Erst ein Wachturm, dann eine katholische Kirche. Die evangelische Kirche Opherdicke hat eine lange Geschichte des Wandels hinter sich. Pfarrer Philipp Reis zeigt die Besonderheiten.

Holzwickede

, 13.04.2020, 04:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Selten ist die evangelische Kirche Opherdicke so ausgestorben wie gerade. Ostern naht und doch ist Pfarrer Philipp Reis oft der Einzige, der durch die Pforten der Kirche schreitet. „Die größte Besonderheit ist das Alter der Kirche“, sagt Reis. Der romanische Teil, heute in feschem Gelb gestrichen, wurde zwischen 1120 und 1150 errichtet.

Den Kirchturm gab es allerdings schon lange vorher. „Es wird vermutet, dass er vor dem Bau der Kirche als Wachturm gedient hat“, so Reis. Immerhin stehe der Turm auf einer Anhöhe und ermögliche einen weiten Blick ringsum.

Drei Teile einer Kirche

Äußerlich lässt sich die Kirche in drei Teile unterscheiden. Den alten Kirchturm, den romanischen Anbau aus dem 12. Jahrhundert in Gelb und den neoromanischen Erweiterungsbau rund um 1870 herum.

Dass an der Kirche immer wieder an- und umgebaut wurde, lässt sich bereits von außen erkennen. Der gelb gestrichene Teil stammt aus dem 12. Jahrhundert, der hintere grau-braune aus dem 19. Jahrhundert.

Dass an der Kirche immer wieder an- und umgebaut wurde, lässt sich bereits von außen erkennen. Der gelb gestrichene Teil stammt aus dem 12. Jahrhundert, der hintere grau-braune aus dem 19. Jahrhundert. © Marcel Drawe

Die evangelische Kirche Opherdicke hat viele Wandlungen hinter sich, die man ihr noch heute anmerkt, äußerlich wie innerlich. Das alte Tympanon über dem Seiteneingang ist bereits verwittert, die heiligen drei Könige kaum noch zu erkennen.

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Ein anderes ist bereits hinter der gelben Farbe verschwunden. „Zu seinem Schutz“, erzählt Reis. Stattdessen habe man dem dargestellten heiligen Stephanus ein Kirchenfenster gewidmet und seine Steinigung darauf festgehalten. Zur Einweihung wurde jüngst ein eigener ökumenischer Gottesdienst abgehalten, erinnert sich Reis. „Das war wirklich etwas Besonderes.“

Statt auf dem Tympanon kann man die Steinigung des heiligen Stephanus heute auf dem Kirchenfenster sehen.

Statt auf dem Tympanon kann man die Steinigung des heiligen Stephanus heute auf dem Kirchenfenster sehen. © Marcel Drawe

Heiliger Stephanus verbindet die Kirchen

Doch der heilige Stephanus hat noch eine größere Bedeutung für die evangelische Kirche. „Es ist die Verbindung zur Kirche St. Stephanus, das verbindende Element beider Kirchen in Opherdicke.“ Denn vor der Reformation war die evangelische Kirche noch die katholische Stephanus-Kirche.

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Das Außengelände war zu der Zeit noch der Friedhof. „Hier wurden die Leute nach Ortsteilen begraben. Im Süden die Opherdicker, im Westen die Hengser und im Norden die Holzwickeder“, erzählt Reis. „Das hier ist der älteste Friedhof in Holzwickede. Denn auch die alten Holzwickeder lagen hier begraben und kamen zu den Messen, bis die Kirche am Markt gebaut wurde. Davor hatte Holzwickede keine eigene Kirche.“

Die alten Grabsteine erinnernan die Zeit, in der rund um die Kirche noch ein Friedhof existierte. Hier wurden alle aus Hengsen, Holzwickede und Opherdicke begraben.

Die alten Grabsteine erinnernan die Zeit, in der rund um die Kirche noch ein Friedhof existierte. Hier wurden alle Verstorbenen aus Hengsen, Holzwickede und Opherdicke begraben. © Marcel Drawe

Heute erinnern nur noch drei Grabsteine neben der Absis an den alten Friedhof. Der Name „Bergmann“, der auf den Steinen zu lesen ist, ist dabei kein Unbekannter. „Er war früher Pfarrer in Opherdicke“, weiß Reis. Womöglich habe man deswegen seinen Grabstein hier aufgestellt.

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Chorraum als Lieblingsplatz

Die Frage nach seinem Lieblingsplatz in der Kirche fällt Reis schwer zu beantworten. Letztendlich fällt seine Wahl auf den Chorraum. „Hier stehe ich gerne mit anderen zusammen. Ich habe einen schönen Blick in die Kirche hinein und der Kreis auf dem Altar ist ein Symbol der Gemeinschaft.“

Pfarrer Philipp Reis an seinem Lieblinsgplatz. Hier hat er einen guten Blick auf die Kirche.

Pfarrer Philipp Reis an seinem Lieblingsplatz. Hier hat er einen guten Blick auf die Kirche. © Marcel Drawe

Er weist auf etwas hin, das für evangelische Kirchen eher ungewöhnlich ist. „Es gibt viele Symbole und Figuren.“ Während der Reformation entbrannte ein Streit darüber, ob diese Bilder eine Ablenkung seien oder eine Glaubensstütze. Viele evangelische Kirchen seien deshalb eher bildarm.

„Ich finde diese Bilder nicht ablenkend. Sie regen die Fantasie an. Es wirkt nicht überladen, stattdessen bildet der Altar das Zentrum. „Hier spielt sich alles ab. Man merkt, das hier ist der Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Vielleicht ist es deswegen auch mein Lieblingsplatz.“

Stephanus-Figur als Schenkung

Die evangelische Kirche in Opherdicke ist anders, wohl auch wegen ihrer katholischen Vergangenheit und schlichtweg des Alters wegen. „Und jede Zeit hat ihre Spuren hinterlassen“, sagt Reis.

Die Kanzel zeigt die Evangelisten und stammt aus dem 17. Jahrhundert.

Die Kanzel zeigt die Evangelisten und stammt aus dem 17. Jahrhundert. © Marcel Drawe

Die Kanzel stammt aus dem 17. Jahrhundert, zeigt die Evangelisten. An den Säulen des Querhauses hängen zwei Figuren. Eine stammt aus dem 15. Jahrhundert. Die andere ist eine Stephanus-Figur. Ein Geschenk der Stephanus Gemeinde als Zeichen der Freundschaft. Immerhin ist Stephanus der Patron beider Kirchen gewesen. „Die ist wirklich gut gelungen“, freut sich Reis.

Und noch etwas dürften viele Opherdicker über die Absis nicht wissen. „Unter dem Altar sollen alte Opherdicker Pfarrer begraben liegen“, erzählt Reis. Noch ein Detail über die Kirche, das auch der evangelische Pfarrer erst vor Kurzem erfahren hat: „Früher soll es hier Emporen gegeben haben.“ Wer genau hinsieht, erkennt an der Wand noch die feinen Umrisse der ehemaligen Türen. Die Emporen wurden später durch Fenster ersetzt.

Die Stephanus-Figur ist eine Schenkung der St. Stephanus Gemeinde. Es verbindet die beiden Kirche in Opherdicke.

Die Stephanus-Figur ist eine Schenkung der St. Stephanus Gemeinde. Es verbindet die beiden Kirche in Opherdicke. © Marcel Drawe

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Sakramentshäuschen aus katholischer Zeit

Ein letzter Punkt, der nicht jedem Besucher ins Auge fallen mag: Links vom Altar befindet sich ein Sakramentshäuschen. Das stammt aus der Zeit vor der Reformation. Hier wurde der Leib Christi bis zur nächsten Messe verschlossen. „Hier bewahren wir das Geschirr für das Abendmahl auf“, sagt Pfarrer Reis.

Er lässt seinen Blick durch die Kirche schweifen. „Hier gibt es wirklich viel, was man noch erzählen könnte. Aber was mir am meisten gefällt, sind die wirklich vielen, schönen Darstellungen und Figuren. Besonders für eine evangelische Kirche.“

Serie

Kirchen in Holzwickede

In der Serie „Kirchen in Holzwickede“ wirft die Redaktion einen Blick auf versteckte und unbekannte Ecken in den Holzwickeder Gotteshäusern. Die Texte zur Serie erscheinen in loser Folge.

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