Für die einen Einzelhändler begann im Februar eine lang währende Durststrecke. Bei den anderen klingelt momentan die Kasse. Zwei Händler erzählen von ihrem Fazit nach einem halben Jahr Corona.

Holzwickede

, 31.07.2020, 04:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Schock bei den Holzwickeder Einzelhändlern saß tief, als im März das gesamte öffentliche Leben heruntergefahren wurde – und sie ihre Geschäfte eine Zeit lang nicht öffnen durften. Zwar dauerte der Lockdown am Ende „nur“ zwei Wochen. Viele Einzelhändler hatten zu Beginn der Krise aber wenig Gewissheit.

Jetzt ist ungefähr ein halbes Jahr vergangen. Die heimische Wirtschaft hat sich in der gesamten Betrachtung – je nach Branche – wieder ein wenig erholt. Wie unterschiedlich die Konsequenzen aus der Corona-Pandemie für den heimischen Einzelhandel sind, zeigt der Blick in zwei Holzwickeder Traditionsgeschäfte.

Schuster Frank Meiritz: Ein Verlierer der Corona-Krise

Für den Schuster Frank Meiritz, der einen Laden an der Hauptstraße betreibt, ist die Krise jedenfalls noch lange nicht verarbeitet. Seit März, so erklärt er, habe er mit massiven Umsatzeinbußen zu kämpfen. „Viel schlechter geht´s nicht mehr“, lautet sein ernüchterndes Zwischen-Fazit in der Corona-Zeit.

„Es gab Kunden, die haben ihren gesamten Schuhschrank durchsucht und bis zu elf Paar Schuhe auf einmal hergebracht. So etwas hat es in Holzwickede nicht gegeben“
Schuster Frank Meiritz

Vor der Corona-Pandemie hatte er nach eigenen Angaben noch etwa 50 bis 80 Paar Schuhe, die täglich über seine Ladentheke gingen. Seit März seien es konstant 36 bis 52 am Tag, wie er erzählt.

„Das Geld ist irgendwann auch aufgebraucht“

Wie lange sich sein Geschäft für ihn noch lohnen wird, kann er nicht sagen. Pläne zur Schließung gebe es bisher allerdings nicht, auch wenn die Lage inzwischen „existenzbedrohlich“ sei. Nach dem Ausbruch der Pandemie habe er eine Unternehmerförderung beim Land NRW beantragt. Das Geld habe ihn eine Zeit lang entlasten können, „aber das ist irgendwann auch mal aufgebraucht“, sagt Meiritz.

Zur allgemeinen Einordnung erläutert der Schuster, dessen Laden seit fast 30 Jahren in Holzwickede besteht, dass es um seine Branche auch ohne die Corona-Krise nicht gerade gut bestellt ist – und spricht von einem „aussterbenden Handwerk“.

Spricht bei seinem Beruf von einem „aussterbenden Handwerk“: Der Schuhmacher Frank Meiritz.

Spricht bei seinem Beruf von einem „aussterbenden Handwerk“: Der Schuhmacher Frank Meiritz.

„Wenn die Leute für 6,50 Euro im Discounter Schuhe kaufen können und die dann kaputt gehen, dann kommen sie mit ihren Tretern nicht in meinen Laden – sondern kaufen sich einfach neue Schuhe für den selben Preis“, sagt Meiritz. Ursprünglich habe er zu Beginn der Krise gehofft, dass sich der Konsum der Menschen vom Globalen wieder vermehrt ins Lokale verlagern könnte.

Seiner Erfahrung nach sei das aber nicht überall der Fall gewesen. In seinem zweiten Laden in Dortmund-Aplerbeck habe er in der besonders schweren Zeit Unterstützung bekommen: „Es gab Kunden, die haben ihren gesamten Schuhschrank durchsucht und bis zu elf Paar Schuhe auf einmal hergebracht. So etwas hat es in Holzwickede nicht gegeben“, so Meiritz.

„Wenn die Leute für 6,50 Euro im Discounter Schuhe kaufen können und die dann kaputt gehen, dann kommen sie mit ihren Tretern nicht in meinen Laden – sondern kaufen sich einfach neue Schuhe für den selben Preis“
Schuster Frank Meiritz

Er gibt zumindest die Hoffnung nicht auf, dass sich die Lage in den nächsten Monaten wieder bessert. Als Unternehmer trägt er immerhin auch Verantwortung für zwei Angestellte, denen er sich verpflichtet fühlt: Entlassungen sind für ihn jedenfalls „das allerletzte Mittel“.

Motorradbekleidung Josef Joy: Das Geschäft boomt

Zu den Gewinnern der Krise – wenn man das überhaupt so sehen kann – zählt das Motorradbekleidungsgeschäft von Josef Joy an der Bahnhofstraße. Seit Ende des Shutdowns, so erläutert Patrick Joy, habe die Zahl der Aufträge und Bestellungen wieder stark zugenommen. Kunden aus der gesamten Bundesrepublik schwingen sich offenbar auf ihre Zweiräder, nutzen das gute Sommerwetter für eine Motorradtour.

Mehr noch: Inzwischen hat der Betrieb der Joys mit Lieferengpässen zu kämpfen. Ähnlich wie in Fahrradbranche habe die Motorradbranche einen regelrechten Boom erlebt.

Im Motorradgeschäft von Josef Joy an der Bahnhofstraße gibt es im Eingangsbereich einen eigenen Hygienestand, bei dem sich die Kunden die Hände desinfizieren können.

Im Motorradgeschäft von Josef Joy an der Bahnhofstraße gibt es im Eingangsbereich einen eigenen Hygienestand, bei dem sich die Kunden die Hände desinfizieren können. © Carlo Czichowski

Die Herausforderung der Hygienebestimmungen bleibt

Einige der wenigen negativen Begleiterscheinungen der Corona-Pandemie seien aber nach wie vor die geltenden Hygienebestimmungen. Sie bedeuten in der Regel Mehraufwand, rauben folglich etwas Zeit. Im Eingangsbereich des Motorradbekleidungsgeschäfts gibt es seit der Wiederöffnung im April einen kleinen Bereich, in dem Kunden sich die Hände desinfizieren und Hygiene-Artikel wie Handschuhe verfügbar sind.

Bei der Anprobe beispielsweise von Motorradhelmen sei es nicht immer ganz einfach die Hygienestandards einzuhalten. Zudem kann Joy kaum noch Probefahrten mit den Artikeln anbieten.

„Ansonsten tragen wir weiterhin den ganzen Tag einen Mundschutz und geben uns Mühe die Regeln einzuhalten“, sagt Joy, „insgesamt können wir uns eigentlich nicht beklagen.“

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