Aufsehenerregender Fund vor dem Bahnhof Kamen: Dort liegen im Schuttcontainer offenbar historische Fliesen aus dem repräsentativen Empfangsgebäude von 1854, das unter Denkmalschutz steht.

Kamen

, 23.11.2019, 18:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Passanten trauen am Wochenende ihren Augen nicht, als sie am Bahnhof Kamen vorbei kommen.

In dem Bauschuttcontainer, der vor dem denkmalgeschützten Gebäude platziert ist, finden sie gemusterte Bodenfliesen und farbige Mosaike, die offenbar aus der Wartehalle des historisch wertvollen Empfangsgebäudes stammen, das nach Plänen des berühmten preußischen Baumeisters und Architekten Karl Friedrich Schinkel erbaut wurde.

Zurzeit richtet die Deutsche Bahn das Hauptgebäude neu mit einem „DB Service Store“ ein und setzt nach einem Wasserschaden die Umbauarbeiten fort. Die eigentlich für den 17. Oktober geplante Eröffnung soll Anfang kommenden Jahres erfolgen. Weil am Wochenende die Arbeiten ruhten, konnte zunächst nur gemutmaßt werden, ob dort Denkmal-Frevel betrieben wurde oder ob es sich um eine Maßnahme in Abstimmung mit der Unteren Denkmalbehörde der Stadt Kamen handelte.

Alte Fliesen stehen nicht unter Denkmalschutz

Am Montag gab es gleich Entwarnung aus dem Rathaus. Die alten Fliesen stehen nicht unter Denkmalschutz, hieß es.

Sowohl die Stadt Kamen (als Untere Denkmalbehörde) als auch der Landschaftsverband Westfalen-Lippe stellten am Montagmorgen, als sie die Situation überprüften, keine Verstöße gegen denkmalschutzrechtliche Belange fest.

„Mitte der 80er-Jahre wurde lediglich die äußere Hülle des Bahnhofsgebäudes denkmalgeschützt und in die Denkmalliste eingetragen“, informierte auf Anfrage der Redaktion Andreas Dörlemann, für den Denkmalschutz zuständiger Sachbearbeiter bei der Stadt Kamen.

Die Stadt Kamen habe keinen Einfluss darauf, so Dörlemann, wie weit die Bahn in die innere Bausubstanz des Gebäudes eingreife bzw. die bestehende Substanz erhalte. „Das Innenleben gehört nicht zum Schutzumfang“, schilderte Dörlemann.

Die Stadt Kamen habe dennoch darauf hingewirkt, dass der noch vorhandene Bodenbelag wissenschaftlich erfasst werde. Dazu habe sie mit der Deutschen Bahn als Eigentümerin der Immobilie vereinbart, dass Fachleute des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe den Boden dokumentieren und vermessen.

Alarmstimmung am Bahnhof Kamen: Historische Bodenfliesen im Baudenkmal vernichtet?

Im denkmalgeschützten Bahnhofsgebäude sind offenbar alte Bodenfliesen herausgebrochen worden. Vom Boden dürfte nach diesen Bildern nicht viel übrig geblieben sein. © Stefan Milk

Am 15. Mai 1847 wurde der Bahnhof offiziell eingeweiht

Am 15. Mai 1847 wurde der Bahnhof in Kamen offiziell eingeweiht, damals noch ohne Stationshäuschen.

Mit dessen Bau wurde erst nach der Streckeneröffnung der Köln-Mindener Eisenbahn bis nach Minden begonnen. 1854 wurde das Bahnhofsgebäude fertiggestellt, 1906 wurde es noch um eine Vorhalle erweitert.

Diese Informationen stehen auch auf der Hinweistafel des Kulturkreises Kamen (KKK) von Klaus Holzer, an der Ortsheimatpflegerin Edith Sujatta mitgewirkt hat.

Als sie am Samstag über unsere Redaktion erfuhr, dass möglicherweise historische Zeugnisse vernichtet wurden, bedauerte sie den Verlust der Bodenfliesen mit den Blumenmustern, die sie auf Anhieb beschreiben konnte.

Sujatta übt das Amt der Ortsheimatpflegerin seit 35 Jahren aus und hat sich immer wieder mit dem Bahnhof beschäftigt.

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Wartehalle des Bahnhofs Kamen komplett gesperrt

Dort, wo früher der Bahnhofsbäcker Büsch war, ist jetzt eine große Baustelle, sodass die Wartehalle im Empfangsgebäude des Bahnhofs Kamen komplett gesperrt ist.

Ende 2018 war der Bahnhofsbäcker ausgezogen, der Platz machte für den angekündigten „DB Service Store“. Bahnreisende sollen dort Back- und Süßwaren, Getränke, Eis, Tabakwaren, Bücher, Zeitungen, Zeitschriften, Grußkarten und Artikel für den Reisebedarf erhalten.

Der Fahrkartenschalter wird in den Shop integriert. Der Bahnpartner und Shop-Betreiber Valora hatte die Eröffnung zunächst für den 17. Oktober angekündigt. Durch einen Wasserschaden, so teilte die Bahn jetzt mit, habe der Zeitplan nicht gehalten werden können.

Das einzige gut erhaltene Gebäude aus der Köln-Mindener Zeit

Bei der klassizistischen Formensprache des Baus ist der Einfluss der Schule Karl Friedrich Schinkels erkennbar, so beschreibt der Regionalverband Ruhr (RVR) das formschöne Gebäude, das Bestandteil der Route Industriekultur ist. „Er ist ein Musterbeispiel für die kleineren Stationsgebäude der Köln-Mindener Eisenbahn dieser Zeit“, heißt es.

Das Bahnhofsgebäude besteht aus einem zweigeschossigen Mittelteil mit sieben Fensterachsen an der Gleisseite, wobei die Öffnungen rundbogig abschliessen. An den Stirnseiten schließen kleinere Flügelbauten an. Zum Bahnhofsvorplatz hin springen die die mittleren drei Fensterachsen als übergiebelter Risalit hervor.

Der ganze Bau ist mit einem Quaderputz versehen und besitzt das typisch flachgeneigte Satteldach.

Das Empfangsgebäude in Kamen ist – außer dem in Minden – das einzige noch weitgehend erhaltene aus der Köln-Mindener Zeit. Jetzt ist weniger weitgehend erhalten als zuvor - auch wenn die Bodenfliesen nicht unter Denkmalschutz stehen.

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