Ausstellung provoziert mit Medien-Ikone der Flüchtlingskrise

dz70 Jahre Grundgesetz

Wie zerbrechlich ist die Demokratie? Fragen wie diese stellen sich beim Besuch einer neuen Ausstellung über das Grundgesetz im Kamener Rathaus. Ein Motiv der farbenfrohen Schau provoziert besonders.

Kamen

, 07.02.2020, 16:29 Uhr / Lesedauer: 2 min

Das Pressefoto des toten Kinds am Strand löste eine Diskussion über die Flüchtlingskrise im Mittelmeer aus. Alan Kurdi, ein zweijähriger Junge, war 2015 im Mittelmeer ertrunken, und mit ihm sein Bruder und seine Mutter. Nur der Vater überlebte.

So wie das Originalfoto entwickelt auch seine grafische Version eine kraftvolle ikonische Wirkung. Der Kamener Künstler Raimund Kasper hat das Pressefoto der türkischen Fotografin Nilüfer Demir aufgegriffen und es in seinem Stil interpretiert. Das rote Oberteil des Jungen sticht heraus, die rote Farbe zerfließt im Strand wie eine Blutlache.

Die Würde des Menschen ist unantastbar

In der am Donnerstagabend eröffneten Ausstellung „70 Jahre Grundgesetz – eine künstlerische Interpretation“ im Rathaus nimmt das Bild des toten Alan Kurdi eine zentrale Stelle ein. Die Künstler Raimund Kasper und Thomas Hugo haben jedem der ersten 20 Artikel des Grundgesetzes ein Bild zugeordnet. Alan Kurdi steht für den ersten Artikel der deutschen Verfassung: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist die Verpflichtung aller staatlichen Gewalt. Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt. Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.“

Der Spott der AfD

Menschen im Mittelmeer ertrinken lassen – das ist ein Verstoß gegen den Schutz der Menschenwürde. Diese Botschaft vermittelt Kaspers Bild. Eine Botschaft, die im Kontrast steht zu dem Spott, den nationalradikale Lokalpolitiker für Fotos von Bootsflüchtlingen übrig haben. So teilt AfD-Kreisvorstandsmitglied Gerd Sauer am 23. Juli 2019 bei Facebook ein Foto von Flüchtlingen im Wasser mit dem Zusatz: „Warum kann der da stehen und die anderen nicht?“

Vermutlich durch eine optische Täuschung sieht es auf dem Foto so aus, als würde ein Mann im Wasser stehen, während alle anderen nur mit dem Kopf aus dem Wasser ragen. Frank S. kommentiert bei Facebook: „Gerd... Siehst Du die großen Wellen und den Weißen Hai?! Der wird Satt!“ Und Peter Knepper, heute Vorstandsmitglied der AfD Kamen ergänzt: „Der kannte das Drehbuch nicht.“ Doch Belege dafür, dass das Foto von einem Rettungseinsatz der türkischen Küstenwache am 16. Dezember 2015 inszeniert ist, gibt es nicht, wie das Recherchenetzwerk Correctiv herausfand.

Für die Demokratie einstehen

Die Ausstellung im Rathaus führt das Grundgesetz, auf dem die bundesdeutsche Demokratie fußt, auf beeindruckende Weise vor Augen. Sie regt zum Nachdenken darüber an, ob die Demokratie, wie wir sie kennen, zerbrechlich oder robust ist. Die Bilder von Kasper und Hugo ermuntern die Betrachter dazu, für die liberale Demokratie und die Grundrechte einzustehen.

Die Ausstellung ist von montags bis donnerstags von 7.30 bis 16.30 Uhr sowie freitags von 7.30 bis 13 Uhr im Rathaus (1. Etage) zu besichtigen. Ein Ausstellungskatalog ist erhältlich.

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