Eine Tür an der A2 in Kamen führt direkt auf die Autobahn. Regelmäßig spielen dort Kinder. Trotz Hinweisen von besorgten Bürgern steht die Tür offen. Seit einem Jahr.

Kamen

, 21.11.2019, 12:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Thomas Koßmann ist erbost. „Das ist im höchsten Maß skandalös“, sagt er. Mitten in der Kamener Nordstadt öffnet er eine Tür und steht nur zwei Meter entfernt von der Autobahn 2.

Hinter ihm donnern schwere Lastwagen vorbei, die vom Kamener Kreuz in Richtung Dortmund brausen. Noch schneller sind die Autos, die hinter dem Autobahnkreuz ohne Tempolimit auf die Tube drücken.

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Offene Tür zur A2 in Kamen

Koßmann blickt durch eine sogenannte „Fluchttür“ in der Lärmschutzwand auf der Autobahnbrücke, die sich über das Wohngebiet an der Fritz-Erler-Straße spannt. Die Tür steht immer ein spaltweit offen, obwohl sie eigentlich fest verschlossen sein sollte. Zumindest vom Wohngebiet aus.

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Nur etwas Gestrüpp und ein anderthalb Meter breiter Grünstreifen trennen Koßmann von der Leitplanke, hinter der die sechsstreifige Autobahn liegt.

Offene Tür führt direkt auf die A2 – aber die Behörden schauen weg

Heinrich Scholten an der Brücke, über die die A2 verläuft. Die Steinrampe benutzen spielende Kinder, um dort auf Pappkartons hinunter zu rutschen. In nur weniger Entfernung ist eine Fluchttür, die zur Autobahn hin offen steht. Für die Bürger wie Heinrich Scholten eine unhaltbare Situation. © Stefan Milk

Behörden reagieren nicht: „Das ist der eigentliche Skandal!“

Der 64-jährige Kamener beschäftigt sich nicht zum ersten Mal mit der unverschlossenen Fluchttür. „Das ist der eigentliche Skandal“, sagt er.

„Bisher hat man nur Glück gehabt, dass nichts Schlimmes passiert ist.“
Anwohner Thomas Koßmann

Denn zusammen mit weiteren Anwohnern, darunter Heinrich Scholten und Gabriele Tietz, hat er bereits die Kreispolizei, den Kreis Unna und auch die Polizeidirektion Dortmund um Hilfe gebeten.

Das erste Mal vor etwa einen Jahr. Denn die Situation ist, so die Einschätzung der Anwohner, brisant. „Kinder klettern hier an der Rampe hoch und nutzen den Bereich als Spielplatz“, sagt Scholten (67), der seit 13 Jahren dort Anlieger ist.

Früher war die Autobahn von der Fritz-Erler-Straße nicht zugänglich. Seit einem Jahr aber schon. „Man sieht es nicht nur, man hört es auch, weil die Tür ständig im Wind klappert und scheppert.“

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Oft sind an der Brücke spielende Kinder zu sehen

Spielende Kinder, so berichten die Anwohner, seien dort oftmals zu sehen. Interessant für sie: Auf der gegenüberliegenden Seite stehen große Altpapiercontainer. „Sie holen sich von dort große Pappkartons, klettern damit die Rampe herauf und rutschen darauf dann die Steine hinunter.“ Die Kinder würden sich dann mit ihren Smartphones gegenseitig filmen oder fotografieren.

„Man stelle sich vor, ein Kind läuft dort auf die Autobahn.“
Anwohner Heinrich Scholten

Offenbar eine Riesengaudi. Dass ihnen nur wenige Meter entfernt ein freier Zugang zur Autobahn auftut, ist für die Beobachter vor Ort eine grausige Vorstellung.

Koßmann hat das ohrenbetäubende Brausen der Autobahn im Ohr, als er mit Blick durch die Fluchttür auf sich gerade stauende Lkw-Kolonnen sagt: „Bisher hat man nur Glück gehabt, dass nichts Schlimmes passiert ist. Man stelle sich vor, ein Kind läuft dort auf die Autobahn und stirbt – und man ist trotz unserer Hinweise untätig geblieben.“

Die Fluchttür ist in denkbar schlechtem Zustand

Die Fluchttür, die über zwei Dutzend Betonstufen von der nördlichen Brückenseite auch über eine Treppe zu erreichen ist, ist in denkbar schlechtem Zustand.

Die Klinke hängt, der Lack ist mit Graffiti und suizidal wirkenden Beschriftungen versehen. Kostprobe: „Mein Leben ist eine einzige Ruine. Ich kann/will nicht mehr.“

Makaber, wenn man direkt vor sich den durchfahrenden Autobahnverkehr hat. Auch die Anwohner haben sich damit beschäftigt, was dort alles passieren kann, obwohl es leicht zu verhindern wäre.

„Es kann ja zudem sein, dass die Fahrer abgelenkt werden oder sich erschrecken, wenn sie plötzlich jemanden dort sehen, der durch die Tür kommt. Und schon gibt es einen Unfall.“

Offene Tür führt direkt auf die A2 – aber die Behörden schauen weg

Fast zum Greifen nah: Die Fahrzeuge, die über die A2 rollen, brausen direkt vor der Tür in Richtung Dortmund. © Stefan Milk

Auch den Landrat eingeschaltet – bisher ohne Resultat

Koßmann und Scholten haben, nachdem es keine Reaktion durch die Behörden gab, rekonstruiert, wie oft sie sich gemeldet haben. Mindestens fünf Mal, wie sie unserer Redaktion berichten. Am 6. Oktober schließlich setzte Koßmann ein Schreiben an Landrat Michael Makiolla auf.

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Er schreibt: „Ich habe in der Vergangenheit bereits drei Mal telefonisch und persönlich in der Polizeiwache in Kamen darauf hingewiesen, dass die Fluchttür an der A2 in Fahrtrichtung Oberhausen an der Brücke, die über die Fritz-Erler-Straße führt, geöffnet ist (...). Außerdem habe ich darauf hingewiesen, dass an dieser Stelle manchmal Kinder spielen, die auch an der Brücke entlang nach oben klettern, somit schnell an der Fluchttür sind und dann sofort auf der Autobahn stehen.“

Auch nach dem Brief: keine Verbesserung. Die Tür steht weiter offen. Und klappert im Wind.

Offene Tür führt direkt auf die A2 – aber die Behörden schauen weg

Die Tür zur A2 ist in schlechtem Zustand, die Klinke hängt, sodass sie sich nur schwer schließen lässt. Meistens pendelt sie im Wind und ist scheppernd im Wohngebiet zu hören. © Stefan Milk

Polizei war mehrfach vor Ort – eine Reparatur erfolgte nicht

Auf Anfrage der Redaktion gab es am Mittwoch unterschiedliche Stellungnahmen der Behörden. Pragmatisch reagierte Manfred Blunk von der Autobahnpolizei Kamen, dem laut eigenen Angaben bisher kein Hinweis vorlag. Er entsandte Kollegen, die die Situation vor Ort begutachteten.

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Das, so Koßmann, sei auch vorher schon durch andere geschehen, allerdings immer ohne Konsequenzen. Zur Enttäuschung der Anwohner. „Man fühlt sich Bürger verantwortlich und meldet so etwas. Dass es offenbar keinen interessiert oder irgendwo versandet, ist skandalös. Man kommt sich vor wie der letzte Doofmann.“

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