Betrogener Chef kritisiert „Deal“ für angeklagte Ex-Vizebürgermeisterin

dzUntreueprozess

Im Gerichtssaal war seine Aussage nicht gefragt, jetzt schildert der Chef eines Unternehmens, das von der Kamener Ex-Vizebürgermeisterin um mehr als 700.000 Euro betrogen wurde, seine Sicht der Dinge. Er kritisiert einen „Deal“.

Kamen

, 12.12.2019, 15:25 Uhr / Lesedauer: 2 min

Kurz vor Ende des Untreueprozesses gegen die frühere Kamener Vizebürgermeisterin Bettina Werning hat sich ihr früherer Arbeitgeber enttäuscht über den Verlauf des Verfahrens geäußert. Der Chef des Elektrofachhandels bedauerte, dass die Richter ihn nicht als Zeugen geladen haben. Dadurch könne er nicht zur Aufklärung der kriminellen Taten der früheren Buchhalterin beitragen. Das sagte er im Gespräch mit der Redaktion.

Die 58-jährige Werning hat gestanden, über einen Zeitraum von zehn Jahren mehr als 700.000 Euro auf eigene Konten umgeleitet zu haben, monatlich bis zu knapp 5000 Euro. Dazu erfand sie unter anderem fiktive Mitarbeiter: Herr Kaese und Herr Kremnitz. Das Landgericht Dortmund will nach vier Prozesstagen am Freitag (13. Dezember) das Urteil verkünden.

Die Richter haben wegen des umfassenden Geständnisses der 58-Jährigen darauf verzichtet, den Arbeitgeber sowie seinen Steuerberater als Zeugen zu hören, und halten eine Bewährungsstrafe für möglich. „Staatsanwaltschaft, Verteidiger und Gericht wollen das schnell vom Tisch haben und einen Deal eingehen, der Justitia ungerecht erscheinen lässt“, kritisierte der Geschäftsführer, der namentlich nicht öffentlich in Erscheinung treten will. Der Verteidiger hat eine Bewährungsstrafe von zwei Jahren gefordert.

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Am zweiten von bislang vier Prozesstagen hat Werning die Taten gestanden und nicht nur ihre Familie, sondern auch ihre Chefs um Vergebung gebeten. Zur Frage, ob er ihr vergebe, sagte der Geschäftsführer: „Wir hatten erwartet, dass sie und ihre Familie im Rahmen ihrer Möglichkeiten das zu Unrecht erhaltene Geld zurückerstatten.“ Bis jetzt seien aber lediglich knapp 90.000 Euro durch Pfändungen und Rückzahlungen abgedeckt, also nicht der im Gerichtssaal genannte Betrag von rund 140.000 Euro.

Der Chef wirft der Angeklagten vor, nur scheibchenweise und nicht vollständig ausgepackt zu haben. Er könne angesichts der hohen veruntreuten Summe nicht glauben, dass sämtliches Geld „verlebt“ sei. Den Ermittlungsbehörden kreidet er an, Hinweise auf einen möglichen Verbleib des veruntreuten Vermögens im Ausland nicht verfolgt zu haben. Die Angeklagte hatte behauptet: „Das Geld war immer einfach so weg.“ Sie gab unter anderem 24.000 Euro für Schmuck aus. Kurz vor dem Auffliegen im März 2017 kaufte sie einen Fiat 500.

Die Staatsanwältin hat der Angeklagten zugute gehalten, dass sie sich kooperativ bei der Aufklärung gezeigt habe, ihr aber auch eine „hohe kriminelle Energie“ bei den Taten bescheinigt. Natürlich sei ihr Betrug an ihrem Arbeitsplatz auch leicht gemacht worden, hieß es in ihrem Plädoyer. Man könne es aber auch so drehen und sagen, die Angeklagte habe besonders verwerflich das Vertrauen ihrer Chefs ausgenützt.

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Der Geschäftsführer schildert, dass das Unternehmen sich nichts vorzuwerfen habe, weil die betrügerische Buchhalterin die Geldströme auf raffinierte Weise verschleiert habe. Die Aussagen der Prozessbeteiligten über die Kooperationsbereitschaft der Angeklagten könne er nicht nachvollziehen. Die ehemalige Mitarbeiterin habe ihrem früheren Arbeitgeber die mühselige Arbeit, den Gesamtschaden zu ermitteln, nicht erspart und über schon bekannte Fakten hinaus nichts zur Aufklärung beigesteuert.

Das Urteil wird an diesem Freitag (13. Dezember) am Landgericht Dortmund verkündet. Werning war von 2014 bis 2017 als Grüne ehrenamtliche zweite Vize-Bürgermeisterin, bis sie im April 2017 nach Auffliegen des Untreuefalls an ihrem Arbeitsplatz bei dem Elektrofachhandel den Rücktritt von allen politischen Ämtern sowie als Presbyterin für Finanzen der Ev. Kirchengemeinde Kamen erklärte.

Nicht nur ein Pfarrer hat sich in einem Brief ans Gericht für die Angeklagte eingesetzt, sondern auch die Chefs an ihrer neuen Arbeitsstelle.

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