Ungezügelt wachsende Natur, Schmetterlinge und Blütenpracht. Der seit Jahren gesperrte Betriebsweg an der Körne hat sich zum Naturparadies entwickelt. Sogar seltene Arten sind zu finden.

Kamen

, 02.08.2019, 10:49 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es summt und brummt im ungezügelten Farbenmeer am gesperrten Betriebsweg des Lippeverbandes. Mittendrin in einem Teppich aus Flockenblumen steht der Kamener Naturschützer Klaus-Bernhard Kühnapfel und schwingt ein großes Insektenfangnetz. Er weiß, was der Natur hier blüht, seitdem die Körne renaturiert und der Weg für die Öffentlichkeit unzugänglich ist. „Das hier ist ein Paradies“, sagt Kühnapfel auch mit Blick auf die Diskussion in Heeren, wo es Überlegungen gibt, einen bisher gesperrten Lippeverbandsweg am Mühlbach zu öffnen. Den gesperrten Weg an der Körne darf er nutzen, weil er eine Betretungserlaubnis des Lippeverbandes hat, um Studien zu betreiben.

Blutströpfchen, die vom Himmel fallen: So gedeiht Natur auf dem gesperrten Betriebsweg

Klaus-Bernhard Kühnapfel hat ein Blutströpfchen entdeckt und hat es kurze Zeit später im Insektenfangnetz festgesetzt. Nach kurzer Begutachtung schwirrt es schadlos wieder ab. © Janecke

Die Leidenschaft zum Beruf gemacht

Der 55-jährige Diplombiologe spaziert über den flachwachsenden Hornklee des Weges, vorbei an hoch wachsender Wilder Möhre und noch höher wachsenden Silberweiden. Er ist nicht nur ehrenamtlich im Naturschutzbund (Nabu) engagiert, sondern auch Projektleiter in einem bundesweit tätigen Büro für Umweltplanung, für die er vor allem in Süddeutschland Naturzonen auf Artenveränderungen untersucht. Seine Leidenschaft hat er zum Beruf gemacht. Wie groß seine Leidenschaft für die örtliche Natur ist, merkt man ihm bei jedem Schritt an, wenn er etwas Neues entdeckt und darauf zeigt - wie auf jene Blüten, die einen gelben Streifen breit ins satte Grün zeichnen. „Das ist das Gelbe Labkraut. Wie die Flockenblume ist das Kraut interessant für Schmetterlinge“, sagt er.

Blutströpfchen, die vom Himmel fallen: So gedeiht Natur auf dem gesperrten Betriebsweg

Klaus-Bernhard Kühnapfel kann die Natur lesen. Wo andere nur „Grün“ sehen, entdeckt er vielfältiges Leben. © Janecke

Spezialisiert auf die flatterhaften Fluginsekten

Das Wort „Schmetterlinge“ fällt nicht durch Zufall. Denn Kühnapfel hat sich auf die flatterhaften Fluginsekten spezialisiert. Allein 140 unterschiedliche Arten hat er dieses Jahr bereits erfasst. Das Besondere: „Es sind stark gefährdete Arten darunter, teilweise Arten, die als verschollen galten“, sagt er. Wie der Kurzschwänzige Bläuling oder der Sonnenröschen-Bläuling. Schmetterlingsarten, für die man schon Spezialist sein muss, um sie zu erkennen. Leichter erkennen lässt sich das sogenannte Blutströpfchen, ein Schmetterling aus der Familie der Widderchen. Der kleine Falter fällt auf durch die tiefroten Flecken, die kontrastreich auf die schwarzen Flügel getupft sind. Wie Pistolenkugeln in Zeitlupe schießen die kleinen Brummer über das Meer der Flockenblumen, um dann den Nektar zu saugen.

Blutströpfchen, die vom Himmel fallen: So gedeiht Natur auf dem gesperrten Betriebsweg

Ein Schmetterlingskokon, mitten auf dem Betriebsweg unauffällig an einer niedrig wachsenden Pflanze befestigt. Würden hier regelmäßig Spaziergänger hergehen, würde der Nachwuchs zerstört. © Janecke

Klimawandel: Der Kleine Fuchs ist verschwunden

Das Blutströpfchen ist eine von mehreren Schmetterlingsarten, die ein Indiz für den Klimawandel sind, sie sind aus südlichen Gefilden hierher gewandert, weil sie sich jetzt auch hier wohlfühlen. „Dafür sind andere Schmetterlinge kaum noch zu sehen. Wie der Kleine Fuchs, früher einer der häufigsten Schmetterlinge hier“, führt Kühnapfel aus. „Den habe ich seit zwei Jahren nicht mehr gesehen.“ Ursache dafür ist die extreme Trockenheit. Bisher stark verbreitete Arten würden deswegen dorthin wandern, wo es ihnen klimatisch besser geht. Entweder weiter nach Norden oder ins kühlere Sauerland. Dafür sind wieder andere Schmetterlinge zu finden, die zuvor nur in Süddeutschland gesichtet wurden - wie der Karstweißling, der zuvor nur in den Südalpen beheimatet war. „Er hat sich hierher auf den Weg gemacht.“

Blutströpfchen, die vom Himmel fallen: So gedeiht Natur auf dem gesperrten Betriebsweg

An der Körne ist ein Betriebsweg dauerhaft gesperrt. Andere Wege an den heimischen Flüssen sind dafür geöffnet. © Janecke

Lichtfänge mitten in der Nacht

Kühnapfel weiß das alles so genau, weil er sich nachts auf die Lauer legt, um die Schmetterlinge kurz zu fangen, zu bestimmen und dann wieder frei zu lassen. Das macht er mitten in der Nacht mit sogenannten „Lichtfängen“ - mit einer UV-Leuchte und weißen Bettlaken, die er drumherum auslegt. Die Falter werden vom Licht angezogen und fliegen in ein Gaze-Netz, ein leichtes, sehr locker gewebtes Netz. „40 bis 50 Arten an einem Abend kann man dann finden“, sagt er. Die kurz mit Essigäther betäubten Tiere kommen dabei nicht zu Schaden. Dann findet Kühnapfel Ulmenzipfelfalter, Schwalbenschwanz, Perlmuttfalter, Schachbrettfalter und Landkärtchen.

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„Die Natur braucht Rückzugsräume“

Es sind nicht nur die Schmetterlinge, die dieses Refugium einzigartig machen, so Kühnapfel. „Vor allem die Vögel brauchen ihre Ruhe. Würden hier Hunde herumlaufen, würden hier deutlich weniger brüten.“ Erfolg für den Naturschutz: Sogar scheue Eisvögel, die vor der Renaturierung hier nicht gebrütet haben, finden an den Uferhängen Rückzugsorte. Drei Paare sind gesichtet worden. Dazu Sumpfrohrsänger, Gelbspötter, Kuckuck und viele andere Arten. Zu sehen sind flinke Bussarde, Rotmilane und staksige Graureiher. Scheue Waldeulen und daumengroße Lederlaufkäfer. Auch Füchse leben hier. „Das hat sich alles sehr schön entwickelt“, so Kühnapfel. Aus seiner Sicht sei es sehr sinnvoll, auch den Betriebsweg in Heeren geschlossen zu halten. „Die meisten Wege sind ja geöffnet und nur ganz wenige Strecken gesperrt. Die Natur - sie braucht ihre Ruckzugsräume!“

Einige Insekten- und Pflanzenarten

Das lebt und wächst an der Körne

Das Gemeine Blutströpfchen: Charakteristisch für diese Schmetterlingsart sind die je sechs blutroten Flecken, die sich auf der Oberseite der Vorderflügel befinden. Mit ihrer auffälligen Färbung warnen diese Schmetterlinge ihre Fressfeinde, denn die Falter sind giftig. Der Körper des Gemeinen Blutströpfchens ist schwarz bis blauschwarz gefärbt. Die Vorderflügel haben auf der Oberseite eine schwarze Grundfärbung.
Blutströpfchen, die vom Himmel fallen: So gedeiht Natur auf dem gesperrten Betriebsweg

Blutströpfchen und Hummel teilten sich den Nektar der aufblühenden Flockenblume. © Janecke

Das Gelb-Labkraut wächst als ausdauernde krautige Pflanze und erreicht Wuchshöhen von meist 20 bis 70 cm, selten bis zu 1 Meter. Die aufrechten oder aufsteigenden bis niederliegenden, rundlichen Stängel sind abstehend kurz behaart und besitzen oben vier erhabene Leisten. Die relativ kleinen, gold- bis zitronengelben, in rispigen Blütenständen angeordneten Blüten besitzen einen wohlriechenden honigartigen Geruch.
Blutströpfchen, die vom Himmel fallen: So gedeiht Natur auf dem gesperrten Betriebsweg

An der Körne wachsen Flockenblumen und das Gelb-Labkraut, die einen bunten Blütenteppich weben. © Janecke

Der Karstweißling ist ein Schmetterling (Tagfalter) aus der Familie der Weißlinge. Die Art ist im Mittelmeergebiet weit verbreitet. Man findet sie vom Osten Spaniens, über Südostfrankreich und das Rhonetal bis ins Wallis. In Italien tritt er, außer in der Poebene und auf Sardinien, überall auf. Und jetzt plötzlich auch in Kamen.

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