Noch heute ein Krimi. Was waren die Hintergründe für die Republikflucht zweier DDR-Bürger, die erst kurz vor dem Kamener Kreuz aufgegriffen wurden? Ex-Polizist Hermann Böhne erinnert sich.

Kamen

, 18.10.2018, 16:09 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Vorfall bewegt ihn noch immer. Er lässt ihn nicht los – auch nach nahezu 35 Jahren. Jener Vorfall am 25. Mai 1984, als um 6.35 Uhr zwei Jugendliche, 15 Jahre alt, an der Rastanlage Rhynern aufgegriffen werden. Nicht irgendwelche Jungs. Sondern Bürger der DDR. Magdeburger. Der Kamener Hermann Böhne, heute mittlerweile 89 Jahre alt und damals stellvertretender Stationsleiter der Autobahnwache Kamen, ist sofort in Alarmstimmung und verhängt eine Nachrichtensperre. Denn es handelt sich offenbar um einen pikanten Fall von Republikflucht. Zahlreiche DDR-Bürger sind bekanntlich bei dem Versuch, das Land zu verlassen, umgekommen.

Bei den beiden „jungen Burschen“, wie Böhne sie jetzt nennt, während er die Geschichte erzählt, handelt es sich um Thomas A. und Klaus B. (Namen der Redaktion bekannt). Sie sind, so ergibt die spätere Befragung, auf dem damaligen Rastplatz „Zesar“ der Transitstrecke in Richtung Grenzstation „Marienborn“ in den Kofferraum eines Mercedes 220 geklettert. Offenbar unbemerkt, als die beiden Reisenden, Ursula R. und Mohammed R. aus Berlin-Tempelhof, im Intershop pausieren – kurz zur Toilette, dann noch eine Zigarette.

Auf der A2 Klopfgeräusche aus dem Kofferraum

Hermann Böhne erinnert sich an den Vorfall, als wäre er gestern geschehen. © Stefan Milk

Plötzlich Stimmen gehört

Erst nach dem Grenzübergang Marienborn/Helmstedt erste Auffälligkeiten. Klopfgeräusche aus dem Kofferraum. Auf der A2 in Höhe Porta-Westfalica. „Klopfgeräusche, denen wir zunächst keine besondere Bedeutung beimaßen“, berichten sie später. Zwei Parkplätze vor der Rastanlage Rhynern machen sie erneut Halt und hören Stimmen aus dem Kofferraum! Sie beschließen, zur nächsten Tankstelle zu fahren, um den Kofferraum zu öffnen. Dort entdecken sie die beiden Jugendlichen, zusammengekauert unter der flachen Kofferraumklappe. Sie wenden sich an den Tankwart, der wiederum die Polizei anruft: Einsatz für den Kamener Autobahnpolizisten!

Böhne kann sich an den Tag erinnern, als wäre er gestern gewesen. „Ich saß beim Frühstück, da klingelte das Telefon.“ Der Wachhabende meldet sich mit den Worten „Hermann, da habe ich eine schöne Aufgabe für dich!“
Böhne beendet rasch sein Frühstück, nicht bevor er noch ein „absolutes Presseverbot“ ausspricht. Denn ihm ist sofort bewusst, welch politische Dimension der Vorfall haben könnte.

Jetzt lesen

Cola als Highlight

Als er die Jungs an der Kamener Wache empfängt, nimmt sich eine Kollegin ihrer nahezu mütterlich an, wie er sich erinnert. „Sie versorgte die beiden mit Mettendchen und einer Flasche Cola.“ Die Cola, so schmunzelt er, habe beinahe Freudensprünge ausgelöst. „Das war das Highlight!“

Doch wohin mit den Jugendlichen? Das Kamener Jugendamt, das er antelefoniert, erklärt sich als nicht zuständig. „Keine Hilfe. Das hörte man nicht gerne.“ In Hamm dann ganz anders. „Man schickte sofort ein Fahrzeug, um beide abzuholen.“ Dann kommt doch der Anruf einer großen Boulevardzeitung. „Was ist in Rhynern passiert?“ Offenbar der Tankwart hat der Essener Redaktion einen Tipp gegeben. „Nur mit Engelszungen konnte ich die Veröffentlichung ausreden. Ich hatte noch einen gut“, erinnert sich Böhne. Drei Wochen später, ohne dass der Vorfall öffentlich Kreise zieht, werden die Jugendlichen aus Hamm abgeholt – von einem der Väter in Begleitung eines Bediensteten der Ständigen Vertretung der DDR.

Fragen noch heute

Noch heute wirft der spannende Fall für Böhne Fragen auf. Doch Recherchen in Polizeiarchiven und Anfragen bei der Gauck-Behörde, die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes verwaltet, liefen bisher ins Leere. Die Jugendlichen, die jetzt 50 Jahre alt sein müssen, konnte er nicht ausfindig machen.

Böhne kann sich vorstellen, dass die vermeintliche Republikflucht vielleicht nur inszeniert war. „Die Transitparkplätze waren so gesichert und überwacht – es ist unvorstellbar, dass man auf einem Rastplatz unbemerkt in ein Auto schlüpfen konnte“, ist er überzeugt. Laut damaligem Verkehrsvertrag zwischen Bundesrepublik und DDR war es seit Anfang der 70er-Jahre möglich, über drei Transitstrecken von und nach West-Berlin zu fahren, ohne für das Visum das Fahrzeug zu verlassen und ohne Auto und Gepäckstücke durchsuchen lassen zu müssen. Möglicherweise sei die Flucht vorgetäuscht worden, weil die damaligen Staatslenker ermitteln wollten, ob sich die Bundesrepublik trotz belastetem Verhältnis an die strengen Vereinbarungen hielt. Und so bewegt ihn der Vorfall auch heute noch. Und lässt ihn weiter nicht ruhen.

Auf der A2 Klopfgeräusche aus dem Kofferraum

Geschichtsträchtiger Ort der deutschen Wiedervereinigung: Lange Autoschlangen von reisenden DDR-Bürgern am 10. November 1989 am Grenzübergang Helmstedt- Marienborn. © picture alliance / dpa

Der bedeutendste innerdeutsche Grenzübergang

Der Grenzübergang Helmstedt/Marienborn war der größte und bedeutendste Grenzübergang an der innerdeutschen Grenze während der deutschen Teilung und bestand aus dem „Kontrollpunkt Helmstedt“ in der westdeutschen Kreisstadt Helmstedt und der „Grenzübergangsstelle Marienborn“ (GÜSt) in der ostdeutschen Gemeinde Marienborn.

Wegen der geografischen Nähe zu West-Berlin wurde die Hauptlast des Transitverkehrs zwischen Westdeutschland und Berlin über diesen Grenzübergang abgewickelt. Außerdem diente er dem Reiseverkehr in die DDR, nach Polen und anderen Ostblock-Staaten. Er bestand zwischen 1945 und 1990 und regelte den Grenzverkehr auf der hiesigen Autobahn 2. Daneben existierten gleichnamige Kontrollstellen für den Eisenbahnverkehr in den Bahnhöfen Helmstedt und Marienborn an der Bahnstrecke Braunschweig–Magdeburg.

Zwischen 1972 und 1974 errichtete die DDR unweit der alten Kontrollbauten eine 35 Hektar umfassende Grenzübergangsstelle (GÜSt) bei Marienborn, die etwa 1,5 Kilometer hinter der Grenze auf einer Hügelkuppe auf östlichem Gebiet lag. Der Autobahnbereich zwischen der eigentlichen Grenze und der GÜSt wurde durch umfangreiche Grenzanlagen und Betonmauern entlang der Trasse gesichert. Über eine erhöhte Leitstelle konnten der Grenzverkehr beobachtet und ausfahrbare Kfz-Rollsperren im Bedarfsfall aktiviert werden. Zeitweise waren auf dem Areal bis zu 1000 Bedienstete in den Bereichen Passkontrolle, Zoll, Grenztruppen und Ministerium für Staatssicherheit (MfS) tätig. Die zahlreichen Gebäude waren durch ein unterirdisches Tunnelversorgungssystem verbunden. Zugang zu und Wissen über die Tunnel waren einem kleinen Kreis der Beschäftigten vorbehalten. Die DDR-Grenztruppen waren in direkt angrenzenden Kasernenanlagen untergebracht.

Von 1984 bis 1989 wurden an der Grenzübergangsstelle Marienborn rund zehn Millionen Personenkraftfahrzeuge und rund fünf Millionen Lastkraftwagen abgefertigt.
Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Volkshochschule Kamen-Bönen

Das neue „Haus der Bildung“ in Kamen startet mit einer langen Nacht

Hellweger Anzeiger Deutsche Juniorenmeisterschaft

300 Frisbee-Spieler zu Gast in Kamen – und ein Heimteam auf dem Treppchen

Meistgelesen