tief in der Corona-Krise. Sogar eine Insolvenz der Stadthalle wird für möglich gehalten. Dem hat der Stadtrat jetzt einen Riegel vorgeschoben – und Zuschüsse in unbegrenzter Höhe beschlossen.

Kamen

, 18.06.2020, 19:12 Uhr / Lesedauer: 3 min

Gähnende Leere im Veranstaltungskalender der Stadthalle Kamen: Weder im Juni noch in der Terminvorschau findet sich ein einziger Eintrag. Für die Veranstaltungsstätte Nummer 1 im Umkreis sieht es wegen der Corona-Krise düster aus. Konzerte, Konferenzen und andere Saalbuchungen wurden reihenweise abgesagt.

Wo die Stadthallenmanager Frank Dreher und Katrin Jubitz ohne Corona einen kleinen Lichtblick hätten sehen können, weil die Stadt Kamen zum Betrieb im vorigen Jahr ungefähr 10 Prozent weniger als die geplanten 350.000 Euro zuschießen muss als geplant, werden sie nun förmlich von einem schwarzen Loch angezogen. Seit im März die ersten Veranstaltungsverbote zur Bekämpfung der Pandemie kamen, floss kein nennenswerter Euro mehr in die Kasse. Ohne eine Rettung durch die kommunale Mutter droht der Tochter die Pleite.

Stadthalle Kamen

170 Veranstaltungen im Jahr

  • Die Stadthalle Kamen war im vorigen Jahr der Schauplatz von 170 Veranstaltungen, wie aus dem jetzt präsentierten Jahresbericht hervorgeht. Das sind 11 Veranstaltungen weniger als im Vorjahr. Die Besucherzahl ging um rund 5500 auf 42.000 Besucher zurück.
  • 83 Veranstaltungen (Vorjahr: 98) fanden im Saalbereich statt und 35 Meetings und Feiern (Vorjahr 63) im Konferenzbereich. Sowohl im Restaurant als auch außer Haus gab es jeweils 11 Veranstaltungen (Vorjahr 3 bzw. 10).
  • Acht Veranstaltungen hat die Stadthallengesellschaft („Kamener Betriebsführungsgesellschaft“) selbst organisiert, darunter Großveranstaltungen wie die Altstadtparty, das Brunnenfest und die „After XMas Party“.
  • Kamener Vereine und Verbände können Räume kostenfrei mieten. Das wurde für fünf Veranstaltungen genutzt (Vorjahr: 8).
  • In der Konzertaula übernahm die KBG für 70 kulturelle und schulische Veranstaltungen die technische und gastronomische Betreuung (Vorjahr. 78).
  • Einschließlich Stadthalle und Konzertaula gab es 240 Veranstaltungen (Vorjahr 259).

Wie groß das Ausmaß der Misere ist, wurde am Donnerstag im Stadtrat deutlich. Dort wurde auf Basis alarmierender Zahlen und einer negativen Lage-Einschätzung beschlossen, dass der bisherige Zuschussdeckel für die Stadthallengesellschaft („KBG“) aufgehoben wird. Dieser lag bislang beim Zwanzigfachen des Stammkapitals, das sind rund 511.000 Euro. Zum Vergleich: Normalerweise soll der Veranstaltungsbetrieb die Stadt nicht mehr 350.000 Euro im Jahr kosten, diese Verlustbegrenzung ist das Ergebnis einer früheren Umstrukturierung. Für 2020 waren eigentlich 330.000 Euro angepeilt. 2019 blieb die KBG mit 309.000 Euro deutlich darunter, 2018 waren es 339.000 Euro.

Mehr als 511.000 Euro Verlust erwartet

Doch damit wird sie im Corona-Jahr nicht auskommen. Die Ratsmitglieder erfuhren in der Beschlussvorlage, dass allein für den Zeitraum bis Mitte Juli 21 Veranstaltungen mit erwarteten 14.050 Besuchern weggefallen sind. Dies bedeutet Umsatzausfälle von 166.700 Euro, sodass unter Berücksichtigung der ebenfalls wegfallenden Veranstaltungskosten ein Minus von 90.000 Euro in der Kasse bleibt. Noch nicht beziffert sind die Ausfälle für das zweite Halbjahr. Da aus Sicht der Manager keine „deutliche Verbesserung der Situation für den Betrieb von Stadthalle, Restaurant, Gastronomie in der Konzertaula und weiteren Kulturveranstaltungen“ absehbar ist, halten sie es für „nicht unwahrscheinlich“, dass der Zuschussdeckel von 511.000 Euro gesprengt wird.

Ohne den Ratsbeschluss, der den Deckel aufhebt und Arbeitsplätze sichern soll, würde der Stadthalle die Insolvenz drohen. Die Geschäftsführung müsste einen „Insolvenzantrag stellen“, heißt es ausdrücklich in der Beschlussvorlage, die mit den Stimmen von fast allen Ratsmitgliedern angenommen wurde.

Der Stadtrat stimmt fast einstimmig für die Unterstützung

Lediglich Heike Schaumann (FDP) stimmte gegen den Beschluss. Sie kritisierte, dass keine konkreten Zahlen und keine Obergrenze aufgeführt sind. Einem „Blanko-Scheck“ wolle sie nicht zustimmen. Zudem gehe sie davon aus, dass schon bald wieder Veranstaltungen, wenn auch keine Großveranstaltungen in der Stadthalle möglich sein könnten, weil sich derzeit schnell etwas tue. „Diese Hoffnung muss ich Ihnen nehmen“, entgegnete Kämmerer Ralf Tost. Denn ein wesentlicher Teil der Einnahmen, durch die positive Ergebnisse erzielt werden können, seien Abibälle. „Und die sind weg.“ Auch der Getränkeverkauf rechne sich nicht. „Wir müssen agieren“, so Tost.

Viele Veranstaltungen sind wegebrochen, darunter auch Abibälle. Normalerweise ist die Stadthalle wegen ihres größten Saals im Umkreis sehr gefragt.

Viele Veranstaltungen sind weggebrochen, darunter auch Abibälle. Normalerweise ist die Stadthalle wegen ihres größten Saals im Umkreis sehr gefragt. © Marcel Drawe

Und so sahen es auch die anderen Fraktionen. Ralf Eisenhardt (CDU)warb für den Beschluss, weil die missliche Lage durch kein Selbstverschulden hervorgerufen worden und nicht absehbar gewesen sei. „Wir sehen in dem Beschluss auch das Bestreben, Arbeitsplätze zu sichern“, so Eisenhardt. Letzteres betonte auch Joachim Eckhardt (SPD), denn den Mitarbeitern könne so Sicherheit und eine Perspektive geben. Außerdem gehe es um „unsere“ Stadthalle, die es dem Rat und auch anderen Gruppe ermögliche, in Corona-Zeiten zu tagen.

Alte Konflikte um die Frage, ob Kamen sich überhaupt eine Stadthalle als Verlustbringer leisten kann, brachen in der Sitzung nicht auf. Stattdessen war man sich einig, dass hier Menschlichkeit Vorrang habe. Die Mitarbeiter sollen bleiben, bis die Stadthalle wieder für Veranstaltungen öffnen kann.

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Soforthilfe beantragt

Die Stadthalle verfügt laut Jahresbericht über umgerechnet acht Vollzeitstellen und eine größere Zahl von Aushilfskräften. Zwei kaufmännische Mitarbeiter sind auch im Kulturbereich der Stadt beschäftigt. Die Stadtmitarbeiter und Geschäftsführer Jubitz und Dreher sind wiederum zu einem Drittel bei der KBG beschäftigt. Der Rettungsschirm, den der Stadtrat nun gespannt hat, hilft den Etliche Aushilfskräfte sind infolge der Corona-Krise bereits ohne Beschäftigung. Für alle anderen gilt Kurzarbeit bei Aufstockung auf 95 Prozent. Die KBG selbst hat bei Land NRW 25.000 Euro Soforthilfe beantragt.

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