Das 3M-Werk an der Edisonstraße ist auf Wachstumskurs. Seit 2002 ist die Produktionsleistung um das Zehnfache gestiegen. Zum 50-jährigen Standort-Bestehen gibt es einen weiteren Schub.

24.04.2019 / Lesedauer: 4 min

Es war im Jahr 1999, als das Unnaer Möbelhaus Zurbrüggen zwei Hallen des 3M-Firmengeländes als Lager gepachtet hatte. Flächen, die der Multikonzern nicht nutzte und folgerichtig auch nichts zur Produktivität beitrugen. „Es war ein Zeitpunkt, an dem die Frage aufkam. Gibt es hier eine Neuausrichtung oder nicht?“, berichtet Werksleiter Bruno Wiesmann. Die Neuausrichtung kam. Mit medizinischen Produkten. Die jüngsten Daten zeugen von dem rasanten Wandel an der Edisonstraße: Vor der Neuausrichtung zählte der US-amerikanische Konzern in Kamen noch ca. 300 Beschäftigte, aktuell sind es 440. „Wir wollen die Zahl in diesem Jahr noch weiter steigern“, so der 61-jährige Ingenieur. Weitere 20 zusätzliche Stellen sind vorgesehen. Kamen zählt mittlerweile zu den zwölf größten 3M-Werken in Europa - unter immerhin 53. „Wir stehen zurzeit auf Rang sieben oder acht“, so Wiesmann nicht ohne Stolz.

3M: Mit Medizinprodukten den Standort geheilt

Das in Kamen hergestellte Pflaster „Tegaderm“ wird vor allem in Krankenhäusern eingesetzt. Es ist transparent und dampfdurchlässig, sodass eine Wunde beobachtet werden kann, ohne das Pflaster abzuziehen. © Stefan Milk

50-jähriges Bestehen im Juli

Eine Entwicklung, die ins Jahr 2019 passt. Denn im Juli feiert 3M in Kamen 50-jähriges Standort-Jubiläum. Am 6. Juli, 14 bis 18 Uhr, gibt es im Werk ein großes Familienfest für die Mitarbeiter. Grund zu feiern gibt es reichlich. Seit 1969 ist das Unternehmen, das sich aufgrund seiner Fertigungs-Flexibilität auch als Multikonzern bezeichnet, vor Ort. Und steht im 50. Jahr so gut da wie nie zuvor. In den vergangenen sechs Jahren sind ca. 120 Mio. Euro in den Standort geflossen, davon jüngst 80 Mio. Euro in neue Fertigungsanlagen für Medizinprodukte. Deren Anteil an der Fertigung beträgt mittlerweile etwas über 80 Prozent. Der Anteil an Schleifmitteln, dem Ur-Produkt von 3M, beträgt ca. 16 Prozent. Die Herstellung von Klebebändern, beispielsweise von Bandagen für Pferde, die bei Springreitturnieren wie dem CHIO in Aachen eingesetzt werden, hat einen Anteil von drei Prozent.

3M: Mit Medizinprodukten den Standort geheilt

Das Kamener Werk macht sich unabhängig vom Mutterkonzern in den USA. Bisher kamen die Einsatzmaterialien von der Schwesterfirma in Brookings, South Dakota. © Stefan Milk

Überzieher, Brille und Bartschutz

In die Hallen, in denen Produkte wie das Wundpflaster „Tegaderm“ oder die Wärmedecke „Bair Hugger“ gefertigt werden, kommt man nicht so einfach hinein. Es geht durch eine Reinraum-Schleuse, wo es klinisch reine Überzieher fürs Schuhwerk geht, wo man in einen weißen Kittel schlüpft und eine dicke Schutzbrille verpasst bekommt. Heute nicht rasiert? Dann darf man sich noch einen Bartschutz um das Kinn schnüren, befestigt hinter beiden Ohren. Dann geht´s über lange Flure in Halle 5, dort, wo jetzt die Wärmedecken gefertigt werden. Bis 2013 wurden in der 1970 erbauten Halle Innenraumfilter für die Autoindustrie hergestellt, ein Produkt, das 3M nicht mehr führt. Jetzt führen dort große Roboter zackige Bewegungen für den boomenden Gesundheitsmarkt aus, über Fließbänder reiht sich ein Karton an den anderen. 34 große Roboter stehen hier. Jörn Stute ist Leiter der Medizinproduktfertigung. Er deutet auf die flink arbeitenden Maschinen. „Die Automatisation“, so führt er aus, „hat nicht nur schlechte Seiten. Nur darüber können wir im Wettbewerb bestehen und müssen nicht in Polen oder Asien produzieren. Und man sieht: Wir wachsen trotzdem.“

3M: Mit Medizinprodukten den Standort geheilt

Eine Wärmedecke besteht aus mehreren Kunststoffteilen, die verschweißt und verklebt werden. Unterbahn und Oberbahn werden zu Röhren geformt, zurechtgeschnitten und mit Klebestreifen und Einfüllstutzen versehen. Alle 15 Minuten wird ein frisch produziertes Stück herausgenommen und auf Herz und Nieren getestet. © Stefan Milk

Das Wachstum aus Halle 4

Das jüngste Wachstum spielt sich in der jüngst erbauten Halle 4 ab. Sie ist 6.000 Quadratmeter groß, über 100 Meter lang und 45 Meter breit. Darin stehen die beiden neuen Anlagen, die spätestens ab Oktober für neuen Produktionsschub sorgen werden. Es handelt sich um die Filmherstellungsanlage „25J“ und die Klebstoffbeschichtungsanlage „M8“, die Ende vorigen Jahres aufgestellt wurden. Jetzt erfolgen noch komplizierte Tests, bevor die Produktion auf den zwölf Meter breiten und ca. 60 Meter langen Anlagen endgültig anläuft.

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3M im Blickpunkt

Das 3M-Werk an der Edisonstraße ist auf Wachstumskurs. Seit 2002 ist die Produktionsleistung um das Zehnfache gestiegen. Zum 50-jährigen Standort-Bestehen gibt es einen weiteren Schub.
24.04.2019
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Werksleiter Bruno Wiesmann (61) und Produktmanager Jörn Stute (47) leiten das 3M-Werk in Kamen. Zurzeit steht es seht gut da. Die Produktion wächst und die Mitarbeiterzahl auch. Im Oktober gehen zwei neue Fertigungsanlagen in Betrieb, in die 80 Millionen Euro investiert wurden.© Stefan Milk
Die Herstellung von Klebebändern, beispielsweise von Bandagen für Pferde, die bei Springreitturnieren wie dem CHIO in Aachen eingesetzt werden, hat einen Anteil von drei Prozent.© Stefan Milk
Vor der Neuausrichtung zählte der US-amerikanische Konzern in Kamen noch ca. 300 Beschäftigte, aktuell sind es 440.© Stefan Milk
Eine Wärmedecke besteht aus mehreren Kunststoffteilen, die verschweißt und verklebt werden. Unterbahn und Oberbahn werden zu Röhren geformt, zurechtgeschnitten und mit Klebestreifen und Einfüllstutzen versehen. Alle 15 Minuten wird ein frisch produziertes Stück herausgenommen und auf Herz und Nieren getestet.© Stefan Milk
Bruno Wiesmann an einer Großrolle, dem sogenannten Jumbo. In anderen Hallen gibt es noch größere Rollen, von denen der Film in die Maschinen gelangt, um zu Klebestreifen, Pflaster und Wärmedecken verarbeitet zu werden.© Stefan Milk
Das Kamener Werk macht sich unabhängig vom Mutterkonzern in den USA. Bisher kamen die Einsatzmaterialien von der Schwesterfirma in Brookings, South Dakota.© Stefan Milk
Das in Kamen hergestellte Pflaster „Tegaderm“ wird vor allem in Krankenhäusern eingesetzt.© Stefan Milk
Es ist transparent und dampfdurchlässig, sodass eine Wunde beobachtet werden kann, ohne das Pflaster abzuziehen.© Stefan Milk
Hier werden Wärmedecken verpackt, die in Krankenhäusern eingesetzt werden. Fertigung und Verpackung laufen unter Reinraumbedingungen.© Stefan Milk

Auf den beiden Mega-Maschinen werden Rohmaterialien verarbeitet, die bisher aus Amerika angeliefert werden mussten. Mithilfe aus Kamen will sich der 3M-Standort Europa unabhängiger vom Mutterkonzern machen, will schneller auf Bedarfsschwankungen reagieren und kann individueller auf Kundenwünsche eingehen. Mehrere Tausend Tonnen an Lösemitteln können jährlich zusätzlich für die Produktion verarbeitet werden. Die Endprodukte landen nicht unbedingt immer in Deutschland, wo es starke Mitbewerber durch deutsche Konzerne gibt. „In Frankreich, Australien, China oder Japan ist das anders - da bekommt man oft das 3M-Produkt verabreicht“, so Wiesmann.

3M: Mit Medizinprodukten den Standort geheilt

Bruno Wiesmann an einer Großrolle, dem sogenannten Jumbo. In anderen Hallen gibt es noch größere Rollen, von denen der Film in die Maschinen gelangt, um zu Klebestreifen, Pflaster und Wärmedecken verarbeitet zu werden. © Stefan Milk

Mit 3M durch die ganze Welt

Der Werksleiter weiß das, weil er durch seine Tätigkeit bei 3M in der ganzen Welt unterwegs war. 1990 startete er seine Karriere in Kamen, bevor er dann mehrere Jahre in die USA ging, zuletzt als technischer Leiter im Werk Alexandria, Minnessota. Es folgten Stationen in den 3M-Standorten Neuss und Hilden, dann eine Aufgabe in der Schweiz. „Als ich 2016 gefragt wurde, das Kamener Werk zu leiten, war das für mich wie ein Homerun“, sagt er schmunzelnd, als er in Halle 6 steht, dort wo medizinische Klebebänder gefertigt werden, deren Film in Hochgeschwindigkeit von den Rollen, den sogenannten Jumbos, abgewickelt und verarbeitet wird.

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Wiesmann hat viel von seinen US-Erfahrungen nach Kamen gebracht. „Dort ist der Gleichheitsgedanke viel stärker ausgeprägt als hier. Da geht der Werksleiter auch mal mit dem Maschinenführer zum Sport - das ist dort ganz normal.“ Und so sorgt er in Kamen auch schon mal hemdsärmelig dafür, dass das Kantinen-Essen bereichert wird. „Jetzt gibt´s auch Frikadellen, und zwar richtig lecker!“

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Hier werden Wärmedecken verpackt, die in Krankenhäusern eingesetzt werden. Fertigung und Verpackung laufen unter Reinraumbedingungen. © Stefan Milk

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