Geschenk für Erstklässler: Warum man die Brotdose vom Energieversorger hinterfragen muss

dzLobby-Arbeit an Schulen

In Holzwickede hat es Tradition: Kurz nach Schulbeginn verschenkt ein Energieversorger Brotdosen an Erstklässler. Eine Praxis, die ihre positiven Seiten hat, die in einem erweiterten Kontext aber hinterfragt werden sollte.

Holzwickede

, 10.09.2019, 14:46 Uhr / Lesedauer: 2 min

Dirk Wißel ist gerade im Gespräch mit unserer Redaktion, als ein Dudenroth-Erstklässler an ihn herantritt: „Danke für die Brotdose.“ Klar, jedes Kind freut sich über Geschenke. An diesem Dienstagvormittag sind es grüne Frühstücksboxen gefüllt mit Bleistift, einem Pflanztöpfchen mit Samen und einem Heftchen mit Comic, die der Innogy-Kommunalbetreuer mit Bürgermeisterin Ulrike Drossel verteilt.

Nach eigenen Angaben hat das Unternehmen seit 2006 fast 850.000 dieser Boxen an Schulen verteilt. Mehr als 130 gehen in Holzwickede mit Schulstart an Dudenroth-, Nord- und Aloysiusschule. Innogy macht das, was viele Unternehmen heute an Schulen machen: Lobby-Arbeit. Alleine Brotdosen liefern auf Wunsch auch Sparkasse und die GWA an die Schulen.

Paragraf 99 NRW-Schulgesetz

Sponsoring und Werbung

  • Schulen dürfen zur Erfüllung ihrer Aufgaben für den Schulträger Zuwendungen von Dritten entgegennehmen und auf deren Leistungen in geeigneter Weise hinweisen (Sponsoring), wenn diese Hinweise mit dem Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schule vereinbar sind und die Werbewirkung deutlich hinter den schulischen Nutzen zurücktritt. Die Entscheidung trifft die Schulleiterin oder der Schulleiter mit Zustimmung der Schulkonferenz und des Schulträgers.
  • Im Übrigen ist Werbung, die nicht schulischen Zwecken dient, in der Schule grundsätzlich unzulässig. Über Ausnahmen entscheidet das Ministerium.

Im Falle von Innogy gehört zur Arbeit an Schulen ein ganzes Paket unter dem Namen„3malE“. Klimawettbewerbe, Unterrichtsmaterialien oder ein buchbarer Referent für eine Schulstunde zum Klimawandel – das Portfolio ist umfassend. Und an den Schulen willkommen. „Die Teilnahme am Klimawettbewerb hat der Schule neue Bäume auf dem Hof gebracht. Wir springen nicht auf jedes Pferd – aber Vieles, was nur mit externen Partnern geht, sieht der normale Schulhaushalt nicht vor“, sagt Dudenroth-Schulleiterin Katja Buschsieweke.

Dirk Wißel betont wiederum die soziale Verantwortung, der Innogy durch sein Bildungsangebot inklusive Verteilen von Frühstücksboxen nachkommt. Nicht jedes Kind habe ein Brotdose und so stelle man sicher, dass niemand auf Wegwerf-Verpackungen zurückgreifen müsse. Das wiederum sei ein nachhaltiger Aspekt, der die geschenkte Plastikdose rechtfertige.

Man wolle dafür sorgen, dass auch finanziell benachteiligte Kinder gut ausgestattet in die Schule gehen. „Eine gut begründete kritische Meinung tolerieren wir, aber ich bin sicher, dass 90 Prozent der Eltern die Aktion begrüßen“, sagt Wißel.

Kritik am Lobbyismus in den Schulen

Vielleicht ist es vielen Eltern aber auch egal. Unternehmen engagieren sich schließlich nicht erst seit gestern an Schulen. Dass für sie nur soziale Verantwortung im Vordergrund steht, darf zumindest bezweifelt werden: Es schadet ja nicht, frühzeitig ein positives Bild beim Kunden von morgen zu hinterlassen.

Der Initiative Lobby Control ist das seit Jahren ein Dorn im Auge. Sie befürchtet, dass Kinder dadurch eine Meinung aufgedrängt bekommen sowie Urteilsvermögen und Kritikfähigkeit in jungen Jahren negativ beeinflusst werden.

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