Patienten werfen vor Wut die Kaffeekasse: Arzt berichtet über steigende Corona-Anspannung

dzCoronavirus

Die Infektionszahlen steigen und mit ihnen die Anspannung vieler Menschen. Der Kamener Arzt Michael Nickertz hat dafür Verständnis – solange die Anspannung nicht in Aggressivität umschlägt.

Kamen

, 21.10.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Kamener Arzt Manfred Michael Nickertz und seine Kollegin Dr. med. Kerstin König sind es gewöhnt, dass nicht alle Patienten immer freundlich und verständnisvoll sind. Auch die Arzthelferinnen in der Gemeinschaftspraxis wissen, wie sie mit schwierigen Situationen umzugehen haben. Das gehört zu dem Beruf einfach dazu, erklärt Nickertz.

Die Entwicklung, die er allerdings in den letzten Wochen beobachten musste, beunruhigt ihn. „Die Angespanntheit ist zunehmend spürbar“, so Nickertz. In letzter Zeit wurden Ärzte und Mitarbeiter der Praxis häufiger beschimpft und sie stießen bei manchem Patienten auf Unverständnis – zum Beispiel wenn diese darauf hingewiesen wurden, auch die Nase mit der Maske zu bedecken.

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Manche Patienten in Kamener Praxis werden aggressiv

Doch nicht immer waren die Ausfälle nur verbal. „Es gab auch Fälle, bei denen Sachen hinter die Anmeldung geworfen wurden“, berichtet Nickertz. Als Wurfgeschoss dienten schon mal Dekoblumen oder auch die Kaffeekasse, die auf dem Tresen steht. „Wir haben zwar Verständnis für die Verunsicherung, Angst und Anspannung, aber da muss sich jeder im Griff haben“, sagt Nickertz.

„Da muss sich jeder im Griff haben.“
M.M. NICKERTZ, ARZT IN KAMEN

Er betont, dass die Maßnahmen dazu da sind, die Patienten zu schützen – genau wie das Personal, das so lange wie möglich in dieser schweren Zeit zur Verfügung stehen möchte. Ärgern will die Praxis mit den strengen Corona-Maßnahmen niemanden.

Das versteht aber offenbar nicht jeder. Nickertz erinnert sich in dem Zusammenhang an eine ältere Dame, die mit Erkältungssymptomen in die Praxis an der Westicker Straße kam – unangemeldet und nicht in die extra für solche Fälle eingerichtete Infektionssprechstunde. Man habe sie gebeten, draußen zu warten, um die anderen Patienten nicht zu gefährden, erinnert sich Nickertz.

Positiv getestete Frau schmuggelte sich ins Wartezimmer

Doch die Frau habe sich einfach ein paar mal ins Wartezimmer geschmuggelt und musste mehrmals wieder rausgeschickt werden. Das Ende vom Lied: Die Dame wurde positiv auf das Coronavirus getestet und hätte leicht andere Patienten anstecken können.

Abstand halten, Maske auf etc. Derzeit herrschen nicht nur in Geschäften, Arztpraxen und Co. strenge Regeln, sondern mittlerweile auch in manchen Innenstädten. Nicht alle Menschen sind davon begeistert, manche halten sich nicht daran und einige werden sogar aggressiv. Das erleben Ärzte, aber auch die Polizei.

Abstand halten, Maske auf etc. Derzeit herrschen nicht nur in Geschäften, Arztpraxen und Co. strenge Regeln, sondern mittlerweile auch in manchen Innenstädten. Nicht alle Menschen sind davon begeistert, manche halten sich nicht daran und einige werden sogar aggressiv. Das erleben Ärzte, aber auch die Polizei. © dpa

Diese Ignoranz mancher Patienten lassen Nickertz ernsthaft darüber nachdenken, eine externe Sicherheitskraft einzustellen. „Nicht, um zu verhindern, dass das Personal angeraunzt wird, dass gehört leider ein stückweit dazu. Aber damit jemand im Auge behält, dass die Leute, die rausgeschickt wurden, auch draußen bleiben. Und dass Stühle im Wartezimmer nicht zusammengestellt werden, obwohl es Markierungen gibt“, nennt Nickertz einige Beispiele.

Sprich: Eine Kraft soll rund um die Öffnungszeiten dafür Sorge tragen, dass die Corona-Regeln eingehalten werden. Zum Schutze der Patienten und des Personals.

Auch die Polizei bemerkt zunehmende Aggressivität

Nickertz und seine Kollegen wollen die Situation und die Entwicklungen jetzt genau im Auge behalten. Derzeit sind solche Verstöße und aggressives Verhalten zum Glück Einzelfälle. „Die Mehrheit hält sich dran und macht mit. Aber die Highlights des Tages, die für Kopfschüttern sorgen, bleiben im Kopf.“

Nickterz hat auch von anderen Kollegen gehört, dass Patienten zunehmend angespannt sind. Und nicht nur Ärzte haben damit zu kämpfen, sondern bekanntlich auch die Polizei. Die Polizeigewerkschaften beklagten erst kürzlich, dass die Stimmung aggressiver wird. Viele Beamten berichten demnach, dass die Akzeptanz der Corona-Regeln insgesamt abgenommen habe und zunehmend offen und aggressiv gegen Einsatzkräfte vorgegangen wird.

Eine mögliche Erklärung für die angespannte Stimmung

Was Nickertz und andere Ärzte also erleben spiegelt eine Stimmung wider, die sich offenbar bei immer mehr Menschen breit macht. Doch woran liegt das?

„Die Verunsicherung ist im Moment massiv“, so Nickertz. Das liege unter anderem daran, dass die Situation extrem dynamisch ist und täglich neue Vorgaben und Regeln getroffen werden, die zum Teil deutlich in das Privatleben eingreifen. „Es sind nicht nur Nachrichten, sondern Dinge, die die Patienten auch persönlich betreffen“, so der Kamener Arzt.

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„Es sind nicht nur Nachrichten, sondern Dinge, die die Patienten auch persönlich betreffen“
M.M. Nickertz, Arzt in Kamen

Es gebe viele ältere Patienten, die mittlerweile seit März, April kaum noch vor die Tür gehen und vereinsamen. „Erholungsmöglichkeiten sind nur noch bedingt gegeben und alles riecht und schmeckt nach Corona. Abschalten ist da nicht möglich und das kriegen wir dann ein stückweit ab.“

Dass niemandem damit geholfen ist, wenn die Kaffeekasse beim Hausarzt durch die Luft geschleudert wird, ist klar und Ärzte wie Nickertz hoffen, dass die Situation sich wieder beruhigen wird.

Dafür setzen sie sich ein, indem sie behutsamer mit den Patienten umgehen und Dinge besonders geduldig erklären, damit die Situationen nicht eskalieren. Das bedeutet mehr Kommunikationsaufwand für Ärzte und Personal. Die aber auch ohne komplizierte Patienten freilich schon genug zu tun haben.

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