Stadt sperrt Zebrastreifen – und argumentiert mit Grundgesetz und UN-Konvention

dzFußgängerunfreundlich

So kompakt wie Alm, Buden und Eisbahn auf dem Marktplatz stehen, fördert das die Gemütlichkeit der Winterwelt. Doch die beengten Platzverhältnisse führen zu Kompromissen bei der Sicherheit.

Kamen

, 11.12.2018 / Lesedauer: 3 min

Fußgänger haben während der Kamener Winterwelt eine sichere Querungsmöglichkeit auf dem Kamener Marktplatz weniger. Einer von drei Zebrastreifen auf dem Marktplatz ist wie bereits in früheren Veranstaltungsjahren gesperrt. Rot-weiße Absperrbalken auf beiden Seiten halten Passanten davon ab, den Überweg zu benutzen. In der Praxis führt die Barriere dazu, dass die Fußgänger dann eben einen Meter neben dem abgesperrten Zebrastreifen die Straße überqueren.

Auch an der Bushaltestelle am Marktplatz gibt es Einschränkungen für Fußgänger. Ein Stromkasten und eine Mandelbude sind so aufgestellt, dass der Bürgersteig so schmal wird, dass weder Kinderwagen noch Rollatoren in der vollen Breite vorbeipassen. Was nicht passt, wird nur passend gemacht, wenn Fußgänger auf die Haltebuchten der Busse ausweichen. Das führt dazu, dass Fahrgäste vor an- und abfahrenden Bussen auf die Straße laufen.

Handelt es sich bei den geschilderten Punkten um unproblematische und regelkonforme Kompromisse? Oder sind mit den Installationen problematische Einschränkungen bei der Verkehrssicherheit verbunden? Für die lange Antwort auf diese Frage greift die Stadt Kamen sogar auf die UN-Behindertenrechtskonvention zurück.

Der Zebrastreifen vor dem Hotel Stadt Kamen ist nach Auskunft von Stadtsprecher Hanno Peppmeier aus Rücksicht auf gehbehinderte Menschen gesperrt. Denn im weiteren Verlauf ist – angeblich nicht auf den ersten Blick vom Zebrastreifen einsehbar – ein Durchgang zwischen Marktbrunnen und Winterwelt-Schirmbar so schmal, dass er nicht die Anforderung an eine Mindestbreite von 1,30 Meter erfüllt. Sprich: Es würde kein Rollstuhl zwischen dem Brunnenpodest und der Schirmbar durchpassen.

Auf dem Markt wurden allerdings schon Senioren gesichtet, die mit dem Rollator durch dieses Nadelöhr rangiert sind. Das Nadelöhr ist für fitte Fußgänger ohnehin keines, zumal sie auch die für Rollstuhlfahrer unüberwindbare Stufe des Brunnenpodests benutzen können. Warum also die lästige Sperrung des Zebrastreifens? Hätten nicht Schilder ausgereicht?

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Kamener Winterwelt lockt mit Eisbahn

Die Kamener Winterwelt mit Eisbahn, Almhütte sowie Livemusik- und Familienprogramm lockt die Besucher vom 26. November 2018 bis 5. Januar 2019 auf den Marktplatz.
26.11.2018
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Die Kamener Winterwelt mit Eisbahn, Almhütte sowie Livemusik- und Familienprogramm lockt die Besucher vom 26. November 2018 bis 5. Januar 2019 auf den Marktplatz.© Marcel Drawe
Aaron Jauer vom Eisbahn-Betreiber Interevent prüft die Kufen im Schlittschuhverleih, Die Kamener Winterwelt mit Eisbahn, Almhütte sowie Livemusik- und Familienprogramm lockt die Besucher vom 26. November 2018 bis 5. Januar 2019 auf den Marktplatz.© Marcel Drawe
Grünkohl und andere Spezialitäten im Angebot: Die Kamener Winterwelt mit Eisbahn, Almhütte sowie Livemusik- und Familienprogramm lockt die Besucher vom 26. November 2018 bis 5. Januar 2019 auf den Marktplatz.© Marcel Drawe
Marvin Heitmann am Imbisstand. Die Kamener Winterwelt mit Eisbahn, Almhütte sowie Livemusik- und Familienprogramm lockt die Besucher vom 26. November 2018 bis 5. Januar 2019 auf den Marktplatz.© Marcel Drawe
Manuel Sperlich mit seiner Mandel- und Lebkuchenbude. Die Kamener Winterwelt mit Eisbahn, Almhütte sowie Livemusik- und Familienprogramm lockt die Besucher vom 26. November 2018 bis 5. Januar 2019 auf den Marktplatz.© Marcel Drawe
Die Kamener Winterwelt mit Eisbahn, Almhütte sowie Livemusik- und Familienprogramm lockt die Besucher vom 26. November 2018 bis 5. Januar 2019 auf den Marktplatz.© Marcel Drawe
Sascha Schlüter in der geschmückten Almhütte. Die Kamener Winterwelt mit Eisbahn, Almhütte sowie Livemusik- und Familienprogramm lockt die Besucher vom 26. November 2018 bis 5. Januar 2019 auf den Marktplatz.© Marcel Drawe
Bürgermeisterin Elke Kappen (mit Mikro) bei der Eröffnung. Die Kamener Winterwelt mit Eisbahn, Almhütte sowie Livemusik- und Familienprogramm lockt die Besucher vom 26. November 2018 bis 5. Januar 2019 auf den Marktplatz.© Marcel Drawe
Jenni Lietz in der Schirmbar beim Glühwein-Zapfen. Die Kamener Winterwelt mit Eisbahn, Almhütte sowie Livemusik- und Familienprogramm lockt die Besucher vom 26. November 2018 bis 5. Januar 2019 auf den Marktplatz.© Marcel Drawe
Die Kamener Winterwelt mit Eisbahn, Almhütte sowie Livemusik- und Familienprogramm lockt die Besucher vom 26. November 2018 bis 5. Januar 2019 auf den Marktplatz.© Marcel Drawe
Spannende Duelle auf dem Eis bietet die Stadtmeisterschaft im Eisstockschießen bei der Kamener Winterwelt.© Marcel Drawe

Die Stadtverwaltung argumentiert so: „Die Verweisung von ausschließlich mobilitätseingeschränkten Personen auf einen anderen Fußgängerüberweg entspricht nicht dem Grundgesetz, dem Geist des Behindertengleichstellungsgesetzes und auch nicht der von Deutschland ratifizierten UN-Behindertenrechtskonvention.“ Gerade an Eng- und damit auch Konfliktstellen sollte der Grundsatz der Barrierefreiheit nicht außer Kraft gesetzt werden. Im „Europäischen Konzept für Zugänglichkeit“ werde das Prinzip aufgestellt: „Jeder Mensch muss die gebaute Umgebung unabhängig und im gleichen Maße nutzen können.“

Beim Spaziergang auf der Winterwelt wird allerdings deutlich, dass die schönen Prinzipien dort sehr wohl außer Kraft gesetzt sind. Der Bürgersteig-Bereich an der Bushaltestelle ist durch die Mandelbude, das Eisbahn-Kühlaggregat und einen Stromkasten vor einer Laterne zu eng für Kinderwagen oder Rollstühle geworden.

Warum der Bürgersteig fast bis an den Bordstein zugestellt wurde, rechtfertigt die Stadtverwaltung so: Das Aggregat für die Eisbahn müsse – wie in den vergangenen Jahren auch – neben dem Wartehäuschen platziert werden, um den Anschluss der Schläuche an die Eisbahn zu gewährleisten. Die Absperrung mit Bauzäunen zum Schutz der Technik sei unumgänglich. Somit sei auf dieser Seite eine Verbreiterung des Durchganges genauso wenig möglich wie auf der Fahrbahnseite durch die dort installierte Laterne.

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Was also angesichts der beengten Platzverhältnisse tun? Während der Durchgang hinter dem Aggregat in vergangenen Jahren „aufgrund der geringen Rest-Breite vollständig gesperrt“ wurde, was dazu führte, dass Fahrgäste vor den Bussen herliefen, sei er in diesem Jahr auf Bitten der VKU aus dem Vorjahr „barrierefrei offen gehalten“ worden.

Wirklich barrierefrei offen gehalten? Das stimmt nicht. Auch jetzt noch laufen Fußgänger vor den Bussen her, weil auf dem Bürgersteig wenig Platz ist. Die Stadt Kamen räumt ein, dass der Durchgang an der Bushaltestelle zu schmal für Kinderwagen und Rollstühle ist. Sie argumentiert, dass der „betroffene Personenkreis“ alternativ die Möglichkeit habe, durch das Wartehäuschen von der Bushaltestelle auf den Markt zu gelangen. Damit werden aber Gehbehinderte auf einen Sonderweg verwiesen, was die Stadt doch eigentlich vermeiden will: „Jeder Mensch muss die gebaute Umgebung unabhängig und im gleichen Maße nutzen können.“

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