Kein Foulspiel im Strafraum festgestellt: Die Staatsanwaltschaft hat die Untreue-Ermittlungen gegen einen Ex-Direktor der Sportschule Kaiserau eingestellt. Es ging auch um ein Schalke-Spiel.

Kamen

, 08.06.2019, 07:19 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Aufwand war groß, den der Fußball- und Leichtathletikverband in Kamen betrieb, um den Skandal um den früheren Direktor Martin N.* aufzuklären. Der FLVW ließ seit November 2016 Buchführung, Rechnungslegung und Korrespondenz aus den letzten Amtsjahren des Ex-Direktors N. von der Dortmunder Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Audalis untersuchen. Die Kanzlei Park nahm darauf hin eine rechtliche Prüfung vor – mit dem Ergebnis, dass der Ex-Direktor zwar in vielen Punkten entlastet wurde, aber zumindest ein Anfangsverdacht stehen blieb, dass er „Verbandsressourcen zum privaten Nutzen zweckentfremdet hat“. Der von Präsident Gundolf Walaschewski geführte Verband erstattete damals Strafanzeige wegen Untreue bei der Staatsanwaltschaft Dortmund.

Anderthalb Jahre später ist nun klar: Was der Ex-Direktor N. beteuert hatte, dass er sich nämlich strafrechtlich nichts habe zuschulden kommen lassen, ist jetzt offiziell bestätigt. Die Staatsanwaltschaft Dortmund hat die Untreue-Ermittlungen unter dem Aktenzeichen 700 Js 1992/17 im April 2019 mangels Tatverdacht eingestellt. Das erklärte der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Henner Kruse, auf Anfrage der Redaktion.

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Penisfoto zeitlich nicht einzuordnen

Gleichwohl klappt die Anklagebehörde die Akten über den Ex-Direktor N. noch nicht zu. Weiterhin schwebt über ihm ein Verfahren wegen Verbreitung pornografischer Schriften, aufgehängt an einem mutmaßlich von N. verbreiteten Penisfoto. Vorwürfe sexueller Belästigung von drei Mitarbeiterinnen hatten den Verbandspräsidenten Gundolf Walaschewski im Herbst 2016 zur Trennung von dem Direktor per goldenem Handschlag bewogen, statt ihn fristlos zu kündigen. Nach außen hin wurde die Trennung mit einem persönlichen Schicksalsschlag begründet, bis durch Enthüllungen des Nachrichtenmagazins „Spiegel“ im April 2017 die wahren Hintergründe herauskamen.

In der Sache mit dem Penisfoto kam die Staatsanwaltschaft bislang zu keiner Entscheidung, weil sie auch durch nachträgliche Vernehmungen nicht habe klären können, wann das Foto versandt wurde. „Das konnten die Zeugen nicht sagen“, so Sprecher Kruse. Erschwerend kam wohl hinzu, dass die Anklagebehörde nicht wusste, wie sie Direktor N. erreichen konnte. „Zwischenzeitlich gab es Hinweise, dass er sich in der Karibik aufhält“, so Kruse. Mittlerweile könnten die Vorwürfe gegen den Mann, dessen schwere Erreichbarkeit mit einer neuen beruflichen Tätigkeit zusammenhängen soll, verjährt sein. Ex-Direktor N. hat auch in dieser Sache strafbares Verhalten bestritten.

Finanzen beim FLVW

Was Prüfer herausfanden

Eine Weinlieferung aus Mallorca („Castell Miquel, Stairway to Heaven, Rosado“), eine Feier zum Zehnjährigen des Sporthotels mit Starkoch Kolja Kleeberg und Fußball-Comedian Matze Knop, ein teures Streichorchester zur Verabschiedung des langjährigen Präsidenten Hermann Korfmacher beim Verbandstag 2016 – das alles sollen laut früheren Enthüllungen des Nachrichtenmagazins „Spiegel“ Beispiele sein für fragwürdige Vorgänge, die Wirtschaftsprüfer ab 2016 beim Fußball- und Leichtathletikverband in Kamen durchleuchtet haben. Der 100-seitige Untersuchungsbericht, in dem das alles steht, liegt beim Verband unter Verschluss und wurde nie veröffentlicht. Fehlende Kontrollen und ein fehlendes Wertebewusstsein sollen nach Erkenntnissen der Prüfer dazu beigetragen haben, dass Geld der Amateurklubs beim Dachverband FLVW mutmaßlich verschwenderisch ausgegeben werden konnte. Doch strafbar, das zeigen nun abgeschlossene Ermittlungen der Staatsanwaltschaft im Fall des Ex-Direktors, war das nicht. Es war nicht Aufgabe der Staatsanwaltschaft in den nun abgeschlossenen Ermittlungen gegen den Ex-Direktor Martin N.*, die Rolle der Verbandsspitze um den Ehrenpräsidenten Korfmacher oder um seinen ab 2016 agierenden Nachfolger Walaschewski zu prüfen. „Fehlverhalten von Präsidiumsmitgliedern konnten wir nicht erkennen“, hatte der Prüfer Tobias Eggert von der Kanzlei Park im September 2017 erklärt. „Auch zahlreiche Vorwürfe, die ursprünglich gegen den ehemaligen Direktor erhoben wurden, haben sich nicht bestätigt, da sie teilweise auf Gerüchten basierten.“

Mit dem Hausmeister zur Champions League in London

Der nun ausgeräumte Untreue-Verdacht stützte sich laut dem Sprecher der Staatsanwaltschaft auf vier Punkte. In der Champions League trennten sich der englische FC Chelsea und der FC Schalke 04 am 17. September 2014 unentschieden 1:1. Einem Hausmeister des Sportcentrums Kaiserau war es vergönnt, gemeinsam mit dem Direktor N. die Partie live im Londoner Stadion Stamford Bridge mitzuerleben. Der Direktor hatte offenbar die Tickets besorgt und den Untergebenen in seinem Auto mitgenommen.

Laut Staatsanwaltschaft stand dem Direktor für Reisen und Fahrten zu Spielen ein gewisser finanzieller Spielraum zur Verfügung, um „Networking“ zu betreiben. Deshalb seien Fahrten zu Fußballspielen nicht zu beanstanden. Die Karten waren laut Datum am 12. September geliefert worden, um „Kontaktpflege zwischen dem Beschuldigten und Mitarbeitern von FC Schalke 04“ zu ermöglichen. Da die geplante Fahrt mit einem Schalke-Mitarbeiter nicht zustande gekommen sei, habe der Direktor stattdessen den Hausmeister mitgenommen. Im Ergebnis seien dem FLVW keine Mehrkosten entstanden. Eine Stornierung der Karte – es ging um 200 Euro – sei aufgrund des geringen Zeitfensters nicht möglich gewesen. Da der Direktor mit seinem Wagen fuhr und die Fähre über den Ärmelkanal pro PKW und nicht pro Mitfahrer berechnet wurde, erzeugte die Fahrt selbst ebenfalls keinen finanziellen Schaden für den Verband.

Essenslieferungen an den Tennisclub Methler

Der Ex-Direktor ist nicht nur Fußball- und Schalke-Fan, sondern auch Tennisspieler. Aus dem Sportcentrum Kaiserau wurde Essen an den Tennisclub Methler geliefert, das angeblich nicht gezahlt wurden. Durch Kontoauszüge des Tennisclubs fand der ermittelnde Staatsanwalt heraus, dass der Club sehr wohl bezahlt hatte.

Ämterübergabe beim Rotary-Club

Der Rotary-Club Kamen nutzte das Sportcentrum Kaiserau als Vereinslokal. Der Direktor sollte in einem Fall mutmaßlich seine Rotary-Freunde finanziell bevorzugt haben. Anlässlich einer Ämterübergabe sollte er 1852,50 Euro nicht berechnet haben – so weit der verbandseigene Prüfungsbericht, den die Staatsanwaltschaft erhielt. Der ermittelnde Staatsanwalt telefonierte daraufhin laut Kruse mit dem Präsidenten des Rotary-Clubs und erhielt einen Kontoauszug vom 22. August 2016, aus dem hervorging, dass der Rotary-Club diese Summe sehr wohl bezahlt hatte.

Chef der Sportschule Kaiserau durfte Hausmeister zu Schalke-Spiel nach London mitnehmen

Sportschule Kaiserau: Untreue-Vorwürfe gegen einen Ex-Direktor haben sich nicht bestätigt. © Stefan Milk

Hochzeitsgäste des Schwagers einquartiert

Schließlich ging es noch um die Hochzeit eines Schwagers. Einige Hochzeitsgäste wurden im Sporthotel preisgünstig einquartiert. Das sei jedoch nicht als Untreue zu werten, dazu müsse vorausgesetzt sein, dass dem Verband durch das Verhalten des Beschuldigten ein Schaden entstand. „Dieser lässt sich letztlich nicht feststellen“, so der Sprecher der Staatsanwaltschaft. Das Sporthotel hat verschiedene Tarife. Mitarbeiter zahlen 35 Euro inklusive Frühstück, der Einzelzimmerzuschlag beträgt zehn Euro, wobei die Staatsanwaltschaft davon ausgeht, dass diese Tarife kostendeckend sind. „Sämtliche Zahlungen der Hochzeitsgäste lagen darüber.“

Beschwerden bei einem Ombudsmann

Aus Sicht der Staatsanwaltschaft bieten die Ermittlungen keinen Anlass für eine Anklageerhebung, sodass sie am 29. April eingestellt worden sind. Letzte Unklarheiten besprach der ermittelnde Staatsanwalt zuvor am 24. April 2019 mit FLVW-Vizepräsident Peter Wolf, der dann laut Staatsanwalt im eigenen Haus zum Beispiel den Eingang der Zahlung des Rotary-Clubs feststellen ließ. Wolf kam als Finanzchef die Rolle des Aufklärers in dem Skandal zu. Er hatte 2016 vorübergehend auch die kommissarische Leitung des Sportcentrums Kaiserau übernommen. Wie erst jetzt bekannt wurde, kam es 2017 zu Beschwerden bei einem Ombudsmann.

*Name geändert

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