Der Online-Riese Amazon beeinflusst bereits ein Drittel des Non-Food-Markts. Bundesweit. Mögliche Folgen für Kamens Innenstadt: Die Fußgängerzone wird kleiner, Ladenflächen zu Wohnungen.

Kamen

, 01.10.2019, 12:34 Uhr / Lesedauer: 3 min

Amazon ist keine Stadt - aber alle gehen hin. Wie wird sich die Kamener Innenstadt verändern, wenn der Online-Handel weiter zunimmt und der örtliche Handel immer dünner wird? Stadtplaner Stefan Kruse vom Dortmunder Büro „Junker+Kruse“ tüftelt am Einzelhandelskonzept, das ab Frühjahr kommenden Jahres die Grundlage künftiger Innenstadtentwicklung bilden soll. Eine kleinere Fußgängerzone, der Abschied von Gastronomie-Standorten, die sich wirtschaftlich nicht mehr tragen, und Ladenflächen, die zu Wohnraum werden. Künftig alles möglich, aber: „Eine Innenstadt wird nur dann lebendig sein, wenn sie lebendig ist“, mahnt er.

Amazon ist keine Stadt - aber alle gehen hin: Wie der Online-Handel die City verändert

Gute Geschäfte? Thomas Schäfer, Geschäftsführer des Handelsverbands NRW, sieht noch gute Gründe für einen Einkaufsbummel in der Kamener Innenstadt. „Das Internet kann nicht lächeln“, sagt er mit Blick auf die Beratungsqualität der örtlichen Einzelhändler. © Borys Sarad

1015 Quadratmeter Ladenfläche

Wo könnte man besser über die Probleme der Innenstadt reden, als dort, wo der Schuh so richtig drückt? Kruse befindet sich mit etwa 100 Interessierten im ehemaligen Lebensmittelmarkt an der Adenauerstraße, wo die Stadtverwaltung zur Diskussion über die Zukunft der Innenstadt eingeladen hat. Die markanten Säulen in der Markthalle, die vorher von Regalen mit großer Produktfülle umstellt waren, stechen sofort ins Auge. Dorthin war Rewe Nüsken im Jahr 2008 von der Weststraße aus umgezogen, bevor der Markt zum Edeka umetikettiert und schließlich im Januar vorigen Jahres geschlossen wurde. Durch die große Ladenfläche von 1015 Quadratmetern erhöhte sich Kamens Leerstandsquote auf einen Schlag um fast vier Prozent von 11 auf nahezu 15. Gelingt es, das Ladenlokal wieder zu vermieten, würde sich die Quote entsprechend wieder verringern. Dann würden Fachleute die Leerstandsquote wieder als unauffällig betrachten: „Bis zehn Prozent Leerstand sind überhaupt kein Makel“, so Kruse. „Die Quote braucht eine Stadt, damit Umzüge möglich sind, damit sich neuer Handel ansiedelt.“

Amazon ist keine Stadt - aber alle gehen hin: Wie der Online-Handel die City verändert

Eine Diskussion über den Einzelhandel an einem ungewöhnlichen Ort. Wo früher Rewe und Edeka Lebensmittel verkauften, sammelten sich zahlreiche Besucher, die sich an der Debatte über die Zukunft der Innenstadt beteiligten. © Borys Sarad

Märkte in der Größenordnung „Saturn“ bleibt Wunschtraum

H&M, New Yorker, C&A, sogar Saturn? Wer könnte kommen? Sparkassenchef Bernd Wenge, Vorsitzender der Händlergemeinschaft KIG, würde sofort einen Markt in der Größenordnung des Elektronik-Konzerns „Saturn“ nehmen, weiß aber, dass das illusorisch ist, nicht nur vor dem Hintergrund, dass sich in der Nachbarschaft der Kamener Local-Player „Brumberg“ befindet, sondern auch, weil die Stadt die wichtige Marke von 50.000 Einwohnern nicht übertrifft, die für Unternehmen die Mindestzahl für eine Ansiedlung bildet. Kruse bestätigt das. „Saturn ist keine realistische Perspektive, vielleicht aber C&A“, mutmaßt er. Bei der Stadtplanung ginge es darum, verwirklichbare Ziele zu formulieren. Ein Kino, eine Brauerei, ein Fischladen oder eine Boutique für Hundebesitzer? „Man muss sehen, was realistisch ist.“

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Geballte Expertenkraft auf dem Podium (v.l.) Einzelhandelsgutachter Stefan Kruse, Bürgermeisterin Elke Kappen, Moderator Lothar Baltrusch, KIG-Vorsitzender Bernd Wenge und Thomas Schäfer, Geschäftsführer des Handelsverbandes NRW. © Borys Sarad

Nicht nur schlecht über die Stadt reden

Realismus ja, und vor allem nicht nur Pessimismus, wie Kruse sagt: „Reden Sie nicht nur schlecht über ihre Stadt“, mahnt Kruse. „Das geht mir zusehends auf die Nerven“, ergänzt er mit Blick auf andere Städte, die ebenso die Neigung haben, sich im Angesicht der Veränderungen selbst zu zerfleischen. Kamen, so sagt er, sei nicht so schlecht, wie oftmals zu hören sei. „Die Fußgängerzone besteht aus einem Netz, sie hat Struktur im Gegensatz zu Dortmund, wo es mit dem Westenhellweg lediglich eine Rennmeile gibt.“ Problem in Kamen: Es gibt oftmals Unterbrechungen. „Die Kunden fragen sich: Geht es da überhaupt weiter?“ Seine Empfehlung: Auch die positiven Seiten zu schätzen wissen. „Dann nimmt man die Stadt ganz anders wahr.“

Die Kunden möchten eine lebendige Stadt

Bei der Veranstaltung am Dienstagabend kamen auch die Besucher zu Wort. Beispielsweise mit dem Vorschlag, mehr kaufkräftige Senioren in die Innenstadt zu holen über die Schaffung von altersgerechten Wohnungen oder einer Seniorenresidenz. Und im Gegenzug auch mehr an die Jugend zu denken. Die große Herausforderung für die Innenstädte, so formuliert es Thomas Schäfer, Geschäftsführer des Handelsverbandes Nordrhein-Westfalen, bleibt aber der Online-Handel. „Die Kunden möchten zwar eine lebendige Stadt, ihr Verhalten ist aber oft ein anderes“, sagt er. Der Online-Riese Amazon beeinflusse bereits ein Drittel des Non-Food-Markts. Schäfer hat die Stadt zuletzt im September besucht und auch einige Stärken gesehen. „Ein toller Marktplatz, ein schönes Ambiente mit einem attraktiven Ensemble.“ Kamen, so sagt er, sei für die Größe gut aufgestellt, was auch durch den Handelsreport Ruhr 2018 belegt sei. Das gute Abschneiden dort, so schränkt er ein, habe auch etwas mit dem florierenden Gewerbegebiet „Kamen Karree“ mit seinem Magneten Ikea zu tun. Und trotzdem. „Man muss auch zur Kenntnis nehmen, dass es auch etwas Gutes gibt!“

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