Dietmar Joseph hat eine bewegte Familiengeschichte. Sein Opa starb in Auschwitz, sein Vater konnte sein Leben lang nicht darüber sprechen. Der Anschlag von Halle reißt Wunden wieder auf.

Kamen

, 18.10.2019, 16:32 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ein Leben lang hat sein Vater Klaus nichts davon erzählt, dass er im Konzentrationslager war. Dietmar Joseph fiel aus allen Wolken, als er vor einigen Jahren davon erfuhr.

Sein Vater war selbst im hohen Alter, auch kurz vor seinem Tod im Jahr 1992, nicht in der Lage, darüber zu sprechen. „Nicht ein Wort“, so Joseph. Jetzt ist der Sohn, der in Hamburg lebt, auf Spurensuche in Kamen, weil seine Familie an der Oststraße 19 gelebt hat.

Ein Besuch zu einem Zeitpunkt, an dem noch viele Menschen gefangen sind von den schockierenden Ereignissen in Halle an der Saale, wo es zwei Todesopfer gab, als ein Rechtsextremist versuchte, mit Waffengewalt in die Synagoge im Paulusviertel einzudringen, um dort versammelte Personen zu töten.

„Ich habe angefangen zu weinen, als ich davon erfuhr.“
Dietmar Joseph über den Anschlag von Halle

„Ich habe angefangen zu weinen, als ich davon erfuhr“, so der 59-Jährige, als er sich mit jetzt dem Historiker Klaus Goehrke im Haus der Stadtgeschichte über die Geschichte seines Vaters austauscht. Und dabei geht es nicht nur um den Vater. Sondern auch um den Großvater Walter, der in Kamen als Geschäftsmann und Soldat des Ersten Weltkriegs lange hochgeachtet war. Und gar nicht wusste, dass er jüdischer Herkunft ist.

Bis die Nazionalsozialisten die Macht an sich rissen und in der sogenannten „Reichsstelle für Sippenforschung“ Hinweise auf frühere jüdische Herkunft fand. Josephs Leben endete am 28. September 1944, als er in Auschwitz durch Gas getötet wurde. Sohn Klaus, Dietmars Vater, überlebte.

Als Jude ermordet: Was der Enkel eines Nazi-Opfers über den Anschlag in Halle denkt

Dietmar Joseph, hier mit Klaus Goehrke (links) und Angelina Hombeck (rechts) im Haus der Stadtgeschichte Kamens, in dem ein Konzert stattfinden könnte. © Marcel Drawe

Der tiefste Schmerz kann zu Musik nicht werden

Doch sein Leben lang hat Dietmar Josephs Vater, später Finanzrat in Bielefeld, die Erlebnisse in Theresienstadt nicht verarbeiten können. „Eigentlich war er ein lustiger, netter, lebenslustiger Mensch, der mir die Musik nahe gebracht hat“, so Joseph, der freiberuflicher Pianist, Dirigent und Chorleiter ist.

Dass sein Vater all die Dinge so lange verbergen konnte, Erinnerungen an traumatische Ereignisse als damals 14-Jähriger, die ihn innerlich auffraßen, lässt ihn nach wie vor nicht los. „Er hatte Angst, sich zu erinnern.“

Albtraum-Phantasien über Männer mit braunen Hemden

Sein Vater, so berichtete seine Mutter später, habe ein Leben lang Albtraum-Phantasien über Männer mit braunen Hemden gehabt. Als Dietmar Joseph, wie sein Vater und Großvater christlich erzogen, nach dem Tod seines Vaters die wahre Geschichte erfuhr, war das ein Punkt, an dem er für sich entschied, seinen Beitrag zur Aufarbeitung deutscher Geschichte beizutragen.

Nicht nur über ortsgenaue Recherchen, sondern auch über die Musik. Für die Hamburger Staatsoper erarbeitete er ein Programm mit Werken von jüdischen Künstlern, die im Konzentrationslager Theresienstadt inhaftiert waren und später ermordet wurden. Ein Programm, das er jetzt für die Stadt Kamen neu auflegen will. Geplant ist, ein Konzert im Haus der Stadtgeschichte Anfang kommenden Jahres zu veranstalten. Titel: „Der tiefste Schmerz kann zu Musik nicht werden.“

Dietmar Joseph hat sich auf die Spur gesetzt

Dietmar Joseph hat sich auf die Spur gesetzt. Er wusste nicht viel über seine Familie, als er mit der Recherche begann. „Es gibt keine Verwandten, ich hatte gar nichts.“ Über einen Bericht in unserer Zeitung über Professor Ernst Beier, der Nachforschungen über seinen Mitschüler Klaus, Dietmars Vater, anstellte, erfuhr er erst, dass die Heimat seiner Familie Kamen war. Und besuchte die Stadt erstmals vor zwölf Jahren.

Wichtiger Anhaltspunkt ist dabei der Stolperstein des Künstlers Gunter Demnig, der vor dem ehemaligen Wollwarengeschäft der Familie Joseph an der Weststraße 1 liegt. Weitere Berichte halfen ihm, die Geschichte seiner Familie zu skizzieren. Unter anderem jene von Dr. Martin Goldstein, der ebenso in Theresienstadt inhaftiert war. Er wurde später bekannt als Dr. Sommer der Jugendzeitschrift „Bravo“. Auch Goldstein hatte lange nicht über seine Vergangenheit sprechen können.

Nicht oft genug über die grausame Zeit gesprochen

Für Dietmar Joseph ist das das Gefährliche in dieser Zeit. Dass nicht oft genug über die grausamen Geschehnisse gesprochen wird, gerade jetzt, wo rechtsnationales Gedankengut verstärkt auf fruchtbaren Boden fällt. „Wir müssen mit den Senioren sprechen, denn allmählich stirbt diese Generation aus“, sagt er.

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Es sei jetzt ein gefährlicher Punkt, wenn man die Geschichte von damals nicht lebendig halte. Mit der Musik aus Theresienstadt, wo die jüdischen Inhaftierten regelmäßig Konzerte gaben, will er das tun. Zum Beispiel mit Stücken von Viktor Ulmann, gestorben am 18. Oktober 1944 in Auschwitz-Birkenau. Oder von Gideon Klein, ein hochbegabter Komponist und Pianist, der seine letzten Werke im KZ Theresienstadt schrieb.

Joseph: „Es war grausam und verrückt: Der Chor bei den Aufführungen bestand aus bis zu 80 Sängern, die wussten, dass sie anschließend in den Tod deportiert wurden. Und dennoch fanden sich wieder andere Sänger, die dann wieder in den Tod gingen.“

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