Die Benzinpreise erreichen Tiefstände wie seit Jahren nicht mehr. An Kamens Tankstellen weiß man, wann es günstig ist, warum der Preis so tief ist und mehrmals täglich neu entsteht.

Kamen

, 18.09.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Vor über 30 Jahren, 1989, lag der durchschnittliche Preis für einen Liter Superbenzin noch bei durchschnittlich 63 Cent. Jetzt ist er mit ca 1,15 Euro zwar deutlich teuer als damals, aber so billig wie seit Jahren nicht. Beim Dieselpreis gibt es ebenso einen Verfall auf unter einem Euro pro Liter – er liegt jetzt zeitweise auf einem vorläufigen Rekordtief von 96,9 Cent. „Und wir hatten ja schon Zeiten, in denen alles auf die zwei Euro zuging“, sagt Frank Schmidt, Inhaber der bft-Tankstelle an der Lünener Straße. Thomas Rehbaum, Pächter der Avia-Tankstelle am Schattweg an der Stadtgrenze zu Unna, hat festgestellt. „Sprüche wie: ‚Ach, seid ihr teuer‘ – die kommen tatsächlich nur noch selten.“

2012 gilt als teuerstes Tankjahr der Geschichte

Zurzeit gibt es für jene, die regelmäßig auftanken müssen vor allem auf dem Weg zur Arbeit, auch keinen Grund zur Beschwerde. Jede Tankfüllung zu Tiefpreisen spart bares Geld. 50 Liter Diesel zu 96,9 Cent kosten jetzt 48,45 Euro. Im Rekordjahr 2012 lag der Literpreis bei 148,9 Cent, was bei 50 Litern mit 74,45 Euro zu Buche schlug und damit 26 Euro teurer war – wie gesagt, nur bei einer Tankfüllung.

2012 gilt in der automobilen Geschichtsschreibung auch als das teuerste Tankjahr, das es bisher gegeben hat. Und laut ADAC-Statistik fiel in der Zeitspanne 2011 bis 2019 der Dieselpreis nur zwei Mal unter einen Euro: im Januar 2016 (99,1 Cent pro Liter) und im Februar 2016 (98,4 Cent pro Liter). Super gab es im Februar 2016 mit 119,8 Cent pro Liter besonders günstig. Preise, die aktuell immer wieder spielend unterboten werden.

Anette Schuldt tankt voll. Auch sie profitiert wie alle anderen Kraftfahrern von den Tiefpreisen an der Zapfsäule. Die könnten auch noch länger auf niedrigem Niveua bleiben. Durch die Virus-Krise gibt es zu viel Rohöl auf dem Markt.

Anette Schuldt tankt voll. Auch sie profitiert wie alle anderen Kraftfahrer von den Tiefpreisen an der Zapfsäule. Die könnten auch noch länger auf niedrigem Niveau bleiben. Durch die Virus-Krise gibt es zu viel Rohöl auf dem Markt. © Stefan Milk

Eine der ältesten Tankstellen Kamens

Frank Schmidt betreibt mit der bft Tankstelle Witt eine der ältesten Tankstellen der Stadt. Seit 1956 befindet sie sich an der Lünener Straße, mal unter dem Banner von Texaco, Dea und Avia. Jetzt zählt der Familienbetrieb zu den bundesweit etwa 1400 bft-Tankstellen – die Abkürzung bft steht für den „Bund freier Tankstellen“. Schmidt, 58 Jahre alt und Kfz-Meister, betreibt die Tankstelle mit seiner Ehefrau Simone, die diplomierte Betriebswirtin ist, seit 1989. Eine Zeitspanne, in der sich die Preise mehr nach oben als nach unten entwickelten.

Dass sie jetzt so tief sind, hat virale und globale Gründe – die Corona-Pandemie. Etwa 100 Millionen Barrel Rohöl werden täglich weltweit gefördert. „Aber sie werden nicht vollständig abgerufen, weil überall die Wirtschaft schwächelt“, erläutert Schmidt. „Wäre jetzt nicht noch die Produktion im Golf von Mexiko durch Hurrikan Sally betroffen und auch dieses Öl komplett auf dem Markt, würde der Preis wohl noch tiefer sein.“

An den Tankstellen leben die Betreiber nicht nur vom Verkauf von Kraftstoff. Einige Betriebe bieten auch einen Kfz-Service an und nicht zuletzt die Waschanlage. Auch die Shops sind – je nach Größe – Umsatzbringer.

An den Tankstellen leben die Betreiber nicht nur vom Verkauf von Kraftstoff. Einige Betriebe bieten auch einen Kfz-Service an und nicht zuletzt die Waschanlage. Auch die Shops sind – je nach Größe – Umsatzbringer. © Stefan Milk

So entsteht der Preis – und dann ist es meistens günstiger

Doch wie entsteht dieser Preis überhaupt? „In der Regel über Nacht“, erklärt Schmidt. Vor allem die großen Mineralölkonzerne bestimmen, wo es lang geht. „Diese versuchen zum nächsten Morgen einen höheren Preis zu etablieren – doch durch den Wettbewerb hält er sich einfach nicht.“ Deswegen pendele sich gegen Abend auch meistens der günstigste Preis ein – etwa zwischen 18 und 21 Uhr, wie Schmidt aus langjähriger Erfahrung weiß.

Die Preise, die vom Gütersloher Kraftstoff-Lieferanten Avia Otto Fricke extern ins System eingestellt werden und dann auf den Anzeigetafeln aufblinken, haben bis dahin mehrfach gewechselt, „etwa drei Mal am Vormittag und zwei Mal am Nachmittag, meistens noch öfter“, so Schmidt.

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Früher zwei Preisänderungen in der Woche, heute zigfach täglich

Thomas Rehbaum, Pächter der Avia-Tankstelle am Schattweg, ist 52 Jahre alt. Seit mehr als 18 Jahren führt er die verkehrsgünstig gelegene Tankstelle am Rande des Kamen Karrees mit Blick auf Burger King, McDonald´s und Ikea. Rehbaum stammt aus einer Tankstellen-Familie, die Kraftstoff im Blut hat und kennt das Geschäft seit 40 Jahren. Und er kennt die Zeiten, als er noch auf eine Leiter klettern musste, um die Preistafeln per Hand zu ändern. „Vor 30 Jahren haben wir vielleicht pro Woche zwei Mal eine Preisänderung gehabt und dabei maximal um drei Pfennig erhöht – was die Kunden schon aufgeregt hat. Heute sind es manchmal Schwankungen von 20 Cent am Tag. Das ist schon irre.“

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Für die Tankbetriebe bleibt nicht viel übrig

Für Inhaber und Pächter von Tankstellen sind die Schwankungen wenig relevant. Viel bleibt nicht übrig vom Geld, das durch das Tanken eingenommen wird, die Margen sind gering. Beim Super entfallen allein etwa 66 Prozent auf Steuern und Abgaben. Absolut summieren sich Mehrwertsteuer, Energie- oder Mineralölsteuer und der Beitrag an den sogenannten Erdölbevorratungsverband (EBV) auf insgesamt rund 83 Cent je Liter (Quelle Statista). Darin enthalten sind noch nicht Produktion, Lieferung und Verkauf. „So eine Tankstelle trägt sich nur im Paket – durch unseren Kfz-Meisterbetrieb, die TÜV-Prüfstelle, den Reifenservice und die Waschanlage“, so Schmidt. Und als er das sagt, flattern die Zahlen auf der Anzeigetafel. Schon wieder ist es etwas günstiger.

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