Steven Woolham sucht seit anderthalb Jahren nach Arbeit, jetzt setzt er seine Hoffnung auf das Job-Speed-Dating in Kamen. Das Format: Alle zehn Minuten gibt es ein neues Bewerbungsgespräch.

Kamen

, 08.10.2018, 14:25 Uhr / Lesedauer: 3 min

Getuschel erfüllt die Kamener Stadthalle, in der weiß gedeckte Tische akkurat nebeneinanderstehen. Auf jedem Tisch findet sich eine Nummer, alle zehn Minuten ertönt eine Durchsage, Menschen erheben sich und suchen sich einen neuen Gesprächspartner. Alle zehn Minuten eine Chance auf eine bessere Zukunft.

Einer dieser Menschen ist Steven Woolham, der seit 18 Monaten einen neuen Job sucht. Das sogenannte Job-Speed-Dating, das am Montag rund 350 Arbeitssuchende in der Stadthalle zusammenführte, dient nämlich nicht dazu, einen neuen Lebenspartner zu finden, sondern dazu, möglichst effektiv Arbeitssuchende und Arbeitgeber zusammenzubringen. Für den 61-jährigen Woolham war die 18-monatige Jobsuche nicht einfach, viele Absagen und ausbleibende Antworten zehrten am Selbstbewusstsein des Briten, den es 1991 auf Arbeitssuche nach Deutschland zog. „Die Leute in Deutschland haben noch nicht gelernt, dass 60 Jahre die neuen 40 sind“, sagt Woolham mit britischem Akzent und kann sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.

Alle zehn Minuten die Chance auf einen neuen Job

Der Arbeitssuchende Steven Woolham (l.) freut sich über die positiven Reaktionen auf seine persönlichen Bewerbungen. © Borys Sarad

„Das ist so eine amerikanische Sache“

Woolham war in England lange Zeit Waffentechniker bei der Royal Navy, in Deutschland hoffte er in Zeiten schlechter Konjunktur auf einen Neustart als Dachdecker. Diesen Beruf übte er seit 1991 aus, doch die letzte Firma, in der er arbeitete, ging pleite. Nach 18 Monaten Arbeitssuche setzt er seine Hoffnung nun auf das Job-Speed-Dating – auch wenn er vorerst seine Zweifel hat. „Das ist so eine amerikanische Sache, natürlich war ich da skeptisch“, sagt er mit einem Grinsen.

350 Arbeitssuchende treffen beim Speed-Dating auf insgesamt 50 Unternehmen. Jeder Teilnehmer hat etwa drei bis fünf feste Termine, darüber hinaus sind auch spontane Gespräche möglich. Die festen Termine sind zusammen mit dem TÜV Nord Transfer vereinbart worden, der die Veranstaltung gemeinsam mit der Agentur für Arbeit Hamm und dem Jobcenter Kreis Unna organisiert. Dazu wurden bereits im Vorfeld Gespräche mit den Arbeitssuchenden geführt. In einer dreitägigen Vorbereitungsphase gehen die Teilnehmer ihre Unterlagen durch und üben unter anderem Vorstellungsgespräche. „Da gibt es viele Leute, die zum ersten Mal ein solches persönliches Gespräch führen“, sagt Hermann Oecking, Geschäftsführer von TÜV Nord Transfer. Ein Hindernis sei oft die schriftliche Bewerbung, da es Menschen gebe, die zwar nicht den besten Lebenslauf vorweisen können, dafür aber im persönlichen Gespräch punkten. Zudem seien die persönlichen Gespräche ein großer Schub für das Selbstvertrauen der Arbeitssuchenden. „Der erste Eindruck bei Bewerbungen zählt“, sagt Thomas Keyen, Geschäftsführer der Agentur für Arbeit Hamm. Arbeitslosen werde durch die Veranstaltung die Möglichkeit gegeben, einen ersten Eindruck durch ein persönliches Gespräch, und nicht nur durch eine schriftliche Bewerbung, entstehen zu lassen.

Alle zehn Minuten die Chance auf einen neuen Job

Rund 350 Arbeitssuchende trafen beim Job-Speed-Dating in der Stadthalle auf 50 Arbeitgeber. © Borys Sarad

Auch für die Arbeitgeber ein Vorteil

Doch nicht nur für die Arbeitssuchenden soll die Veranstaltung Vorteile bieten, auch aus Arbeitgebersicht ist die Chance, in kurzer Zeit viele Bewerbungsgespräche führen zu können, von Vorteil. So sieht es auch Kathrin Spanier von der Firma Arvato, deren Logistikzentrum an der Henry-Everling-Straße entsteht. Genau für dieses Zentrum sucht das Unternehmen zurzeit Arbeitskräfte für den Logistikbereich. „Man kriegt hier einen guten Eindruck in kurzer Zeit“, beschreibt Spanier ihre Erfahrungen mit dem Job-Speed-Dating. Drei Vertragszusagen habe sie bereits in der ersten Hälfte der Veranstaltung geben können. Und wenn es mal nicht passt, bietet das Format die Chance, dies seinem Gegenüber – egal ob Arbeitssuchender oder Arbeitgeber – schnell klarzumachen. „Wir geben direkt Feedback und wollen solche Dinge schnell transparent machen“, sagt Spanier. Bei einer Absage können die Arbeitssuchenden sich nach den zehn Minuten einfach einen neuen Gesprächspartner suchen. Rund 20 Prozent der Teilnehmer können nach drei Monaten in den ersten Arbeitsmarkt integriert werden, so die Zahlen des TÜV Nord Transfer, der ähnliche Aktionen seit dem Jahr 2012 organisiert. „Es macht wenig Sinn, das direkt nach der Veranstaltung abzufragen“, sagt Geschäftsführer Oecking. Manche Verhandlungen seien einfach langwieriger, weshalb sich so manche Übernahme erst danach ergebe, deshalb die Wartezeit von drei Monaten. Zudem hoffe man auch auf die positiven Effekte auf das Selbstvertrauen der Bewerber. Ob die Zahl von 20 Prozent ausschließlich auf Job-Speed-Dating zurückzuführen ist, kann somit aber nicht gesagt werden.

Hoffnung auf die Zukunft

Für Steven Woolham hat die Aktion ein gutes Ende gefunden. „Bei den fünf festen Terminen, die ich hatte, haben vier Unternehmen Interesse gezeigt“, freut sich der 61-Jährige – auch spontane Besuche bei den Unternehmensständen seien erfolgreich gewesen. Bei einer Spedition könne er in der nächsten Woche sogar schon zur Probe arbeiten. Dass Woolham aber vielleicht nicht mehr als Handwerker arbeiten kann, stört ihn ein wenig. „Du musst dich biegen mit dem Wind“, sagt er. Dennoch blickt er nach dem Job-Speed-Dating mit Hoffnung und Optimismus auf die Zukunft – „und Hoffnung muss man haben.“

Das Jobcenter Kreis Unna plant für den 3. Dezember ähnliche Veranstaltungen in Unna und Lünen. Vorbereitungstreffen dazu sollen bereits im November stattfinden. Eine Wiederholung des Job-Speed-Datings des TÜV Nord Transfer in Kooperation mit der Agentur für Arbeit Hamm und dem Jobcenter Kreis Unna ist ebenfalls in Planung.
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