Wilfried Bücker war Trinker und hat sich wieder zurück ins Leben gekämpft. Nach einem Zechenunglück und einem Fahrradunfall traf er den Entschluss, nie wieder zur Flasche zu greifen.

Kamen

, 30.10.2018, 14:35 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wilfried Bücker weiß, wie es ist, dem Alkohol verfallen zu sein. Vor 30 Jahren machte er nach einem Unfall unter Alkoholeinfluss eine Kehrtwende. Er sagt: „Die eigenen Suchtkarriere ist schleichend und beginnt mit dem ersten Glas.“ Er pocht darauf, dass gerade Eltern eine Vorbildrolle für ihre Kinder haben.

Der 71-Jährige, der heute selbst eine Suchtgruppe leitet, Gespräche führt und anderen Menschen Mut macht, ist in einer Suchtfamilie aufgewachsen. Der Vater war Trinker, die Familie hat nie offen über dieses Problem gesprochen. „Wenn die Kommunikation nicht stattfindet, kommt man zu keinem Ergebnis“, hat Bücker aus Erfahrungen gelernt. Er selbst war 35 Jahre lang im Bergbau tätig, hauptsächlich auf der Zeche Haus Aden. Trinken war unter den Bergleuten verbreiten. „Die Devise war: hart arbeiten und hart saufen“, erinnert sich der 71-Jährige. Von seinen rund 3200 Kollegen seien zehn bis 15 Prozent alkoholabhängig gewesen, in der Kantine habe es auch lange Zeit Bier gegeben.

1988 war ein schlechtes Jahr

Immer wieder hat auch Bücker zur Flasche gegriffen, erst unregelmäßig, dann häufiger. „Ich war ein Gesellschaftstrinker“, meint der Suchtexperte. 1988 kam dann ein besonders schlechtes Jahr. Als Kohlenstaub in der Schachtanlage Stolzenbach im Borkener Braunkohlerevier explodierte und über 50 Bergleute ihr Leben verloren, war Bücker bei den Bergungsarbeiten dabei. „Wir haben da mit den Kollegen angefangen und nur Tote rausgeholt“, erinnert er sich – Menschen, die den gleichen Beruf wie Bücker ausgeführt hatten, nun waren sie tot. Im Alkohol fand der Bergmann Trost, doch dann, einige Zeit später im selben Jahr, kam es zu einem Unfall. Mit zu viel Alkohol im Blut hatte sich Bücker aufs Fahrrad gesetzt, fuhr gegen einen Bordstein und brach sich bei einem Sturz das Schlüsselbein. „Das war mein Schlüsselerlebnis“, sagt der Bergkamener, der daraufhin den Entschluss gefasst hat, nie wieder zur Flasche zu greifen.

„Auf der Zeche war die Devise: hart arbeiten und hart saufen“

„Auf der Zeche war die Devise: hart arbeiten und hart saufen“, erinnert sich der ehemalige Bergmann Wilfried Bücker. © Borys Sarad

Die Spirale dreht sich nach unten

Eine glückliche Entscheidung, denn „wenn ich weitergesoffen hätte, hätte ich zum Beispiel mein Haus nicht abbezahlen können. Heute bin ich glücklich.“ Schulden, der Verlust der Arbeit und der Wohnung seien typische Begleiterscheinungen einer Alkoholsucht. Die Spirale dreht sich immer weiter nach unten, bis man ganz unten angekommen ist.

„Dafür ist das Blaue Kreuz da, wir helfen den Menschen, die unten sind, sich wieder aufzubauen. Selbsthilfe ist das Stichwort.“ Um den eigenen Weg zu gehen, seien Ehrlichkeit und Offenheit die wichtigsten Zutaten. Wer sich beim Blauen Kreuz meldet, mit dem wird zuerst ein Einzelgespräch geführt. Wichtig ist dabei, dass man versichert, keinen Alkohol mehr zu trinken. „Wer eine Fahne hat, wird in unseren geschützten Raum nicht hereingelassen“, sagt Bücker. Die Ortsgruppe in Kamen hat Bücker selbst mitgegründet, nachdem er zuvor eine Gruppe in Oberaden besucht hatte. Nun feiert die Kamener Ortsgruppe bereits ihr 25-jähriges Bestehen. Bei den wöchentlichen Treffen – Bückers etwa 25 Personen starke Gruppe trifft sich freitags um 20 Uhr im ev. Gemeindehaus am Schwesterngang – reden die Teilnehmer vor allem über eigenen Erfahrungen und Probleme, sie unterstützen sich gegenseitig und bauen sich auf. Dazu kommen noch vielfältige Freizeitangebote, die Teilnehmer gehen etwa zusammen ins Theater, sie machen gemeinsam Sport und unternehmen Fahrten. Mit kontrollierende Ansätzen, bei denen sich die Mitglieder gegenseitig beobachten müssten, kann Bücker nicht viel anfangen. Ihm geht es um Gespräche, um Offenheit und um eine bewusste Auseinandersetzung mit der eigenen Sucht. „Ein Süchtiger wird von der Gesellschaft an die Wand gedrückt“, meint Bücker, „das zieht runter.“ Das gegenseitige Aufbauen in der Gruppe soll etwas dagegensetzen.

Mit der Gruppe des Blauen Kreuzes hat es der ehemalige Bergmann geschafft, vom Alkohol abzukommen. Darüber ist er glücklich, auch wenn er weiß, dass Alkoholismus eine Rückfallkrankheit ist und man immer Acht geben muss, nicht doch wieder Trost am Flaschenboden zu suchen. „Früher hatte ich einen Tunnelblick“, sagt der 71-Jährige, „heute hat sich mein Sichtfeld erweitert.“

  • Der „Blaues Kreuz in Deutschland e.V.“ (BKD) ist ein christlicher Suchthilfeverband. Im Fokus stehen besonders Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit.
  • Er sieht seinen Auftrag darin, Suchtkranken und Angehörigen zu helfen und einer Suchtentwicklung vorzubeugen.
  • Die Gruppen des Blauen Kreuzes sind ein kostenloses Angebot, das hauptsächlich durch Ehrenamtler ermöglicht wird.
  • Laut Aussage des Verbandes hat das Blaue Kreuz in Deutschland 400 Standorte mit rund 1100 Gruppen- und Vereinsangeboten.
  • Wer sich für die Arbeit von Wilfried Bücker und dem Blauen Kreuz interessiert und selbst an einer Sitzung teilnehmen möchte, kann sich bei Bücker unter Tel. (02307)60429 melden.
  • Zudem gibt es eine Blaues-Kreuz-Gruppe der Ev. Kirche in Heeren-Werve. Ansprechpartner hierfür ist u.a. Ulrich Stollert, der unter Tel. (0 23 07) 41451 zu erreichen ist.
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