2500 Jahre alte Siedlung an der A1 bei Unna und Kamen entdeckt

dzArchäologen begeistert

Wo bald das interkommunale Gewerbegebiet Unna/Kamen entsteht, gingen vor 2500 Jahren Ackerbauern und Töpfer ihrer Arbeit nach. Archäologen haben im Bereich der Stadtgrenze an der A1 eine eisenzeitliche Siedlung mit Wohn- und Werkstatthäusern entdeckt.

Kamen

, 23.07.2018, 16:22 Uhr / Lesedauer: 2 min

Grabungsleiter Peter Motsch dämmerte es schon im April während der Grabungen, dass die aufgetauchten Siedlungsspuren nicht wie zunächst vermutet aus der Jungsteinzeit stammen, sondern aus der Eisenzeit, also aus der Epoche um 700 vor Christus und jünger. Diese Vermutung hat sich jetzt bestätigt, wie erste Grabungsergebnisse zeigen, die der Landschaftsverband Westfalen Lippe (LWL) am Montag bekannt gab.

Die entdeckten Spuren reichen von Pfostenlöchern bis hin zu Gruben. Die Archäologen teilten das Untersuchungsgebiet in 27 Grabungsschnitte ein. Das sind Flächen, jeweils 100 Meter lang und acht Meter breit, die ein Bagger vom Mutterboden befreite, um eine nähere Untersuchung des Unterbodens zu ermöglichen. Inzwischen sind die Grabungsfelder wieder verfüllt. An der Stelle soll das neue Logistikzentrum der Handelskette Woolworth entstehen.

Die dokumentierten Spuren sahen unspektakulär aus, graue Verfärbungen im hellen Unterboden, 50 bis 70 Zentimeter unter der beiseitegeschobenen Ackeroberfläche. Die Wissenschaftler erkannten in einer dieser Strukturen den Rest eines sogenannten Grubenhauses. Grubenhäuser sind in den Boden eingegrabene Wohn- oder Werkstattgebäude. Darüber hinaus fanden die Forscher nach LWL-Angaben zwei Grubenkomplexe, die aus jeweils fünf bis sechs ineinander verschachtelten Gruben bestehen.

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Eisenzeitliche Siedlung an der A1 bei Unna und Kamen entdeckt

Wo bald das interkommunale Gewerbegebiet Unna/Kamen entsteht, gingen vor 2500 Jahren Ackerbauern und Töpfer ihrer Arbeit nach. Archäologen haben im Bereich der Stadtgrenze an der A1 eine eisenzeitliche Siedlung mit Wohn- und Werkstatthäusern entdeckt.
23.07.2018
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Mehrere Monate lang haben Archäologen unter der Fachaufsicht des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) seit November 2017 gegraben, Funde dokumentiert und geborgen. Nach Abschluss der Grabung liegen nun erste Ergebnisse über die entdeckte eisenzeitliche Siedlung in Unna - kurz hinter der Kamener Stadtgrenze - vor.© Fischer
Die großflächigen Baggerschnitte an der A1 wurden nicht nur bei gutem sommerlichen Wetter angelegt, wie die Pfützen auf dem glitschigen lehmigen Boden zeigen. Im Hintergrund die A1.© Archbau
Archäologischer Fund auf dem Acker rund 200 Meter südlich der Kamener Stadtgrenze in Unna. Von oben sind die fünf ineinander verschachtelten grauen Gruben gut zu erkennen.© Archbau
In dieser Abfallgrube sind besonders große Keramikscherben eines Gefäßes aus der Eisenzeit erhalten.© Archbau
Archäologe G. Peter Montes beim Graben eines Profils durch eine Siedlungsgrube. Archäologen haben Spuren einer eisenzeitlichen Siedlung auf dem Areal des künftigen Gewerbegebiets Unna/Kamen gefunden.© Archbau
Die Erweiterungspläne für das Gewebegebiet waren Anlass für archäologische Untersuchungen, hier Grabungsleiter Peter Motsch von der Firma Archbau mit einer Verfärbung im Boden.© Carsten Fischer
Grabungsleiter Peter Mosch malt auf dem Boden auf, wie eine Pfostengrube aussieht. In 27 Grabungsschnitten entdeckten die Fachleute seit November letzten Jahres Pfostenlöcher und Gruben aus der Eisenzeit. © Carsten Fischer
Grabungsstelle im Unnaer Norden - in Sichtweite des Möbelhauses Ikea in Kamen. Lehm war ein wichtiger Rohstoff, sowohl zur Herstellung von Gefäßen aus Keramik als auch zum Verputzen der Häuser in der Eisenzeit© Carsten Fischer

Die Eisenzeit-Menschen besaßen so etwas wie einen frühen Vorläufer der Keramikabteilung des nahe gelegenen Ikea-Möbelhauses im Kamen-Karree. Die Wissenschaftler nehmen an, dass die Dorfbewohner an den untersuchten Stellen Lehm abbauten – jenen wichtigen Rohstoff, aus dem Gefäße hergestellt und mitd em Häuser verputzt wurden.

Bei der zeitlichen Einordnung orientierten sich die Forscher an aufgefundenen Keramikscherben. Demnach stammen die Siedlungsreste aus der vorrömischen Eisenzeit, also aus der Phase von 800 vor Christus bis zur Zeitenwende. Auch Abschläge von Feuerstein fanden sich in der Grube. Solche Abschläge entstehen bei der Herstellung von Steinwerkzeugen.

Eigentlich suchten die Experten nach Beweisen für eine wesentlich ältere Siedlung aus der Jungsteinzeit. Denn schon 2012 hatten Landesarchäologen um Dr. Eva Cichy bei einer ersten oberflächlichen Untersuchung bearbeitete Feuersteine auf dem Acker gefunden. „Der Feuerstein war zu Klingen oder Beilen hergerichtet“, berichtete die Wissenschaftlerin im April während der Grabungen. „Wir hatten die Vermutung, dass jemand an dieser Stelle in der Jungsteinzeit um 7000 v. Chr. gesiedelt hat. Die Frage ist, ob außer den Steinartefakten noch etwas anderes erhalten ist.“

Ist es nicht, wie jetzt feststeht. „Nach unseren bisherigen Erkenntnissen sind von der jungsteinzeitlichen Besiedlung aber kaum noch Spuren erhalten“, erklärt Prof. Dr. Michael Baales von der LWL-Archäologie in Westfalen.

Nur tief liegende Strukturen sind erhalten

Grabungsleiter Motsch von der Firma Archbau war seit November auch bei widrigen Wetterbedingungen auf dem Acker an der A1 unterwegs gewesen. Die Geländeoberfläche war vor 2500 Jahren etwas höher als heute. „Die Siedlung lag einst auf einem leichten Geländesporn, der aber durch Erosion und durch die landwirtschaftliche Nutzung der jüngsten Zeit eingeebnet wurde“, erklärt der Experte für römische Provinzialarchäologie. „Demnach ist davon auszugehen, dass nur die tief in den Boden eingegrabenen Strukturen überliefert wurden.“ Die Reste der Gruben seien heute immerhin noch bis zu einem Meter tief.

Die archäologischen Untersuchungen gingen der geplanten Bebauung des Ackers voraus. Das Gelände wird als interkommunales Gewerbegebiet Unna/Kamen entwickelt. Der fruchtbare Boden aus Lösslehm, der einst den Eisenzeitmenschen diente, wird unter Beton und Asphalt verschwinden.

Künftiger Bauplatz für Woolworth
  • Die Handelskette Woolworth plant einen Neubau im interkommunalen Gewerbegebiet Unna-Kamen. Das archäologisch untersuchte Areal liegt in Sichtweite des Ikea-Möbelhauses südlich dem Gewerbegebiet Kamen-Karree nur rund 200 Meter hinter der Kamener Stadtgrenze auf Unnaer Gebiet. Für den Standort gilt der Bebauungsplan UN87B.
  • Siedlungsspuren aus der Jungsteinzeit sind in der Region verbreitet. Funde sind beispielsweise aus Unna, Lünen, Kamen, Bergkamen und Selm dokumentiert. In der Jungsteinzeit wurden die Menschen sesshaft, Jäger und Sammler wurden zu Ackerbauern und Viehzüchtern („neolithische Revolution“).
  • Der wohl bedeutendste archäologische Fundplatz in Kamen ist der Seseke-Körne-Winkel. Von der Jungsteinzeit (ca. 5500 v. Chr.) bis zur Zeit der Karolinger (900 n. Chr.) sollen dort Menschen durchgehend gesiedelt haben. Eine Blüte erlebte die Siedlung zur römischen Kaiserzeit (27 v. Chr. bis 284 n. Chr.). Zahlreiche Funde belegen einen regen Handel zwischen Römern und Germanen. Einige Funde sind im Museum in Kamen zu sehen.
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