Der selbstständige Lars Kniesche ist mit seinem Unternehmen Pro Cred aus Hagen nach Holzwickede gezogen. Er vermittelt unter anderem Kredite an Familien, die mit dem Rücken zur Wand stehen. © Marcel Drawe
Corona-Krise

Wenn eine Familie die Rate fürs Haus nicht mehr zahlen kann, bleiben kaum Optionen

In Kurzarbeit oder arbeitslos: Wenn Familien Probleme mit dem Kredit fürs Haus haben, bleiben ihnen nur zwei Möglichkeiten. Die Immobilie abwerfen und umziehen – oder eine mitunter riskante Alternative.

Zu ihm kommen oft die Härtefälle: Das gibt der selbstständige Dienstleister im Finanzsektor, Lars Kniesche, offen zu. Der Holzwickeder ist mit seinem Unternehmen Pro Cred kürzlich aus Hagen in die Emscherquellgemeinde gezogen, bietet nun von der Bahnhofstraße aus seine Services an.

Einer seiner Schwerpunkte ist die Beschaffung eines Kredites. Auch – oder gerade dann –, wenn einem die eigene Bank schon ordentlich auf die Pelle gerückt ist, man bei den Raten fürs Haus oder fürs Auto nicht mehr zahlen kann.

Seine Dienstleistung besteht dann darin, irgendwie das Ruder rumzureißen. Durch seine Kontakte in diverse Bankhäuser, so erläutert Kniesche, könne er seinen Kunden weiterhelfen, wenn sie bei ihrem Bänker gewissermaßen nur noch auf taube Ohren stoßen.

Eines ist klar: In solchen Fällen stehen Kniesches Kunden nicht selten mit dem Rücken zur Wand. Was er ihnen bietet, ist eine der letzten Möglichkeiten das Haus zu behalten – um einen Neuanfang in den bisherigen vier Wänden machen zu können.

Probleme mit der Schufa: Eine der letzten Möglichkeiten für einen Kredit

Zur Wahrheit gehört aber dazu: Es ist aus Kundensicht in finanzieller Hinsicht keine günstige Variante. Banken, die solchen Kunden eine zweite oder dritte Chance geben, lassen sich das Risiko bezahlen. Auch Kniesche streicht für solche Deals eine Provision ein.

Wichtig sei die Aussicht, so betont der Dienstleister, dass sich an den finanziellen Verhältnissen der entsprechenden Familie in absehbarer Zeit etwas ändern wird. Gemeinsam mit seinen Kunden erarbeitet er einen Plan, rechnet mit ihnen Kosten und Einnahmen gegenüber. Gerade durch die Corona-Krise, so berichtet Kniesche, hätten viele Menschen teils unverschuldet mit einem finanziellen Engpass zu kämpfen.

Wenn´s mit der Rate fürs Haus eng wird, bleiben vielen Familien nicht viele Optionen. © dpa © dpa

Von einer temporären Kurzarbeit über eine mehrwöchige Erkrankung bis hin zur Kündigung: All das seien Gründe, aus denen Familienernährer in eine wirtschaftliche Schieflage geraten könnten. Bei der Hausbank könne man schnell Vertrauen verspielen, das meist schwer zurückzugewinnen ist.

Eine andere, von Kniesche vermittelte Bank, könne je nach Solvenz des Kunden eben aushelfen. Der Dienstleister aus Holzwickede versichert, dass er Kunden wieder nach Hause schickt, wenn er absehen könne, dass sich die Kunden nur selbst schaden. Denn: Bei den beschriebenen Fällen wird nicht selten ein Zinssatz von sechs bis sieben Prozent oder mehr fällig – ein momentan völlig marktunüblicher Zinssatz.

Bei finanziellen Problemen immer eine zweite oder dritte Meinung einholen

Wenn eine Familie auch auf lange Sicht keine Einsparungspotenziale oder die Aussicht auf ein höheres Einkommen haben, so berichtet Kniesche, bliebe nur die Möglichkeit, einen sauberen Schnitt zu machen und das Haus eben abzugeben, die Schulden bei der Bank ohne einen neuen, größeren Kredit zurückzuzahlen.

Regine Stoller-Wegener ist auf diesem Fachgebiet eine Expertin, arbeitet für die Bauschuldnerberatung der Awo Ostwestfalen-Lippe, die eine Kooperation mit der Schuldnerhilfe in Köln führt. Seit 2005 berät sie überschuldete Immobilienbesitzer, hat vereinzelt auch Menschen aus dem Kreis Unna beraten.

Unabhängig von der Schwere des Schuldverhältnisses rät sie betroffenen Menschen, sich grundsätzlich eine zweite oder dritte Meinung einzuholen und im Zweifel auch eine Beratungsstelle zu kontaktieren: „Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, dass es sehr gute Finanzberater gibt, aber auch schwarze Schafe“, sagt sie.

Eine Art Haushaltsplan könne man auch bei manchen Beratungsstellen machen. Beratungsgespräche bei der Bauschuldnerberatung kosteten aber auch Geld. Ein Erstgespräch koste bei zum Beispiel 120 Euro.

Einnahmen und Ausgaben berechnen: Die Pauschalen von Banken hauen manchmal nicht hin

Wenn man das eigene Ausgabeverhalten gemeinsam mit einer Bank unter die Lupe nimmt, würden die Werte oft auf Grundlage von Pauschalen berechnet werden. Das sei nicht in jedem Fall sinnvoll: „Die hauen nämlich manchmal nicht hin“, sagt Stoller-Wegener. Das Ausgebeverhalten von Menschen sei sehr individuell. Zum Beispiel: Nur weil der Durchschnittsdeutsche einen gewissen Betrag im Monat für sein Auto ausgibt, muss das nicht auf den jeweiligen Verbraucher zutreffen, der die Rate fürs Haus nicht mehr bezahlen kann.

Allgemein, so erläutert sie, muss das Haus zudem nicht automatisch der entscheidende Kostenfaktor sein: „Es spielen auch andere Schulden eine Rolle. Wenn die Baufinanzierung nicht mehr gezahlt werden kann, ist das meistens nur die Spitze des Eisbergs.“

Insgesamt hielten sich die Beratungsanfragen aber noch in Grenzen, seien in den vergangenen Monaten nicht spürbar angestiegen. Momentan ist es noch ruhig, weil die Menschen an ihre Reserven gehen, aber wir warten noch auf eine richtige Welle“, sagt Stoller-Wegener.

Über den Autor
Redaktion Unna
1993 in Hagen geboren. Erste journalistische Schritte im Märkischen Sauerland, dann beim Westfälischen Anzeiger in Werne. Spielt in seiner Freizeit gerne Handball und hört Musik.
Zur Autorenseite
Carlo Czichowski
Lesen Sie jetzt