Egal, ob Winterwelt, Maibaum oder Adventssingen: Der ehemalige Bezirkspolizist Bernhard Büscher packt an, wo ehrenamtlicher Einsatz gefragt ist. Viele seiner Begegnungen hat er nun lyrisch verarbeitet.

Kamen

, 27.12.2019, 15:48 Uhr / Lesedauer: 3 min

Bernhard Büscher ist Kamens Mr. Tausendsassa.

Als Dompteur 180 erfolgshungriger Winterwelt-Teams, die auf der Eisfläche die Eisstöcke schmeißen.

Als Dirigent jener Ehrenamtlichen, die im Frühjahr den Kamener Maibaum auf dem Alten Markt aufstellen.

Als Frontfigur der Marktrunde, die das Adventssingen in der Fußgängerzone organisiert und früher auch das karitative Gänseessen am Wasserspiel vor dem ehemaligen Schuhhaus Wolter.

Dabei will er gar nicht im Mittelpunkt stehen. Büscher packt einfach an, immer im Ehrenamt. Dort, wo eben angepackt werden muss, um den sozialen Zusammenhalt handfest zu stärken.

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Bernhard Büscher liest aus Gedichtbuch – Teil 1

Als Bezirksbeamter Generationen von Kindern begleitet

Bücher ist eigentlich als ehemaliger Bezirksbeamte bekannt, der Generationen von Kindern nicht nur auf dem Schulweg, sondern auf dem Lebensweg begleitet hat. Als Polizist in der lindgrünen Uniform ist er vielen Kamenern noch gut in Erinnerung. Und als Polizist hat Kamens Kümmerer auch manchem, der auf die schiefe Bahn geraten ist, wieder auf den rechten Weg geholfen. „Die meisten hatten nur Kleinigkeiten ausgefressen. Aber sie wurden oft zum Verlierer, weil sie keine Fürsprecher, keine Kümmerer hatten“, erinnert sich der 71-jährige Kamener.

Bernhard Büscher – oder die bemerkenswerte Geschichte eines Bezirksbeamten

Bernhard Büscher mit seinem Gedichtband „Keiner von uns“. Titelgebend war eine Begegnung aus der Jugendzeit mit einem Jungen, mit dem keiner spielen wollte. © Marcel Drawe

Der Mann, der immer für alles verantwortlich gemacht wurde

Viele seine Erinnerungen, auch aus der Zeit als Polizist der Kreispolizeibehörde Unna, hat er nun aufgeschrieben und lyrisch überformt.

Geschichten, die er aufgezeichnet hat in seinem ersten gedruckten Gedichtband „Keiner von uns“, der jetzt vom Verlag „Elba“ aus Sandersdorf-Brehna aufgelegt wurde.

Geschichten wie über den Mann, der immer für alles verantwortlich gemacht wurde, wenn etwas gestohlen oder demoliert wurde. „Er störte, er log, klaute, zerstörte, stritt. Dann kam einer, der vertraute ihm.“

Büscher liest gerade auf der Eisfläche der Winterwelt, mitten auf dem Alten Markt, dort, wo das Kamener Leben pulsiert. Die Leute bleiben stehen, hören zu, lehnen sich dabei über die Bande, grüßen ihn oder winken ihm zu.

Bernhard Büscher – oder die bemerkenswerte Geschichte eines Bezirksbeamten

Bernhard Büscher lotst den Maibaum aus dem Winterquartier. Als Vorsitzender des Maibaumvereins sorgt er dafür, dass die Aufstellung als Fest auf dem Alten Markt gefeiert wird. © Marcel Drawe

Schon mit 14 Jahren zur Post - als Briefträger

Bernhard Büscher, 1948 in Kamen geboren, besuchte zunächst die Josefschule, bevor er wegen eines Umzugs in Weddinghofen weiter unterrichtet wurde.

Erste Arbeitsstelle nach der achten Klasse, Volksschulabschluss, war nicht etwa die Polizei.

„Als Bezirksbeamter war ich mehr Sozialarbeiter, als dass ich Polizist war.“
BERNHARD BÜSCHER

Sondern die Deutsche Post. Im Jahr 1962. Büscher war erst 14 Jahre alt, als er die Stelle als Briefträger antrat. Im Bezirk 14. Mit der Schlägelstraße, der Kolpingsiedlung und den Straßen „Auf dem Spiek“ und „Auf dem Berge“. „Ich kann mich noch gut an die Wege erinnern“, sagt er.

Und an die vielen Begegnungen. „Begegnung“ - so heißt denn auch das erste Kapitel seine Buchs, in dem sich viele Kamener wiederfinden können. Denn die Rede ist immer von ihnen, seinen Kamenern.

Büscher kennt sie fast alle. „Von den 180 Teams, die hier zum Eisstockschießen antreten, kenne ich bestimmt 120“, sagt er schmunzelnd. Und liest dann noch einige weitere Zeilen.

Bernhard Büscher – oder die bemerkenswerte Geschichte eines Bezirksbeamten

Bernhard Büscher bei der Auslosung der Stadtmeisterschaften im Eisstockschießen. Er hat nicht nur die Auslosung überwacht, sondern auch die zahlreichen Spiele auf der Eisfläche. Fast für jeden Teilnehmer hatte er einen witzigen Spruch parat. © Marcel Drawe

Ab 1994 Bezirksbeamter - als Beruf und Berufung

Weitere Station, bevor es 1976 zur Polizei ging, war die Bundeswehr, wo er als Krankenpfleger im Sanitätsdienst arbeitete und auch den Realschulabschluss nachholte. Als er dann 1994 Bezirksbeamter für Kamen-Mitte wurde, war das nicht nur Beruf, sondern auch Berufung. „Es passte zu meiner gesamten Lebenseinstellung. Ich wollte früher immer Sozialarbeiter werden. Ich glaube, als Bezirksbeamter war ich auch mehr Sozialarbeiter, als dass ich Polizist war“, sagt er nachdenklich.

Polizeidienst und Sozialarbeit? Etwas, das vor Ort auf der Straße funktioniert, zuweilen am Rand der Gesellschaft, wo auch kleine Hilfen, kleine Ansprachen und eine dauerhafte Begleitung wirksame Faktoren sind.

Bernhard Büscher – oder die bemerkenswerte Geschichte eines Bezirksbeamten

Vor seiner Pensionierung im Jahr 2009 arbeitete Bezirksbeamter Bernhard Büscher an der „Vision Null“, um Unfällen auf dem Schulweg vorzubeugen: Regelmäßig ging er mit den Schülern an die Straße, um sie auf die Gefahren des Straßenverkehrs vorzubereiten. Eine blaue Uniform hat er nie getragen. Seine Pensionierung erfolgte noch vor der Umstellung aufs neue Textil. Zum Abschied stimmten 280 Grundschüler auf dem Hof der Diesterwegschule an. © Archiv

Der Legastheniker, der ins Gefängnis wanderte

Gut erinnern kann er sich an jenen Mann, der nicht lesen konnte und deswegen mehrere Fristen verpasste, um Rechnungen zu bezahlen. „Ich sollte ihn am Mittwoch abholen, um ihn ins Gefängnis zu bringen, wo er eine Ersatzfreiheitsstrafe verbüßen sollte, weil er nicht zahlen konnte“, so Büscher.

„Es ist nicht die Stadt, es sind die Menschen, die ich brauche.“
Bernhard Büscher

Der Mann habe ihn angefleht, noch zwei Tage zu warten, weil er sich sonst seine „Stütze“, wie man früher das sogenannte Hartz IV noch nannte, nicht vom Amt abholten konnte. Büscher hatte Verständnis. Er vollstreckte den Haftbefehl zwei Tage später. „Ich musste ihn nicht abholen. Er kam zu mir“, so Büscher.

Über viele ähnliche Begegnungen hat er Vertrauen gewonnen. Auch bei anderen Pappenheimern, die für kleine Vergehen Sozialstunden ableisten mussten. Jene, die er fortan im Auge behielt und regelmäßig ansprach. „Schön ist zu sehen, wenn sie sich dann irgendwann fangen und ihr Leben in den Griff kriegen.“

Bernhard Büscher – oder die bemerkenswerte Geschichte eines Bezirksbeamten

Aufgesessen und vorsichtig voraus! Zum Sicherheitstraining mit dem Fahrrad bat Bezirksbeamter Bernhard Büscher, hier im Jahr 2004, regelmäßig die Fünftklässler des Gymnasiums. Dann steuerten sie vom Schulhof aus die kritischen Plätze rund um die weiterführende Schule an. „Es gibt reichlich knifflige Situationen rund um die Schule“, erklärte Büscher jedes Jahr wieder. Darunter der Kreisel an der Hammer Straße und die teilweise unübersichtliche Situation an der Ängelholmer Straße. Der Polizist zeigte den jungen Radlern die Gefahrenstellen und demonstrierte, wie man sich sicher im Verkehr bewegt. © Archiv

Der Junge, der Busfahrer werden wollte

Viele der Kinder, die er als Bezirksbeamter morgens auf dem Schulweg begleitete, sind mittlerweile erwachsen und haben selbst Kinder.

Darunter Johannes, den er über die vier Grundschuljahre immer morgens vor der Diesterwegschule traf, ein Junge, der immer davon sprach, Busfahrer werden zu wollen. „Und als ich jetzt die Mutter vorm Supermarkt traf, fragte diese: ‚Können Sie sich an Johannes erinnern? Der hat gestern seinen Busführerschein gemacht‘.“

Büscher erinnert sich ebenso an die Schülerin, die fast immer zu spät zum Unterricht gekommen ist, genauso an die vielen anderen, die jetzt erwachsen sind. „Die Gesichter, die verändern sich nicht.“

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Bernhard Büscher liest aus Gedichtbuch – Teil 2

Geschichten mit Kamener Gesichtern

Gesicht bekommen haben die Geschichten der Kamener nun in Büschers Gedichtband, auch wenn niemand eindeutig zu identifizieren ist. Die Geschichten fallen ihm zu jeder Tageszeit ein.

„Ich habe keine besondere Schreibzeit, die Gedanken kommen abends um Zehn genauso wie morgens um Sieben.“ Er ist stolz darauf, dass er jetzt auch schon zu Lesungen eingeladen wird. „Ich schreibe gerade mal ein Jahr. Das ist ein schönes Gefühl!“

Und dass er einmal länger nicht in Kamen sein wird, ist für ihn unvorstellbar. „Es ist aber nicht die Stadt, es sind die Menschen, die ich brauche. Vielleicht ist das auch ein Stück Selbstsucht - aber ich freue mich jeden Tag auf sie.“

Jetzt lesen

Bernhard Büscher: „Keiner von uns. Gedichte“, 124 Seiten, Verlag „Elba“ bei BoD Books on Demand, Norderstedt, ISBN 9783750408234, Erstauflage 2019, 7,99 Euro.
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