Abschied mit Ausblick: Warum Kirche und Politik vor schwierigen Fragen stehen

dzPerthes-Stiftung

Der Abschied vom Vorstandsvorsitzenden Rüdiger Schuch stand im Mittelpunkt des Neujahrsempfangs der Evangelischen Perthes-Stiftung. Er wurde zum Anlass für schwierige Standortbestimmungen.

von Werner Wiggermann

Kamen

, 30.01.2020, 18:26 Uhr / Lesedauer: 2 min

4500 Menschen arbeiten in ganz Westfalen für die Evangelische Perthes-Stiftung. Wenn sie nach einem geografischen Zentrum ihrer Arbeit gefragt würden, wäre Kamen eine vermutlich sehr mehrheitsfähige Antwort. Am Donnerstag wurde dies wieder einmal beim Neujahrsempfang des diakonischen Unternehmens bestätigt. Die Verabschiedung des Vorstandsvorsitzenden Rüdiger Schuch stand im Mittelpunkt. Der 50-Jährige wird nun „Sprachrohr“ der drei evangelischen NRW-Landeskirchen bei Landtag und Landesregierung.

„Wo stehen unsere Mitglieder“

Ein Anlass, den viele Weggefährten des 50-Jährigen in der Kamener Stadthalle auch für eine mitunter sehr nachdenkliche inhaltliche Standortbestimmung der kirchlichen und diakonischen Arbeit nutzten. Allen voran „Gastgeberin“ Elke Kappen.

Die Kamener Bürgermeisterin nahm den gerade zurückliegenden Jahrestag der Auschwitz-Befreiung zum Anlass, um kritische Anfragen an unsere gesellschaftliche Wirklichkeit im Jahr 2020 zu formulieren. Damals seien Schwache, Alte, Angehörige fremder Kulturen, Menschen mit Behinderungen und Andersdenkende mit entsetzlicher Konsequenz ausgegrenzt worden.

Abschied mit Ausblick: Warum Kirche und Politik vor schwierigen Fragen stehen

Viele Geschenke als Ausdruck der Wertschätzung erhielt Rüdiger Schuch von Weggefährten – hier von Dr. Ingo Habenicht, Vorsitzender des Johanneswerks. © Stefan Milk

„Und wo stehen wir heute?“, fragte Kappen kritisch in Richtung Politik, aber auch in Richtung der Kirche: „Wo ist die christliche Prägung im Alltag?“ Kirche müsse sich fragen lassen, „wo unsere Mitglieder stehen.“ Das Grundgesetz sei da eindeutig: Die Würde des Menschen ist unantastbar - „des Menschen“ stehe da - und damit könnten keine Einschränkungen auf Religion, Behinderung, Alter, Geschlecht oder sexuelle Orientierung zugelassen werden.

Die Einrichtungen der Perthes-Stiftung immerhin könnten für eine mögliche Antwort auf die Frage nach der gesellschaftlichen Grundorientierung stehen. Die Stiftung erfülle ihren Auftrag vorbildlich, sie arbeite professionell und christlich, gehe auf Menschen zu und trete für Ausgegrenzte ein.

Dem scheidenden Vorstandsvorsitzenden - und früheren Superintendenten des Kirchenkreises wünschte die Bürgermeisterin viel Kraft für die schwierige neue Aufgabe an der Schnittstelle zwischen Politik und Kirche.

Abschied mit Ausblick: Warum Kirche und Politik vor schwierigen Fragen stehen

In launigen aber auch bewegenden Worten begründete Ulf Schlüter, Vizepräsident der ev. Kirche von Westfalen, warum Schuch für das neue Amt „abgeworben“ worden sei. © Stefan Milk

Größere Aufgaben für kleiner werdende Kirche

Dass er dafür hervorragende Qualifikationen mitbringt, unterstrichen Redner aus unterschiedlichsten Perspektiven. Schuch selbst begründete, warum er sich auf die schwierige Aufgabe freut: „Es reizt mich, Kirche und Diakonie in einer pluralen Gesellschaft zu gestalten.“

Seit 20 Jahren bewege ihn die Frage: „Wie kann eine kleiner werdende Kirche in der modernen Gesellschaft sprach- und handlungsfähig bleiben?“ Dazu gehöre es jedenfalls, Anwalt für Menschen zu sein, die sonst nicht gehört werden. Ein Anliegen, für das die Arbeit in der Perthes-Stiftung steht.

Abschied mit Ausblick: Warum Kirche und Politik vor schwierigen Fragen stehen

Kommunalpolitiker, Vertreter der Perthes-Stiftung und der Kirchen nahmen an dem Empfang teil. © Stefan Milk

Einsatz in der Pflege ist erfüllend

Aber natürlich auch eine Arbeit, die extrem durch Fachkräftemangel erschwert wird. An diesem Problem zu arbeiten, sei in Kirche wie Politik unumstritten. Allein durch bessere Bezahlung sei es kaum zu lösen. In den Perthes-Einrichtungen ohnehin nicht, betonte Rüdiger Schuch.

So sei zum Beispiel die gerade vereinbarte Mindestlohn-Regelung für Pflegekräfte hier kein Thema, weil die neuen Stundensätze bei Perthes ohnehin deutlich überschritten würden. Ein effektiveres Mittel sei es, positive Geschichten über die Arbeit in der Pflege zu schreiben, betonte Schuch: „Es gibt so viele positive Geschichten - darüber, wie erfüllend der Einsatz für andere wirklich ist.“

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