1935 markiert das Jahr, in dem jüdisches Leben vorerst aus der Gemeinde verbannt wurde. Diese Entdeckung hat Historiker Ulrich Reitinger in alten Akten gemacht, die auf ein erstaunliches Schicksal verweisen.

Holzwickede

, 15.01.2020, 17:15 Uhr / Lesedauer: 3 min

Im Juli 1935 wird ein Mann von zwei SA-Leuten aus der Wohnung eines Nachbarn in der heutigen Herderstraße gezerrt, durch die Straßen geschleift und bis zur Bewusstlosigkeit geschlagen. Er wird vor Ort in „Schutzhaft“ genommen. Gegen Mitternacht wird er mit der Auflage entlassen, Holzwickede sofort zu verlassen.

Der Name des Mannes: Oiser Schwanhort. Ein gebürtiger Pole und gelernter Schneider, der seit 1919 in Deutschland wohnte und in Holzwickede heimisch wurde. Schwanhort war Jude und nach seiner Verhaftung laut Meldekarte ein „lästiger Ausländer“.

So geht es aus den sogenannten Wiedergutmachungsakten hervor, die im NRW-Landesarchiv in Münster liegen. Ulrich Reitinger ist hier regelmäßiger Gast und recherchiert zu Holzwickeder Schicksalen. Im August vergangenen Jahres weckt der Name Oiser Schwanhort sein Interesse. Nach gut einem halben Dutzend weiterer Besuche in Münster ist sich Reitinger ziemlich sicher: Er war der letzte Jude, der während der Nazi-Zeit in der Gemeinde lebte.

Blick in die Akten offenbart erstaunliches Schicksal

Sein genauer Blick in die Akten offenbart noch mehr: Oiser Schwanhort landet nicht wie so viele Juden im Konzentrationslager. Nach dem schicksalhaften Tag im Juli 1935 überlebt er das Nazi-Regime, indem er für seine Verfolger unsichtbar wird. Bevor der Schneidergeselle aus der Gemeinde gejagt wird, hatten zu dem Zeitpunkt jüdische Mitbürger meist von sich aus schon die Anonymität der Großstädte gesucht.

Nach der Machtübernahme der Nazis arbeitet Schwanhort zwar für einen jüdischen Schneider in Dortmund, bleibt aber in Holzwickede wohnen. Über die Akten erfuhr Reitinger, dass Schwanhort zuletzt in der heutigen Herderstraße im Haus des damaligen Fleischermeisters Gimpel wohnt und ein freundschaftliches Verhältnis zum Vermieter und seiner Familie pflegt.

Aktenfund: Wie die Nazis Holzwickedes letzten Juden aus dem Ort jagten

In den Akten im Landesarchiv NRW findet sich auch ein Passfoto Oiser Schwanhorts aus dem Jahr 1946. © Landesarchiv NRW

SA-Schergen wollten ein „judenfreies“ Holzwickede

Nach seiner Flucht aus Polen und Stationen in der Uckermark und im Münsterland glaubt Reitinger, „dass Schwanhort sich damals heimisch in Holzwickede fühlt.“ Nach dem Ende der Nazi-Zeit wird er angeben, dass „bestimmte Bürger“ gewusst hätten, dass er Ausländer und Jude sei – zudem der letzte im Ort. Offensichtliches Ziel der Nazis war es, Holzwickdede „judenfrei“ zu machen.

Damit beginnt für Oiser Schwanhort eine zehnjährige Zeit des Versteckens und der Flucht, die Ulrich Reitinger anhand der Akten in Teilen rekonstruieren konnte. „Er taucht in Dortmund unter und vermeidet jeden Kontakt mit Behörden. Er wusste wohl, dass ihm sonst Schlimmes widerfahren würde“, sagt Reitinger. Die Anonymität bedeutet aber auch: keine Lebensmittelmarken.

Schwanhort schlägt sich mit Ersparnissen und mithilfe von Bekannten durch, verdingt sich als „Hausschneider“ – ohne jemals seinen richtigen Namen zu nennen. Schwanhort versucht vor 1939 an Pass und Ausreisevisum zu kommen. „Ein Beamter in Unna stellt ihm einen Pass als Staatenloser aus, nimmt ihm aber die Hoffnung auf ein Visum“, so Reitinger.

Die Flucht aus Deutschland scheitert

Der gebürtige Pole will im August 1939 illegal aus dem Land flüchten, wird in Monschau nahe Belgien aber von der Grenzpolizei verhaftet. Er wird ohne Papiere unter der Auflage entlassen, sich in Dortmund bei der Gestapo zu melden. „Schwanhort weiß wohl zu genau, dass er das Risiko nicht eingehen darf“, sagt Reitinger.

Aktenfund: Wie die Nazis Holzwickedes letzten Juden aus dem Ort jagten

Das Gestapo-Hauptquartier für Dortmund und die Region befand sich einst im Stadtteil Hörde. Schwanhort kam der Aufforderung, sich hier zu melden, nicht nach. Ohne Ausweispapiere überlebte er die Nazi-Zeit im Untergrund. © Stadtarchiv Dortmund

Im Detail lässt sich nicht klären, wie er in der Folge über Jahre unter dem Radar bleibt. Ein Umstand, der ihm später im Verfahren um Entschädigung am Amt für Wiedergutmachung noch Probleme bereiten wird. „Schwanhort war wohl durchaus ein streitbarer Charakter. Auch wurde ihm vorgehalten, er habe mit der Gestapo kollaboriert, sei gar in Uniform gesehen worden“, sagt Reitinger.

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All das lässt sich nicht zweifelsfrei klären, aber der Holzwickeder Historiker sagt auch: „Der Mann war Schneider.“ Damit lasse sich zumindest spekulieren, was ein Mensch tut, um zu überleben.

Schwanhort bleibt nach der NS-Zeit in Dortmund wohnen. „Mit enormem Aufwand gelingt es ihm, entschädigt zu werden. Viele Opferverbände kritisieren, wie die Behörden damals mit Wiedergutmachungsanträgen umgingen“, sagt Reitinger.

Schwanhorts Verfahren werden letztlich erst 1968 abgeschlossen. Für Ulrich Reitinger in Zukunft ein weiteres Feld, das sich für Recherchen anbietet. 1973 stirbt Oiser Schwanhort in Dortmund – er war Zeit seines Lebens unverheiratet geblieben und hatte keine Nachkommen.

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