Jahrhunderte lang machten die Westicker dort ihr Heu und ließen ihre Kühe weiden. Doch dann kam Napoleon, der die Grundsteuer einführte. Der Begriff Westicker Hamm ging dabei verloren.

von Wilfrid Loos

Kamen

, 20.07.2019, 04:50 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der westliche Bereich des Gewerbe- und Industriegebietes Hemsack müsste richtigerweise Westicker Hamm genannt werden. Ein Blick auf alte Flurkarten bestätigt diese Aussage, aber leider ist diese Bezeichnung in den neueren Karten nicht mehr dokumentiert worden. Dabei steckt hinter dieser „vergessenen“ Bezeichnung eine spannende Geschichte. Das Gewerbe- und Industriegebiet tauchte jüngst in den Schlagzeilen auf, weil es eigentlich gar kein Industriegebiet sein darf - es gilt als Planungsfehler aus den 80er-Jahren. Denn zu jener Zeit, als das Gebiet für Industrie ausgewiesen wurde, gab es dort schon 90 Wohnungen und Wohnhäuser, die Industrieansiedlungen in der Nachbarschaft nicht möglich gemacht hätten. Deswegen wird es planungsrechtlich künftig nicht mehr als Industriegebiet in den Karten geführt, sondern nur noch als Gewerbegebiet. Der sogenannte B-Plan war 1979 in Kraft getreten und wird nun neu aufgelegt.

Auch durch Napoleon leider ganz vergessen - der Westicker Hamm

Das heutige westliche Gewerbe- und Industriegebiet Hemsack, als Luftbild von 1979, noch ohne Bebauung. Zur besseren Orientierung sind die Bereiche (Gewanne) Westicker Hamm, Hemsack und Südkamener Mersch eingezeichnet. © Wilfrid Loos

Jahrhunderte lang machte die Westicker hier ihr Heu

Die Bezeichnung Westicker Hamm wurde für einen Wiesenkomplex östlich im Winkel zwischen Seseke und Körne gebraucht und zwar schon seit über 700 Jahren, wie es in uralten Urkunden zu lesen steht. Besitzer bzw. die Rechte an diesen Grundstücken lagen in den Händen der Bauern von Westick und dem Adelshaus Velmede. Später kamen durch Verkauf auch noch andere Besitzer hinzu. Jahrhunderte lang machten die Westicker hier ihr Heu und ließen ihre Kühe hier weiden. Der Westicker Hamm gehörte einfach zur Gemeinde Westick. Doch plötzlich war es mit dieser Situation vorbei und daran war Napoleon schuld. Nachdem auch unsere Heimat von Napoleon okkupiert und eine französische Verwaltung eingeführt wurde, kam zuerst die Order die Flächen der Gemeinden und Städte neu zu vermessen. Das diente zur Berechnung der Grundsteuer, denn Napoleon braucht jede Menge Geld für seinen Feldzug gegen Russland. Dieses Vermessen der Gebietskörperschaften wurde durch Schnadegänge durchgeführt. Dazu gingen Landvermesser mit einer Delegation der jeweiligen Kommunen die betreffenden Grenzen ab und dokumentierten alles ganz genau. In Westick geschah das im Jahr 1809.

Auch durch Napoleon leider ganz vergessen - der Westicker Hamm

Die Abbildung von 2003 zeigt den Westicker Hamm rechts von der Körne. © Wilfrid Loos

Landwirte fielen aus allen Wolken

Für die Westicker kam dann Jahre später eine böse Überraschung. Die Stadt Kamen forderte mittels Grundsteuerbescheid eine schöne Summe Geld von den Westicker Bauern. Diese fielen natürlich aus allen Wolken, gehörte doch der Westicker Hamm seit Jahrhunderten zu Westick. Selbstverständlich ging man sofort vor Gericht, denn Kamen wollte seine Forderung nicht zurück nehmen. Die rechtliche Auseinandersetzung zog sich über Jahre hin. Es wurden Gutachter und höhere Verwaltungsexperten eingeschaltet. Letztlich hat das Gericht der Stadt Kamen recht gegeben und die Eigentümer des Westicker Hamms mussten die Grundsteuer für diesen Wiesenkomplex an die Stadtkasse zahlen.

Auch durch Napoleon leider ganz vergessen - der Westicker Hamm

Die Straße Hemsack bezeichnet eigentlich den Westick Hamm, der Hemsack liegt weiter östlich von dieser Aufnahme. © Loos

Nachteiliges Urteil für die Westicker

Für die Begründung dieses Urteils wurde das Schnadegangprotokoll von 1809 herangezogen. So kann man noch heute in diesem Protokoll, über die Grenzfestlegung zwischen Westick und Kamen, nachlesen wie es zu diesem für die Westicker so nachteilige Urteil kam. Leider hatte sich damals die Westicker Delegation zu leicht gemacht bei dem Schnadegang im Bereich an der Körne. Man ging zur Brücke an der Körne, dort wo heute der Rad- und Fußweg nach Südkamen führt. Diese Stelle bekam mittels Grenzpfahl eine Markierung, dann zogen die Schnadegänger zur Einmündung der Körne in die Seseke und zwar auf der westlichen Seite des Körnebaches und dokumentierte so die östliche Grenze zu Kamen. An den Westicker Hamm hatte wohl keiner der Teilnehmer mehr gedacht. So hatte sich das Gericht bei seiner Urteilsfindung von diesem Schnadegangprotokoll leiten lassen, das ja auch vom Westicker Ortsvorsteher unterschrieben wurde.

Der Westicker Hamm war jetzt privatisiert

Die geschilderte Auseinandersetzung zog sich viele Jahre hin. Mittlerweile veränderte sich die gesellschaftspolitische Situation bei uns in Westfalen. Was Jahrhunderte als Gemeineigentum den Westicker Bauern und dem Adelssitz Velmede die Nutzung gewährte, war nun unter den zu vor Genannten eigentümlich aufgeteilt. Der Westicker Hamm war jetzt privatisiert, gehörte nicht mehr zur Gemeinde Westick und die Eigentümer waren nun grundsteuerpflichtig gegenüber der Stadt Kamen. Ein schönes Beispiel was passieren kann, wenn man nicht aufpasst und dadurch nicht nur Geld verliert, sondern auch sein Land­be­sitz.

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