Ohne ihre Fördervereine ginge es unseren Schulen schlecht. An der Hauptschule am Koppelteich müssen die guten Geister des Vereins vieles auffangen, was Eltern überfordert.

von Werner Wiggermann

Kamen

, 19.07.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Keine Übertreibung: Susanne Bräunig lebt für „ihre“ Schule. Im Rahmen eines Minijobs betreut sie Schülerinnen und Schüler in der Hauptschule am Koppelteich; zugleich ist sie Vorsitzende des Fördervereins. Dass die Kinder es nicht leicht haben im Leben, ist ihre mächtigste Triebfeder.

„Wir begleiten sie durchs Leben“, erklärt Susanne Bräunig. Eine Begleitung, die notwendig ist, da viele Eltern mit dieser Aufgabe überfordert sind. Aus welchen Gründen auch immer: zum Beispiel weil sie Migranten sind und weder die Sprache noch die Regeln unserer Gesellschaft gut genug verstehen; oder auch weil sie selbst nicht Schritt halten konnten im Takt der Leistungsgesellschaft und nun ihren Kindern nicht so beistehen konnten, wie es für andere Eltern selbstverständlich ist.

Hier bleibt jeder Kamener Hauptschüler im Blick

Susanne Bräunig kämpft täglich für ihre Schule, für die Schülerinnen und Schüler der Kamener Hauptschule, für jeden einzelnen von ihnen. Man kennt auch jede und jeden. Nur 370 Schüler/innen in den sechs Jahrgangsstufen; da bleibt jeder im Blick. „Begleitung durchs Leben – so verstehen wir unsere Aufgabe hier“, erklärt Susanne Bräunig.

Als Mutter hat sie zweimal die Erfahrung gemacht, dass der Weg von der Hauptschule durchaus zum Fachabitur, zu einer guten Ausbildung, später auch zum Studium führen kann. Klar, nicht jedem wird das gelingen – aber jeder kann mit seinen Talenten so gut wie möglich gefordert und gefördert werden, niemand soll abgehängt werden, darum geht es der Fördervereinsvorsitzenden.

Da geht es im Alltag zum Beispiel darum, den einen Euro für das (qualitativ übrigens überzeugende) Mittagessen aufzubringen. „Schon das gelang vielen Eltern nicht“, weiß Susanne Bräunig. Manche Eltern hätten auch einfach nicht gewollt. „Wenn man mit manchen spricht, dann ist da nur Hass. Hass auf die Politik, nichts Bestimmtes; nur totale Verweigerung“, sagt sie. Der Förderverein hilft dann, damit die Kinder nicht auf der Strecke bleiben – und den Hass erben.

Viele Migranten-Familien sind überfordert

Einfach nur hilflos sind viele Migranten-Familien. „Die kriegen das mit den Behörden überhaupt nicht hin“, erklärt Susanne Bräunig. „Oder sie verweigern sich aus religiösen Gründen.“ Dann beschafft der Förderverein schon mal Schwimmkleidung – damit die Kinder nicht am Beckenrand abgehängt werden. „Es gibt einfach viele Baustellen“, fasst die Fördervereinsvorsitzende zusammen.

Kai weiß genau, dass seine Zukunft im Einzelhandel liegt. Im Schulkiosk erfüllt er jetzt schon den Kunden fast jeden Wunsch.

Kai weiß genau, dass seine Zukunft im Einzelhandel liegt. Im Schulkiosk erfüllt er jetzt schon den Kunden fast jeden Wunsch.

Auf 450-Euro-Basis ist sie bei der Stadt angestellt – für die Übermittagsbetreuung an der Hauptschule, für die sie aber ehrenamtlich weit über den bezahlten Rahmen hinaus ackert. Zusammen mit Schulsekretärin Janine Richter organisiert sie die Übermittagsbetreuung. An jedem Schultag. Ist einfach da für die Schüler, „manchmal auch nur zum Ausheulen.“

Ein Kiosk hilft den Haupschülern in Kamen zu überleben

Gut, dass es auch die fröhlichen Momente gibt. Wenn man sieht, dass etwas richtig gut klappt. Wie zum Beispiel der Schulkiosk, der weitgehend selbstständig von den Schülern betrieben wird – und für den der Förderverein den Kühlschrank finanziert hat. „Wir haben die komplette Auswahl, damit wir den Tag an der Schule überleben können“, unkt der 16-jährige Kai. Einer von sechs Schülerinnen und Schülern, die in den Ferien extra früh aufgestanden sind, weil Frau Bräunig sie darum gebeten hatte. Wegen eines Gesprächs mit der Zeitung, die über den Förderverein berichten wollte.

Louisa möchte nach dem Abschluss an der Hauptschule das Fachabitur erwerben und dann einen Beruf im psychologischen Bereich anstreben.

Louisa möchte nach dem Abschluss an der Hauptschule das Fachabitur erwerben und dann einen Beruf im psychologischen Bereich anstreben.

Kai möchte im kommenden Jahr seinen Abschluss machen und dann zur Ausbildung in den Einzelhandel. Das Praktikum bei Edeka hat ihn in diesem Ziel bestärkt. An der Schule ist er praktisch jetzt schon voll im Geschäft. Und zeigt mit seinen Mitstreitern Louisa und Jan, dass das Team den Kunden ihre Wünsche an den Augen ablesen kann.

Zum Beispiel beim Event mit frisch gepresstem Apfelsaft (den Entsafter hatte sich das Team bei der Verbraucherberatung geliehen); oder mit der Kreation des „Schmidt-Brötchens“ – konzipiert für einen Lehrer, der die Leberwurst am liebsten mit Senf genießt.

Sogar Lebenspartner der Lehrer sind im Förderverein

Überhaupt die Lehrer: „Die sind hier alle total engagiert“, behauptet Susanne Bräunig. Alle sind Mitglied im Förderverein, manche haben sogar ihre Partner/innen zum Beitritt bewegen können.

Auch in der Corona-Zeit habe sich das große Engagement gezeigt. Bliebe zu wünschen, dass Unterricht auf Distanz noch etwas optimiert werden könnte, wenn er wieder notwendig werden sollte. Überhaupt die Digitalisierung des Unterrichts: An der Hauptschule wirft der Ausbau noch mehr Fragezeichen auf als anderen Schulen.

Ein gemeinsames System mit abgestimmten Programmen und guter Geräteausstattung? Davon sei man noch sehr weit entfernt, glaubt Susanne Bräunig. Sie selbst hält online Kontakt zu einigen Schülern. Die Möglichkeiten des digitalen Lernens werden damit aber kaum gestreift. „Wenn das mehr werden soll – wer bringt es allen bei?“, fragt sie.

Digitalisierung ist nicht alles

Es wächst die Sorge, dass die Benachteiligung von Schülern aus einkommensschwachen Familien durch die Digitalisierung noch verschärft werden könnte. Zumal dann, wenn in solchen Familien auch die digitalen Endgeräte nicht in hinreichender Zahl und Qualität zur Verfügung stehen.

Ein Problem übrigens, das auch bei der Stadt längst erkannt ist. Die Verwaltung bemüht sich um lokale Spenden, erste Gespräche verliefen vielversprechend. Erfolgreiche Bildung, so der Gedanke dahinter, darf nicht immer noch und immer mehr von der sozialen Stellung der Eltern abhängen.

Was das Beispiel der Hauptschule Kamen aber schon jetzt zeigt: Ein Engagement wie hier ist das wirksamste Hilfsmittel für Chancengleichheit. Wer die jungen Menschen und ihre Probleme so ernst nimmt wie die Aktiven des Fördervereins, der hilft ihnen offensichtlich noch mehr als jeder Digitalpakt es könnte.

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