Gebeutelte Branche: Veranstaltungs-Azubis verlieren wegen Corona ein Jahr Praxiserfahrung

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Die Veranstaltungsbranche ist besonders von der Corona-Krise betroffen. Während andere Betriebe wieder arbeiten, steht dort die Arbeitswelt noch weitgehend still. Für den Nachwuchs ist das hart.

Kamen

, 26.07.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Vorm Fernseher wird niemand mit Tränen in den Augen sagen: So etwas habe ich lange nicht gesehen.“ Andreas Maier ist Inhaber der Tontechnik-Firma Maier Sound Design im Technopark Kamen. Er weiß auf der einen Seite, was mit der derzeit stattfindenden, notgedrungenen Digitalisierung im Veranstaltungsbereich verloren geht und dass Aufnahmen von Konzerten niemals reale Empfindungen und Begegnungen ersetzen können.

Doch der Veranstalter weiß gleichwohl, dass die Situation derzeit nichts anderes zulässt und die Realität vielleicht nie mehr die gleiche sein wird. Denn Corona hat vor allem die Veranstaltungsbranche hart getroffen und verändert. Zwar finden allmählich wieder kleinere Veranstaltungen statt. Der Gewinn, den die Veranstalter dabei machen, ist in den meisten Fällen jedoch sehr gering – wenn nicht sogar Verluste eingefahren werden.

Azubis in der Veranstaltungsbranche fehlt quasi ein Jahr der Ausbildung

Wie es weitergeht, das wissen Maier und sein Nachbar Konrad Pestkowski von der Firma Smartlite derzeit noch nicht. Wie auch. Schließlich steigen die Zahlen in der Urlaubszeit mancherorts wieder an. Die Zukunft ihrer Firmen steht auf dem Spiel –

und damit die ihrer Mitarbeiter und die der Auszubildenden.

Und die trifft es doppelt. Denn dass sie zurzeit gar nicht oder nur wenige Stunden arbeiten, ist die eine Sache. Die andere ist, dass sie dadurch auch nichts lernen und ihnen wichtige Zeit verloren geht.

Younes Rellmann steht kurz vor dem Ende seiner Ausbildung und wird übernommen. Ein wenig gibt es dann doch zu tun in den Räumen von Smartlite: Zum Beispiel Anschlagmittel überprüfen. Mit ihnen werden Traversen an der Decke befestigt.

Younes Rellmann steht kurz vor dem Ende seiner Ausbildung und wird übernommen. Ein wenig gibt es dann doch zu tun in den Räumen von Smartlite: Zum Beispiel Anschlagmittel überprüfen. Mit ihnen werden Traversen an der Decke befestigt. © Claudia Pott

Es gebe zwar Azubis, die ihre Ausbildung vor Corona auf zwei Jahre abkürzen konnten und die es trotz weggebrochener Veranstaltungen und Praxiserfahrungen schaffen könnten in drei Jahren fertig zu werden. Doch Pestkowski schließt nicht aus, dass man eventuell über eine Verlängerung auf vier Jahre nachdenken müsse – wenn es denn im nächsten Sommer überhaupt wieder losgeht mit richtigen Veranstaltungen.

Im zweiten Jahr lernen die Azubis eigentlich das meiste

Besonders angehende Veranstaltungstechniker im zweiten Jahr trifft die Krise hart. Denn das ist das Jahr, in dem es richtig anfängt, Spaß zu machen, wie die beiden Geschäftsführer wissen. „Im ersten Jahr arbeiten sie im Lager und übernehmen helfende Tätigkeiten. Sie lernen das Equipment kennen. Im zweiten Jahr gehen sie dann auf Veranstaltungen, können selbst was machen“, erzählt Pestkowski. „Und genau das ist es, was jetzt fehlt.“

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Dem Inhaber der Firma Smartlite fällt es nicht leicht, den Großteil seiner Azubis derzeit zu Hause in Kurzarbeit zu lassen. Doch er hat keine Wahl. Schließlich ist für seine Firma alles weggebrochen und jene, die den Azubis etwas beibringen könnten sind auch zu Hause. Lediglich bei Aktionen wie etwa der Beleuchtung des Monopol-Förderturms an Ostern, kann Pestkowski den Azubis etwas beibringen – allerdings auf freiwilliger Basis.

Andreas Maier geht kreativ mit der Corona-Krise um

Es ist ein kreativer Umgang mit der Krise und eine Möglichkeit, überhaupt etwas zu tun. Einen anderen Weg hat Maier gefunden. Seine drei Azubis kommen noch an ein paar Tagen in der Woche. Maier stellt ihnen dann Aufgaben, die sie in zwei Teams lösen. Es ist quasi ein kleiner Wettbewerb, bei dem die Teams sich auf eine Ausschreibung bewerben und diese dann auch durchführen müssen.

Auf einer kleinen Bühne kommt dann am Ende heraus, ob an alles gedacht wurde.

Der Klassiker: Equipment muss dazu gebucht werden, aber der Transport wird vergessen. Das komme in der Realität auch vor, was dann freilich ärgerlich ist, da eine längere Fahrt nicht unbedingt wenig kostet, sagt Pestkowski.

Lukas Pampus, Azubi für Veranstaltungstechnik bei der "Allround GmbH" durfte für seine Abschlussprüfung in der Kamener Konzertaula die Technik aufbauen, die eigentlich in Castrop-Rauxel im Theater für das Musical "Radio Ruhrpott" stände. Allround-Geschäftsführer Manfred Biermann und Radio Ruhrpott-Chef Bernd Böhne (Mitte) ermöglichten das. So etwas ist freilich eine Ausnahme in Corona-Zeiten.

Lukas Pampus, Azubi für Veranstaltungstechnik bei der "Allround GmbH" durfte für seine Abschlussprüfung in der Kamener Konzertaula die Technik aufbauen, die eigentlich in Castrop-Rauxel im Theater für das Musical "Radio Ruhrpott" stände. Allround-Geschäftsführer Manfred Biermann und Radio Ruhrpott-Chef Bernd Böhne (Mitte) ermöglichten das. So etwas ist freilich eine Ausnahme in Corona-Zeiten. © Stefan Milk

Die Not in der Branche lässt es ganz offensichtlich nicht zu, dass Veranstaltungs-Unternehmen ihren Bildungsauftrag so ausführen können, wie es eigentlich angedacht ist. Bei der Arbeitsagentur habe das sogar für Kritik gesorgt, erzählt Pestkowski. Ihm wurde gesagt, dass er doch seinen Bildungsauftrag ausführen müsse und dass seine Azubis nicht in Kurzarbeit bleiben dürften. So etwas ärgert den Licht-Techniker, denn ausgesucht hat er sich seine Situation freilich nicht.

Leicht gemacht wird es ihm überdies auch nicht gerade. Denn wie jetzt herausgekommen ist, werden Personalkosten im Soforthilfeprogramm des Landes nicht zu den Betriebskosten gezählt, wovon Pestkowski und andere eigentlich ausgegangen waren.

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Viele Unternehmen müssen ihre Soforthilfe zurückzahlen

Zahlreiche Unternehmer müssen nun bekanntlich ihre Hilfe zurückzahlen. Pestkowski wolle sich nicht beschweren, denn es sei nicht selbstverständlich, in so einer Krisenzeit, überhaupt Hilfe zu bekommen. Was ihn jedoch stört, ist die Undurchsichtigkeit und die Tatsache, dass selbst Stellen, die Bescheid wissen müssten, nicht richtig informiert zu sein scheinen. Teilweise musste er mehrmals telefonieren, bis Klarheit herrschte – zum Beispiel über die Situation der Azubis, die zunächst sechs Wochen vollbezahlt und danach in Kurzarbeit geschickt wurden.

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Bei Fragen über die Auszubildenden, aber auch über Förderungen wendet sich Pestkowski auch gern an die Wirtschaftsförderungsgesellschaft Unna. Die sei hilfsbereit und es gebe dort Spezialisten, die sich auskennen. „Dafür sind wir wirklich dankbar“, so Pestkowski.

Er und Maier müssen ständig am Ball bleiben, die Möglichkeiten und Entwicklungen im Blick behalten und zugreifen, wenn sich Hilfe oder eine Förderung anbietet. Auch wenn das Nerven kostet. Die nächste Möglichkeit könnte übrigens ein Zuschuss sein, den es für Ausbildungsbetriebe gibt. Der würde auch den Azubis in der Veranstaltungsbranche zu Gute kommen. Denn sie blicken gemeinsam mit ihren Chefs in eine ungewisse Zukunft.

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