Wie ein Mauersegler im Schuhkarton flügge wird

dzGeschützter Vogel in Not

Einer hieß mal Lothar, den Namen hatte der Mauersegler wie so oft von seinen Erstrettern bekommen. Irmgard Devrient hingegen gibt ihren Schützlingen keine Namen. Sie gibt ihnen eine Überlebenschance.

Holzwickede

, 25.07.2018, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wenn in und um Holzwickede ein Mauersegler aus dem Nest gefallen ist, dann bekommt die Holzwickederin Irmgard Devrient meist einen Anruf. So wie vor gut einer Woche, als eine Frau aus Iserlohn ihr einen jungen Mauersegler vorbeibrachte. Die Frau war in Schwerte zu Besuch und fand den Vogel auf einem Bürgersteig sitzend. Ein Anruf beim Tierarzt und schon stand die Frau mit Vogel bei Irmgard Devrient vor der Tür. „Die Ärzte wissen meist schon, an wen sich die Leute wenden können“, sagt die 79-Jährige. Seit Anfang der 1990er-Jahre päppelt sie aufgefundene Mauersegler auf, die entweder noch nicht flügge sind oder sich verletzt haben.

Wie ein Mauersegler im Schuhkarton flügge wird

Noch klammert sich der Mauersegler an Irmgard Devrient. In wenigen Tagen wird er flügge sein und davonfliegen. © Greis

Die Iserlohnerin hat richtig gehandelt, als sie den jungen Mauersegler in Schwerte fand: Tierarzt anrufen. Was gar nicht geht: „Niemals einen Vogel in die Hand nehmen und in die Luft werfen“, sagt Devrient. Man könne nicht wissen, ob es sich um einen Jungvogel oder ein verletztes Tier handelt. Im Zweifel verletzt sich ein Vogel dann, obwohl er zuvor bereits einen Sturz schadlos überstanden hatte. So war es bei dem jungen Mauersegler, den Irmgard Devrient derzeit in Obhut hat. Wie der Vogel auf den Gehweg kam, darüber kann sie nur mutmaßen. „Vielleicht hat ihn die Hítze an den Nestrand gedrängt und er fiel. Vielleicht haben die Eltern die Brut aus Mangel an Nahrung aufgegeben. Die Gründe können unterschiedlich sein“, sagt Devrient. Ihr derzeitiger Patient ist der siebte Mauersegler, den sie in der kurzen Saison von Anfang Juli bis Ende August betreut. Viel länger halten sich die Zugvögel nicht in Deutschland auf.

Wie ein Mauersegler im Schuhkarton flügge wird

Mit leerer Butterdose bringt der Mauersegler 41,2 Gramm auf die Waage. © Greis

Für Nummer 7 hatte Irmgard Devrient zunächst wenig Hoffnung. 20 Gramm brachte der geschätzt einen Monat alte Mauersegler auf die Küchenwaage. Das sind noch ein paar Gramm weniger als das Gewicht einer Packung Taschentücher. „Da dachte ich schon: Todeskandidat. In dem Alter hätte er um die 35 Gramm wiegen müssen“, sagt Devrient. Nach gut einer Woche in ihrer Obhut bringt der Vogel 41,2 Gramm auf die Waage. Um das Gewicht zu verdoppeln, hat Devrient den Mauersegler zuletzt fünf Mal täglich mit je zehn bis 15 Heimchen gefüttert. Das macht rund 70 Heimchen am Tag und klingt unglaublich, aber wenn die Schwalben-Mutter gekonnt mit dem Fingernagel den Schnabel des Vogels öffnet und ähnlich der Altvögel die Insekten in den Kehlsack stopft, wird deutlich wo die vielen Heimchen landen. Auch die erwachsenen Vögel sammeln während ihrer Flüge erhaschte Nahrung zunächst, bis der Kehlsack voll ist.

Die Unmengen an Heimchen, die Nummer 7 verdrückt, braucht der Mauersegler vor allem für das schnelle Wachstum. Damit das garantiert wird, muss der Mauersegler jeden Tag nicht nur fressen. Schlafen, verdauen, ausscheiden – das gehört ebenfalls zu seinen Aufgaben. Mehr macht der Jungvogel nicht und deshalb muss Irmgard Devrient auch keine Angst haben, dass der Vogel ausbüchst oder verloren geht. Wird er nicht gefüttert, sitzt er in einem ausstaffierten Schuhkarton und macht: nichts. Wenn sich der Vogel in einigen Tagen weigert, die Heimchen von Ingrid Devrient anzunehmen und ein Gewicht von ungefähr zwei Packungen Taschentücher erreicht hat, dann weiß die 79-Jährige: Der Abschied naht. Auch ein Blick unter die Flügel verrät ihr dann, dass Nummer 7 flügge ist. Wenn die Federn „geschoben“ sind, also der weiße Schaft nicht mehr zu sehen ist, dann haben die Flügel ihre endgültige Länge erreicht.

Wie ein Mauersegler im Schuhkarton flügge wird

Sind die weißen Schäfte an den Federn verschwunden, ist der Flügel ausgewachsen und der Mauersegler bereit fürs Fliegen. © Greis

Wenn es so weit ist, dann wird Irmgard Devrient den Mauersegler definitiv nicht in die Höhe werfen. „Die Vögel können vom Boden aus starten. Und dann geht es nach Afrika“, sagt Devrient. Gänzlich gesichert ist es nicht, aber wissenschaftliche Untersuchungen lassen vermuten, dass Jungvögel sofort gen Süden aufbrechen, sobald sie flügge sind. „Man geht davon aus, dass die Tiere dann bis zu zwei Jahre unterwegs sein können, bis sie wieder zurückkommen“, sagt Devrient. Dabei verlassen die Vögel nur selten den Luftraum. Mitunter schlafen die Mauersegler im Flug, dann ist immer nur eine Hälfte des Hirns aktiv. Irmgard Devrients aktueller Hausgast kann noch einige Tage entspannt im Schuhkarton sitzen und sein Köpfchen komplett ausschalten. Aber auch für Nummer 7 gilt: Der Tag wird kommen und dann braucht der junge Mauersegler sein komplettes Vogelhirn, um auf Anhieb seine Reise gen Süden anzutreten.

Mauersegler gehören zu den geschützten Arten. Ihre Nistplätze dürfen ohne Erlaubnis nicht entfernt werden. Ansprechpartner bei Sanierungen oder Abrissarbeiten ist die Untere Naturschutzbehörde. Die Mauersegler sind nicht verwandt mit Schwalben, sondern gehören zur Familie der Segler. Biologisch gesehen sind Mauersegler vielmehr mit Kolibris verwandt. Sie werden bis zu 20 Jahre alt und legen zu Beginn der Brutzeit zwei bis vier Eier in ihr Nest.
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