Auf Sand gebaut? Preisgekröntes Sandwerk buhlt um mehr Akzeptanz in der Baubranche

dzWirtschaft im Kreis Unna

Bester Sand aus recyclten Böden, aber bisher wenig Interesse: Selm könnte nun erster Kooperationspartner des Kamener Sandwerks werden. Auch die GSW und die Stadtwerke Unna und Lünen zeigen Interesse.

Kamen/Kreis Unna

, 01.08.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die GWA hat auf Sand gebaut. Das Sandwerk auf der Mülldeponie in Heeren-Werve produziert Tonne für Tonne reinen Sand, der auf Baustellen Anwendung finden soll. Das tut er auch, aber nicht so stark, wie eigentlich geplant. In der Baubranche muss offenbar noch Überzeugungsarbeit geleistet werden.

Statt möglichen 20.000 Tonnen Recycling-Sand verlassen in diesem Jahr lediglich 8.000 Tonnen das Werk.

Das soll sich ändern. Die erste Kooperation mit den Stadtwerken Selm befindet sich in Vorbereitung. Ebenso mit den GSW und den Stadtwerken Unna und Lünen, wie GWA-Geschäftsführer Andreas Gérard auf Anfrage der Redaktion mitteilte. 20.000 Tonnen Output sollen so im kommenden Jahr erreicht werden.

Recycling-Sand für den Rohrleitungsbau

„Unser Sand genügt allen qualitativen Ansprüchen“, wirbt der GWA-Geschäftsführer. Das bedeutet, dass der feinkörnige Sand so wenig scharfe Kanten hat, dass er im Rohrleitungsbau unbedenklich eingesetzt werden kann.

Einziger Unterschied zu herkömmlichem Sand, der meistens aus Quarzwerken im Sauerland kommt: Er ist nicht goldgelb, sondern eher braun. Gerard: „Aber wie lange sieht man das, wenn er später unter der Erde liegt?“

Voraussetzung, dass der GWM-Sand öfter herangezogen werden kann: Veränderte Ausschreibungstexte bei Bauprojekten, sodass die Baufirmen auch die Möglichkeit haben, Recycling-Sand einzusetzen.

Video
Das Sandwerk in Kamen

Deponie-Erde wird zu feinstem Sand geschüttelt

Mit unterschiedlichen Sortieranlagen wird in dem Sandwerk die Erde so lange geschüttelt, bis nur noch Sand mit Kornstärke zwischen bis zwei Millimeter übrig bleibt, hauptsächlich abgenommen vom Kooperationspartner Gelsenwasser, der zu gleichen Teilen wie die GWA, nämlich 50 Prozent, an der Tochterfirma GWM beteiligt ist.

Herzstück der Sandaufbereitungsanlage ist die sogenannte Spannwellensiebmaschine der Firma Binder+Co aus Graz, der Hauptstadt des südösterreichischen Bundeslandes Steiermark, deren Prinzip schematisch auf der Firmen-Homepage www.binder-co.at mit einem Video dargestellt wird.

Gérard ist zuversichtlich, dass der Absatz in Zukunft deutlich steigen wird. Auch deswegen, weil das Projekt aktuell unter 370 Bewerbern mit einem Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet wurde.

Der Selmer Bürgermeister Mario Löhr (l.) erkundigt sich als Verwaltungschef über eine mögliche Kooperation mit dem Sandwerk in Kamen, an der die GWA zu 50 Prozent beteiligt ist. Geschäftsführer Andreas Gérard und Aufsichtsratsmitglied Brigitte Cziehso (SPD) zeigen ihm, wie aus deponierter Muttererde Sand produziert wird.

Der Selmer Bürgermeister Mario Löhr (l.) erkundigt sich als Verwaltungschef über eine mögliche Kooperation mit dem Sandwerk in Kamen, an der die GWA zu 50 Prozent beteiligt ist. Geschäftsführer Andreas Gérard und Aufsichtsratsmitglied Brigitte Cziehso (SPD) zeigen ihm, wie aus deponierter Muttererde Sand produziert wird. © Marcel Drawe

Preisgekrönt: Weil aus Dreck sozusagen Gold gemacht wird

Der Sand, der umgangssprachlich als Hellwegsand bezeichnet und unter der Marke GWM-Sand vermarktet wird, entsteht aus angeliefertem Erdboden, der von Baustellen in der Region stammt.

Aus Dreck wird sozusagen Gold gemacht – aus Boden, der sonst deponiert würde. „Deswegen ist das Projekt so nachhaltig. Wir reduzieren deutlich das zu deponierende Volumen“, sagt Gerard. „Das Konzept geht auf.“

Bestätigung erhält er nun von den bundesweit aktiven „Regionalen Netzstellen für Nachhaltigkeit“ (RENN), das umwelt- und klimafreundliche Projekte auszeichnet. Unter dem Titel „Umwelt- und Ressourcenschutz im Leitungsbau: Substitution von Natursand durch die Aufbereitung von Bodenaushub“. Bei der RENN heißt es: „Die Jury ist der Überzeugung, dass Ihr Projekt einen besonders großen Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung in der Region und darüber hinaus leistet.“

Scharfkantige, spitze Steine werden im Sandwerk Kamen ausgesiebt. Warum? Weil der Sand für den Leitungsbau verwendet wird. Alles, was spitz und scharf ist, könnte auf Dauer den Strom, Wasser oder Gasleitungen und auch den Telekommunikationsleitungen aus Glasfaser schaden.

Scharfkantige, spitze Steine werden im Sandwerk Kamen ausgesiebt. Warum? Weil der Sand für den Leitungsbau verwendet wird. Alles, was spitz und scharf ist, könnte auf Dauer den Strom, Wasser oder Gasleitungen und auch den Telekommunikationsleitungen aus Glasfaser schaden. © Marcel Drawe

Stadt Selm will erster kommunaler Kooperationspartner sein
AUF 5400 QUADRATMETERN

SANDWERK STEHT AUF DER DEPONIE

  • Die Anlagen steht auf einer Fläche von 5400 Quadratmetern im nördlichen Eingangsbereich der Deponie Werve.
  • Die Anlage ist mit einem der Hauptabnehmer des Sandes entstanden: mit dem Versorger Gelsenwasser.
  • GWA und Gelsenwasser sind jeweils zu 50 Prozent an der neuen Gesellschaft zur Weiterverwendung von Mineralstoffen (GWM) beteiligt. Gelsenwasser benötigt den Sand zum Einbau seiner Wasserrohrleitungen.

Mario Löhr ist in der Abfallwirtschaft zuhause. Als früherer Prokurist beim Abfallkonzern Remondis, aktuell als SPD-Bürgermeister von Selm. Als Verwaltungschef strebt er nun mit den Stadtwerken Selm die erste Partnerschaft einer Kommune an.

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Er weiß aus seinem eigenen Bauamt, dass man sich oftmals schwer tut, eingetretene Pfade zu verlassen. „Man arbeitet zuverlässig mit seinen Lieblingsprodukten und man sieht dann keine Veranlassung zur Umstellung“, so Löhr. Verwaltungsintern werde jetzt aber geprüft, ob eine Partnerschaft mit dem Sandwerk lohnenswert sein kann. „Ich kann mir vorstellen, dass wir am Ende davon profitieren werden.“

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