Taugt Wasserstoff als Energieträger der Zukunft? Diese Frage wollen Versorger und Netzbetreiber mit einer innovativen Anlage im Eco Port beantworten.

Holzwickede

, 17.12.2019, 15:31 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es ist das Element, das jedes Kind frühzeitig im Chemieunterricht kennenlernt: Wasserstoff. Im Periodensystem der Elemente steht es gekennzeichnet durch den Buchstaben H an erster Stelle.

Wasserstoff ist das häufigste Element im Universum und gilt vielen Experten als umweltfreundlicher Allround-Energieträger der Zukunft. Das Problem: Auch wenn in fast unbegrenzten Mengen vorhanden, kommt Wasserstoff auf der Erde nur in gebundener Form vor. Um es als Energieträger zu nutzen, muss es erst gewonnen werden.

Das ist beispielsweise durch das Elektrolyse-Verfahren möglich, bei dem mit Strom Wasser in seine Bestandteile Sauerstoff und Wasserstoff zerlegt und die getrennten Gase aufgefangen werden. Dann wird Wasserstoff zu einem Energieträger, der sich speichern und transportieren lässt. Auf dieses Prinzip setzt langfristig eine Wasserstoffversorgungstation der Westnetz GmbH, die im Eco Port entstehen soll.

Reiner Wasserstoff für die Wärmeversorgung von Gebäuden

In einem ersten Schritt soll ein Druckbehälter aufgestellt werden, der zunächst noch wöchentlich mit Wasserstoff befüllt wird. Bereits vorhandene Erdgasleitungen sollen vom Netz abgetrennt werden und gewerbliche Gebäude im Umkreis mit Wasserstoff versorgen. Der wird wiederum in speziellen Wasserstoff-Brennwertkesseln bei den Endkunden für die Wärmeerzeugung in den Gebäuden genutzt.

Solche Anlagen sind nicht gänzlich neu. Bislang wird hierüber Wasserstoff aber lediglich zu einem niedrigem Prozentsatz dem Erdgas beigemischt. Eine 100-prozentige Wasserstoffversorgung ist neu. „In Deutschland gibt es noch keine Erdgasleitung der öffentlichen Versorgung, die auf reinen Wasserstoff umgestellt wurde. Es wäre also für ganz Deutschland ein Pilotprojekt“, sagt Carsten Stabenau, Projektleiter bei der Westnetz GmbH.

Die Anlage soll Aufschluss geben, inwieweit die Wasserstoffversorgung in vorhandenen Leitungen praktikabel ist. „Wir wollen die Nutzbarkeit der heute mit Erdgas betriebenen Gasnetze mit reinem Wasserstroff demonstrieren um die Zukunftstauglichkeit der Gasinfrastruktur unter Beweis zu stellen“, sagt Stabenau.

20 Meter langer Gastank wäre der erste sichtbare Schritt

Zunächst soll hierfür ein rund 20 Meter langer Gastank aufgestellt werden, der wöchentlich mit industriell erzeugtem Wasserstoff beliefert wird. Ziel ist im Laufe des Jahres 2021 auf sogenannten grünen Wasserstoff umzustellen, der ohne CO2-Emissionen erzeugt wird. Das wäre der Fall, wenn der Strom zur Abspaltung des Wasserstoffes aus Wind- oder Solarkraft erzeugt würde.

Wärme aus Wasserstoff: Westnetz plant einmalige Anlage im Eco Port

In dieser unscheinbaren Anlage in Ibbenbüren wird überschüssiger Strom genutzt, um Wasserstoff zu erzeugen. Das Gas kann gespeichert werden, dem bestehenden Erdgasnetz zugeführt oder über ein Blockheizkraftwerk beispielsweise wieder in Strom umgewandelt werden. So eine Anlage könnte auch in Holzwickede entstehen, mit dem Unterschied, dass vorhandene Leitungen hier dann reinen Wasserstoff weitertransportieren. © Jörg Mettlach/Innogy

Vor Ort ist laut Westnetz denkbar, dass ein sogenannter Elektrolyseur aufgestellt wird, der Strom zur Wasserstoff-Produktion aus einer Photovoltaikanlage gewinnt. „Perspektivisch könnte in einem weiteren Schritt eine Wasserstofftankstelle errichtet werden, an der Brennstoffzellenfahrzeuge betankt werden können“, sagt Stabenau. Diese Ausbauschritte prüfe man derzeit.

Holzwickede würde sich als Standort anbieten, weil die Gemeinde zum einen im Versorgungsgebiet liegt und die Nähe zur Westnetz-Zentrale in Dortmund besteht. „Zudem war man in Holzwickede offen für das Projekt und hat uns ein geeignetes Grundstück angeboten“, so Stabenau.

Fraktionen stehen hinter dem Projekt – unter einer Bedingung

Der geplante Standort umfasst eine Fläche von rund 3000 Quadratmetern an der Gottlieb-Daimler-Straße. Eigentlich war das Areal als Ausgleichsfläche vorgesehen. Im Planungs- und Bauausschuss sowie im Rat der Gemeinde stimmten alle Fraktionen dem Vorhaben zuletzt aber zu, so dass der Bebauungsplan entsprechend geändert und die Fläche umgewidmet werden kann.

Eine Bedingung stellten die Fraktionen der Verwaltung aber: Sie muss eine Ersatzausgleichsfläche in gleicher Größe innerhalb des Gemeindegebietes finden. Eine Ausgleichsfläche an anderer Stelle im Kreis Unna lehnen die Fraktionen ab.

„Im nächsten Schritt geht es nun darum, Baurecht zu schaffen. Das Projekt ist aber in jedem Fall eine total spannende Ansiedlung und bringt Holzwickede deutschlandweit auf die Karte“, sagt Stefan Thiel, Wirtschaftsförderer der Gemeinde.

Ein Test auf dem Weg zur Klimaneutralität

„Wasserstoff wird als wichtiger Energieträger der Zukunft gesehen, der in den nächsten Jahrzehnten das fossile Erdgas ablösen wird – entweder als reiner Wasserstoff oder als künstliches Erdgas (SNG), das aus Wasserstoff und CO2 hergestellt werden kann“, erklärt Carsten Stabenau.

Deutschland will bis 2050 klimaneutral werden, den Ausstoß von Kohlenstoffdioxid durch fossile Energiequellen bis dahin reduzieren beziehungsweise ausgleichen. In der 100-prozentigen Wasserstoffversorgung sieht man bei Westnetz einen Schritt dahin, einen klimaneutral erzeugten Energieträger mit vorhandener Infrakstruktur zu verbinden.

Zur Sache

Idee und Umsetzung

  • Projektträger der Wasserstoffversorgungsstation ist die Eon-Tochter Innogy. Für Idee und Umsetzung zuständig ist wiederum die Westnetz GmbH. Der Netzbetreiber gehört zur Innogy-Gruppe.
  • Einen Elektrolyseur, wie er in Holzwickede entstehen könnte, betreibt Westnetz bereits in Ibbenbüren. Hier wird produzierter Wasserstoff aber lediglich zusätzlich ins vorhandene Gasnetz eingespeist.

„In Zukunft könnte überschüssiger Strom aus Solar- und Windenergie in großen Mengen und über einen langen Zeitraum in Form von Wasserstoff gespeichert werden, um daraus wieder Strom zu machen, wenn kein Wind weht und die Sonne nicht scheint“, so Stabenau.

Welche Summe man im Eco Port investieren will, dazu machen weder Westnetz noch Innogy eine Angabe. Offen ist derzeit auch, wie viele Gebäude letztlich mit Wasserstoff versorgt werden, da sich das Projekt in einer frühen Planungsphase befindet und entsprechende Vertragsverhandlungen erst folgen.

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