Der Rahmen war groß, der Anspruch des Chefs ist es auch: Gatter3 hat am Hauptsitz im Eco Port ein System vorgestellt, das eine autarke Energieversorgung ermöglicht – zumindest theoretisch.

Holzwickede

, 02.10.2018, 18:05 Uhr / Lesedauer: 3 min

Theoretisch sei es zwar möglich, einen 100-prozentigen Grad an Autarkie zu erreichen, „dennoch ist der Netzanschluss jederzeit gegeben – man weiß ja nie“, sagte Joachim Schneider, Bereichsvorstand Technology and Operations bei Innogy. Zusammen mit der RWE-Tochtergesellschaft hat die Gatter3 Technik GmbH am Standort an der Gottlieb-Daimler-Straße eine integrierte Systemlösung zur Energiegewinnung entwickelt. Weil die in ihrer Umsetzung deutschlandweit laut Schneider einzigartig sei, fanden sich am Dienstag zahlreiche Vertreter der Gemeinde, der Wirtschaftsförderung des Kreises Unna sowie beteiligter Unternehmen im Eco Port ein, um zu sehen, wie sich Gatter3 künftig am eigenen Standort mit Energie versorgt.

Oberste Prämisse ist dabei, möglichst nachhaltige Energien zu nutzen. Die einzelnen Komponenten, von der Photovoltaikanlage über Brennstoffzellen bis zur Wärmepumpe, sind dabei weniger revolutionär als deren konsequente Verknüpfung und intelligente Steuerung. „Ressourcenschonende, nachhaltige Energie, die optimal genutzt wird, ist keine Zukunftsvision mehr. Wir sparen bis zu 100.000 Kilowattstunden im Jahr ein“, sagt Gatter3-Geschäftsführer Metin Duman. Erreicht wird das durch den Einsatz verschiedener Technologien, die zentral über eine Software gesteuert werden. So soll Strom immer dann genutzt werden, wenn er auch gebraucht wird. „Das ist wie in der Biologie. Wenn die Finger kalt sind, wird Blut reingepumpt“, sagt Joachim Schneider.

Energie aus verschiedenen Quellen

Energie pumpen an der Gottlieb-Daimler-Straße ein Photovoltaikanlage mit einer Nennleistung von 40 Kilowatt peak auf dem Dach; eine Wärmepumpe und sechs Brennstoffzellen, die Strom und Wärme aus der chemischen Reaktion von Sauerstoff und Wasserstoff erzeugen ins System. Der Wasserstoff wird aus emissionsarmen Erdgas gewonnen. Die Pumpe erzeugt ihre Wärme wiederum aus Energie, die sich in der Erde, im Grundwasser und der Luft befindet. Überschüssige Energie wird in fünf Batterieblöcken gespeichert. „Umgewandelt in Autobatterien müsste man für die Energiemenge die komplette Hallenwand damit füllen“, sagt Systeminstallateur ??? Kien bei der Besichtigung der Brennstoffzellen und Batterien in der Logistikhalle des Unternehmens.

Vernetztes Gebäude im Eco Port versorgt sich selbst mit Energie

Die Energie aus Photovoltaikanlage, Brennstoffzellen, Wärmepumpe und Batteriespeicher wird über eine Steuereinheit je nach Bedarf abgegeben. © Innogy

Die Energiespeicher hätten eine ungefähre Lebensdauer von 20 Jahren, die komplette Anlage müsse ein Mal im Jahr gewartet werden. Der Aufwand halte sich laut Kien in Grenzen. Für Metin Duman war es an der Zeit, dass ein mittelständisches Unternehmen einen Konzern wie RWE beziehungsweise die Tochter Innogy „anpiekst“ (O-Ton Duman), um so ein System zu realisieren. Klar ist: Duman hätte seinen Standort kurzfristig günstiger mit Energie versorgen können, er setzt aber auf die langfristigen Einsparungen. Wie viele Euros Gatter3 investiert hat, wollte er nicht verraten. „Innovationen kosten Geld. So ein System kommt nicht von der Stange. Wir haben das Geld in die Hand genommen, in der Hoffnung, dass daraus Produkte für die Masse entstehen“, sagt Duman.

Die Gatter3 Technik GmbH

Unternehmen für Sanitär, Heizung, Klima

Die Anfang 2015 gegründete Gatter3 Technik GmbH beschäftigt mehr als 130 Mitarbeiter. Im Auftrag von Energieversorgungsunternehmen und Netzbetreibern führt das Unternehmen Projekte zur Umstellung der Versorgung von L-auf H-Gas in allen L-Gas-Netzregionen durch. Bis heute hat Gatter3 mehr als 130.000 Erhebungen und über 60.000 Anpassungen durchgeführt. Das Unternehmen bietet die Erhebung, Anpassung, Qualitätssicherung, Logistik und IT aus einer Hand an. Zum Standort an der Gottlieb-Daimler-Straße gehört auch die Logistiksparte Duman X-Press. Langfristig kann sich Duman auch hier vorstellen, auf elektrische Fahrzeuge zu setzen. Aktuell umfasst der Fuhrpark laut Duman rund 180 Transportfahrzeuge.

Bricht man die Anschaffungskosten auf die einzelnen Komponenten runter, darf man selbst mit entsprechender Förderung für eine Brennstoffzelle von einem Anschaffungspreis von rund 15.000 Euro ausgehen. Alleine davon hat Gatter3 sechs. Mit Photovoltaikanlage, Batterien, Wärmepumpe und Softwaresteuerung dürften die Investitionen irgendwo im sechsstelligen Bereich liegen. Zudem will das Unternehmen seinen rund 130 Mitarbeitern zumindest das Angebot machen, nachhaltig mobil unterwegs zu sein. Eine E-Bike-Ladestation und vier Ladesäulen für E-Autos versorgen Fahrzeuge mit selbstproduziertem Strom. „Ich wohne in Aplerbeck und lege mir ein E-Bike zu. Auch auf Anraten meiner Frau“, sagt Metin Duman lachend. Zudem sollen vor dem Gebäude sogenannte Smart Poles, intelligente Straßenleuchten künftig nicht nur für Licht, sondern auch für Ladestrom sorgen und zudem noch Wetterdaten sammeln. Bürgermeisterin Ulrike Drossel sieht in dem Standort „ein exzellentes Beispiel für die fortschreitende Energiewende in Holzwickede.“

Vernetztes Gebäude im Eco Port versorgt sich selbst mit Energie

Michael Dannebom, Geschäftsführer der WFG Kreis Unna, der stellvertretende Landrat Martin Wiggermann, Bürgermeisterin Ulrike Drossel, Viessmann-Geschäftsführer Frank Voßloh, Innogy-Bereichsvorstand Joachim Schneider und Metin Duman, Geschäftsführer der Gatter3-Gruppe, (v.l.), stellten die Technik in Holzwickede vor. © UDO HENNES

Das eigene Energiemanagement am Holzwickeder Hauptsitz könnte für Gatter3 in Zukunft zum Geschäftsmodell werden. Aktuell hat sich das Unternehmen deutschlandweit zahlreiche Ausschreibung für die Umstellung von L- auf H-Gas gesichert. „In einem Radius von knapp 300 Kilometern westlich von Dortmund sind wir hier von den Inseln im Norden bis runter nach Koblenz aktiv, zum Teil auch noch im Sauerland“, sagt Duman. L-Gas ist niedriger konzentriert als H-Gas und kommt aus den Niederlanden. Hier endet die Versorgung Ende der 2020er-Jahre. Dann kommt das höher konzentrierte H-Gas aus Osteuropa und Firmen wie Gatter3 führen die Umstellungen in den einzelnen Netzregionen durch. Für die Holzwickeder ein einträglicher Geschäftszweig. „Bis 2028 haben wir Aufträge. Ich könnte sofort 40 Monteure einstellen“, sagt Duman, der aber schon an die Zeit danach denkt: „Wir wollen intelligente Systeme und Handwerk kombinieren.“ Das aktuelle Energiemanagement am eigenen Hauptsitz könne da durchaus als Blaupause für einen künftigen Massenmarkt gelten.

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