Egal ob verkratzte Motorhaube, rostige Kotflügel oder abgenutzte Gartenmöbel. Herrendorf ist Kamens ist erste Anlaufstelle. Nach 41 Jahren ist aus Altersgründen Schluss. Die Chefin ist 75.

Kamen

, 01.07.2019, 13:35 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Lack ist ab. Kamens bekannteste Autolackiererei schließt. Zum 31. Juli versiegen die Farbspritzpistolen bei Herrendorf am Hemsack 28. Damit endet eine traditionsreiche Firmengeschichte nach mehr als 41 Jahren. Der Familienbetrieb hatte 1978 an der Ostenmauer eröffnet. „Das war damals nicht mehr als eine Scheune“, erinnert sich Seniorchefin Monika Herrendorf, die mit dem Betrieb 1985 in das Industriegebiet im Westen der Innenstadt zog. Mit 75 Jahren, so sagt sie, sei es nun Zeit in Rente zu gehen. Sie schmunzelt. „Eigentlich bin ich ja zehn Jahre schon drüber.“

41 Jahre gegen Kratzer und Rost: Nun schließt Kamens bekannteste Autolackiererei

Monika und Marc Herrendorf neben dem Ford Escort, der nun für ihren Enkel Marcel aufbereitet wird. Es handelt sich um eine der letzten Arbeiten auf dem Betriebsgelände. © Marcel Drawe

Zu wenig Familie im Familienbetrieb

Sohn Marc ist Betriebsleiter des Fachbetriebs für Fahrzeuglackierung, der auf dem etwa 2000 Quadratmeter großen Grundstück mit Blick auf das rostrot leuchtende Monopol-Fördergerüst angesiedelt ist. Der 51-Jährige hat den Kotflügel eines VW-Käfers, Baujahr 1954, vor sich liegen, jene sympathische Knutschkugel aus der Wirtschaftswunderzeit, die nun im Auftrag eines Kunden komplett neu bearbeitet wird. Künftig wird er sein Handwerk in Anstellung bei einem anderen Unternehmen ausüben. Nach dem Ausscheiden seiner Mutter gibt es sozusagen zu wenig Familie im Familienbetrieb, um das Geschäft fortzuführen. Die Arbeitszeiten zuletzt auf wenige Schultern verteilt - „wenn er seinen Urlaub noch nehmen würde, könnte er jetzt für ein Jahr am Stück gehen“, sagt Monika Herrendorf mit Blick auf die Arbeitsbelastung.

41 Jahre gegen Kratzer und Rost: Nun schließt Kamens bekannteste Autolackiererei

Alfred und Monika Herrendorf bei der Betriebseröffnung im Jahr 1978. Nur kurz hieß das Unternehmen „Lackieranstalt“. © Privat

Gute Aussichten auf einen Job in der Branche

Daniel Will, der gerade für den Feinschliff an einer Autotür sorgt, ist seit zwölf Jahren als Lackierer tätig. Der Geselle ist nun auf der Suche nach einer neuen Stelle. „Ich habe keine Lust, zuhause zu bleiben“, sagt er energisch. Die Chancen, einen neuen Arbeitgeber zu finden, sind nicht schlecht, wie Volker Walters, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Dortmund sagt. „Die Nachwuchskräftegewinnung ist ein Problem. Viele Betriebe müssen schließen, weil sie keine Fachkräfte finden.“ Im Bereich der Kreishanderwerkschaft ist der Fachverband Lack- und Karosserietechnik Westfalen angesiedelt, der 104 Mitglieder betreut, darunter auch Betriebe in Holzwickede, Unna, Schwerte und Lünen. Auch Kamens Herrendorf ist ihm ein Begriff. „Sehr bodenständig, lange bei uns vertreten und ein guter, alter Betrieb“, lobt er.

41 Jahre gegen Kratzer und Rost: Nun schließt Kamens bekannteste Autolackiererei

Marc Herrendorf und Daniel Will prüfen in der Lackier-Kammer eine Stoßstange. © Marcel Drawe

Selbst ein Klodeckel mit dem Schalke-Emblem

Der Kratzer auf der Motorhaube, die kleine Beule an der Stoßstange oder der nagende Rost an Türholm, Schweller oder Einstiegsblech. Herrendorf hat in den vielen Jahrzehnten wohl jedes Autoteil zigmal lackiert. Aber nicht nur das. Auch Sonderwünsche wurden unkompliziert erfüllt. Wie Gartenmöbel oder ganze Küchen. „Alles, wo Lack drauf kann“, lacht Monika Herrendorf und verweist auf einen besonderen Spezialauftrag. Einen Klodeckel mit Schalke-Emblem. Auch Motorräder und Oldtimer, wie eben der alte Käfer, landen Stück für Stück in der hermetisch verschließbaren Lackier- und Trockenkabine, in der gesundheitsgefährdende Stäube und Dämpfe abgesaugt werden. Auch Industrieaufträge gab es zeitweise, wie von 3M, als Gehäuse für Alarmanlagen und Computer lackiert werden sollten. In den letzten Betriebstagen gibt es noch reichlich zu tun. „Wer noch alles zu uns kommen will. Es kommen immer noch reichlich Aufträge“, sagt Marc Herrendorf. „Doch irgendwann muss Schluss sein.“

41 Jahre gegen Kratzer und Rost: Nun schließt Kamens bekannteste Autolackiererei

So sah es früher auf dem Gelände an der Ostenmauer aus. 1985 zog er weiter in den Hemsack. © Privat

Als Lackieranstalt A. Herrendorf gegründet

Gegründet wurde der Betrieb im Jahr 1978 als Lackieranstalt A. Herrendorf. Ein sperriger Name, an den sich Monika Herrendorf nicht so gern erinnert. „Aber er galt nur ein halbes Jahr lang, dann haben wir uns umbenannt.“ Als die Firma gerade aus dem Wohngebiet an der Ostenmauer in den Hemsack umgezogen war, folgte der Schicksalsschlag, als ihr Ehemann, Betriebsgründer Alfred Herrendorf, starb. Fortan behauptete sie sich in einem Männerberuf, führte den Betrieb 30 Jahre lang und verwaltete die Firmengeschäfte bis zuletzt in Vollzeit. „Klar, ich habe früher auch Farben und Lacke gemischt, mit abgeklebt und auch mal die Maske aufgesetzt“, erinnert sie sich. „Ich sehe, ob ein Wagen gut gemacht wurde oder nicht.“

41 Jahre gegen Kratzer und Rost: Nun schließt Kamens bekannteste Autolackiererei

Ein Käfer aus dem Jahr 1954, der noch einmal gründlich überarbeitet wird. © Marcel Drawe

Unterwegs mit einem Stück Firmengeschichte
Autolackierei Herrendorf

1978 von Alfred Herrendorf gegründet

  • Die Autolackiererei Herrendorf wurde 1978 von Alfred Herrendorf in einer kleinen Werkstatt an der Ostenmauer in Kamen gegründet.
  • Das 2000 Quadratmeter große Grundstück im Hemsack ist schnell verkauft worden. Dort siedelt sich ab August Gewerbe aus der Elektrobranche an.
  • Für das Lackiererhandwerk durchlaufen Lehrlinge eine dreijährige Ausbildung. In eigenen Lehrstätten der Kreishandwerkerschaft werden sie überbetrieblich fortgebildet, wie in der Ausbildungsstätte der Autolackierer in Dortmund-Körne.

Das erkennen auch die Mitarbeiter der anderen Fachbetriebe, die es in der Umgegend gibt. Sie gehören dem Berufsverband der Fahrzeuglackierer an, die eine Untergruppe der Maler sind. „In der Regel sind es mittelständische Betriebe mit 10 bis 30 Mitarbeitern“, sagt Volker Walters. Weil viele Autohäuser ihre eigenen Lackier-Abteilungen haben, gebe es einen hohen Spezialisierungsgrad. „Auf Oldtimer, Landmaschinen, selbst Militärfahrzeuge“, berichtet er. Trotz Fachkräftemangels gilt der Beruf als attraktiv. „Man arbeitet sowohl mit neuen Autos als auch Oldtimern, das hat eine gewisse Faszination.“ Eine Faszination, die für Monika Herrendorf bleibt, auch wenn sie jetzt aufhört. „Es lief immer gut“, sagt sie. Eines der letzten Lackier-Arbeiten ist jetzt ein alter Ford-Escort für Enkel Marcel. Der ist zu sehen auf einem gerahmten Bild in der Auftragsannahme, damals zwei Jahre alt und stolz gekleidet mit einem blauen Herrendorf-Pullover. Im November wird er nun 18. Und fährt bald mit einem Stück Firmengeschichte.

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Auch dieser Klodeckel landete in der Lackier- und Trockenkabine. Ein besonderes Bekenntnis zum Ruhrpottverein. © Privat

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