Der ehemalige Metro-Standort, der vor dem Abriss steht, hat ein Stück Wirtschaftsgeschichte geschrieben. Bei der Eröffnung vor 53 Jahren wurde dort Europas größtes Großraumbüro gefeiert.

Kamen

, 17.12.2018 / Lesedauer: 3 min

Es war eine Eröffnung der Superlative, die in Kamen gefeiert wurde: Die Großeinkaufsgesellschaft Deutscher Konsumgenossenschaften (GEG) nahm unter bundesweiter Beachtung ihr neues Büro- und Lagerhaus in Betrieb – und damit das nach eigenen Angaben größte und modernste Großraumbüro in Europa.

Das offene Platz-Arrangement, das bei Organisationspsychologen heutzutage Stress-Warnungen auslösen würde, erfüllte die Bauherren am Tag der Inbetriebnahme am 3. Januar 1966 mit Stolz. Auf 4600 Quadratmeter Bürofläche waren 360 Angestellte gruppiert – für jeden „sein eigenes Milieu und doch, mit dem Blick fürs Ganze, zu den Kolleginnen und Kollegen eine harmonische Verbindung“, wie es damals hieß.

Was einst ein Meilenstein für die GEG und für Kamen war, gehört inzwischen längst zur deutschen Wirtschaftsgeschichte. Mitte 2017 zog der letzte Mieter, der Metro-Konzern, aus dem ursprünglich 140 mal 300 Meter großen Komplex an der Henry-Everling-Straße aus. Der Logistikhallen-Investor P3 plant einen gigantischen Neubau, womöglich Hunderte neue Arbeitsplätze sollen entstehen. Der Abriss der Metro-Hallen soll 2019 starten – ein Anlass, um auf die 53-jährige Geschichte des Standorts zurückzublicken.

360 Mitarbeiter, ein Großraumbüro und zwei Computer

Im damals größten zusammenhängenden Großraumbüro Europas saßen 360 Mitarbeiter vom Lehrling bis zum Chef. Es befand sich in der Südwestecke des Gebäudes (unten rechts). © Hochtief-Nachrichten (1966)

2000 Topfpflanzen

In Europas größtem Großraumbüro saßen die Mitarbeiter vom Lehrling bis zum Chef fast auf dem Präsentierteller. Zur Gliederung des 80 mal 60 Meter großen Raums dienten 210 Stellwände und 200 Pflanzentröge mit 2000 Topfgewächsen. 400 gepolsterte Drehrollenstühle und 280 gepolsterte Besprechungsstühle wurden zu 50 Arbeitsgruppen und 35 Besprechungszonen formiert. Nichts sollte das harmonische Gesamtbild des außen wie innen zweckmäßig gestalteten Büro- und Lagerhauses stören. Den Kollegen war nicht nur das Stühle- und Tischerücken verboten, sondern auch das Gießen der grünen Raumteiler. Das übernahm die hauseigene Gärtnerei.

Die Planungen für die Kamener „Versandzentrale“ begannen im Sommer 1963 in Hamburg, wo ein gewisser Henry Everling nach dem Zweiten Weltkrieg den Wiederaufbau der Dachorganisation von 200 Konsumgenossenschaften vorangetrieben hatte. In der Wirtschaftswunderzeit deckten sich die Deutschen in 7500 Konsumläden mit Haushaltswaren, Kleidung oder Möbeln ein – es gab noch keine großen Möbelhäuser auf der grünen Wiese. Das Kürzel GEG stand für bundesweit 11800 Mitarbeiter, 14 Handels-, Import- und Exportabteilungen, 31 Möbelhäuser und ein Großversandhaus – alles zusammen ein Jahresumsatz von zwei Milliarden DM (umgerechnet 1,02 Milliarden Euro).

Mit dem Kamener Neubau sollte das Versandgeschäft in den Konsumläden modernisiert werden. Die Kunden bestellten nach Katalog im Laden, die Bestellungen wurden gesammelt und dem Versandhaus gegeben, das die Bestellungen ausführte.

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Der Metro-Standort Kamen ist Geschichte

2019 soll der Abriss der ehemaligen Metro-Hallen beginnen, die der Handelskonzern im Sommer 2018 geräumt hat. Der Standort hat seit den Anfängen in den 1960er Jahren Kamener Wirtschaftsgeschichte geschrieben.
17.12.2018
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Der Handelskonzern Metro hat im Sommer 2018 sein Warenverteilzentrum in Kamen geschlossen. Der Abriss des ersten Hochregallagers läuft. Eigentümer P3 plant auf dem Gesamtgrundstück einen neuen Logistikkomplex für einen noch ungenannten Mieter.© Carsten Fischer
Der Standort hat Kamener Wirtschaftsgeschichte geschrieben. Die ältesten Teile wurden ab 1964 für die Konsumgenossenschaft GEG errichtet - ein moderner und zweckmäßiger Flachbau© Carsten Fischer
Blick auf die Andockstationen an den ehemaligen Metro-Hallen. Dieser Bauteil entstand in späteren Jahrzehnten.© Carsten Fischer
Der Handelskonzern Metro hat sein Warenverteilzentrum in Kamen geschlossen. Der Abriss des ersten Hochregallagers lief im Sommer 2018. Der Hauptabriss soll 2019 folgen.© Carsten Fischer
Offene Drehtür am Haupteingang des Altbaus.© Carsten Fischer
So sah der Haupteingang in den 1960er Jahren aus. Am 3. Januar 1966 wurde der GEG Versand Kamen eröffnet.© Hochtief-Nachrichten (1966)
Korridor mit dem architektonischen Charme der 1960er Jahre.© Carsten Fischer
Bei seiner Eröffnung im Jahr 1966 lag hier Europas größtes zusammenhängendes Großraumbüro.© Carsten Fischer
So sah das Großraumbüro im Jahr der Eröffnung im Jahr 1966 aus.© Hochtief-Nachrichten (1966)
Der Standort rühmte sich mit einem vollklimatisierten Betriebsrestaurant. Die Großküche war ausgelegt für 650 Mittagessen. So sieht der Bereich heute aus.© Carsten Fischer
Die Großküche im Eröffnungsjahr 1966.© Stefan Milk
Blick in die ehemalige Kantine im Jahr 2018© Carsten Fischer
Draufsicht auf das GEG-Versandlager - rechts das Großraumbüro, hinten die Lagerbereiche.© Hochtief-Nachrichten (1966)
Der GEG-Versand Kamen bestand aus einer 42.000 Quadratmeter großen Halle, die in Lager sowie Büro- und Sozialtrakt unterteilt war.© Hochtief-Nachrichten (1966)
Hier ein Blick in das Verteilerlager im Jahr 1966. Eine Mitarbeiterin arbeitet am Rollenband.© Hochtief-Nachrichten (1966)
Der Handelskonzern Metro hat sein Warenverteilzentrum in Kamen geschlossen. Die Immobilie gehört dem Logistikpark-Betreiber P3, der die Errichtung eines neuen Logistikzentrums plant. Auf dem Nachbargrundstück hat er bereits ein Neubauprojekt für den Mieter Arvato hochgezogen.© Carsten Fischer
Auf dem ehemaligen Metro-Gelände ist ein großer Teil der Fläche im Juli 2019 freigezogen und bereit für den Start des Neubaus.© Stefan Milk
Auf dem ehemaligen Metro-Gelände ist ein großer Teil der Fläche im Juli 2019 freigezogen und bereit für den Start des Neubaus.© Stefan Milk
Auf dem ehemaligen Metro-Gelände ist ein großer Teil der Fläche im Juli 2019 freigezogen und bereit für den Start des Neubaus.© Stefan Milk

Laufsteg im Vorführraum

Das als wegweisend gefeierte Großraumbüro in Kamen nahm etwas mehr als ein Zehntel der Grundfläche des Neubaus ein. Vom Büro- und Sozialtrakt (8400 Quadratmeter) kam man in den Lagerteil des Flachbaus. Dieser bestand aus dem 12600 Quadratmeter große Verteilerlager mit 2,7 Kilometer Regalen, Packerei, Ausstellungsraum, Modevorführraum (inklusive Laufsteg) sowie dem 21.000 Quadratmeter großen Reservelager mit vier Kilometer langen Regalzeilen. Bis zu 16.000 Sammelpakete täglich gingen von Kamen aus auf den Weg. Insgesamt arbeiteten dort 650 Menschen.

Für die Arbeit in der neuen Umgebung bekamen die Angestellten eine Broschüre mit Verhaltenstipps an die Hand („Hier zu arbeiten muss schön sein!“). Rauchen war ausdrücklich erlaubt („Klimaanlagen gestatten es“). Das Telefon sollte stets griffbereit sein. „Von Ihrem Tischapparat werden Sie um so mehr Gebrauch machen, als es bei uns im internen Verkehr keinen ,Papierkrieg‘ gibt und das meiste telefonisch oder persönlich erledigt wird“, hieß es.

Hochmodern waren damals auch die Computer – zwei für den gesamten Standort. Die beiden Rechner vom Typ Univac 1004 und Univac 1050 füllten ein 150 Quadratmeter großes Rechenzentrum und konnten 36000 Lochkarten pro Stunde verarbeiten.

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